Werkstätten für behinderte MenschenVieles muss sich ändern

In einer Werkstatt steht ein Mann an einer Säge
Über 300.000 Menschen mit Behinderungen arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen. Obwohl zahlreiche Experten und Medienberichte darauf hinweisen, dass die Werkstätten den ursprünglichen Ansprüchen nur selten gerecht werden, hält die Bundesregierung unbeirrt daran fest.

Im Februar lenkte ein Bericht der Fernsehsendung „Team Wallraff“ das Interesse der Öffentlichkeit auf die Situation von Beschäftigten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Neben dem skandalösen Verhalten einzelner pädagogischer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden dabei auch strukturelle Mängel aufgedeckt. Wir haben diese Berichte zum Anlass genommen, um die Bundesregierung nach der Arbeit der Werkstätten zu fragen. Ist es zutreffend, dass Werkstätten ihre Beschäftigten nicht sinnvoll qualifizieren? Ist der Arbeitsalltag tatsächlich hauptsächlich durch eintönige Arbeit gekennzeichnet, weil Aufträge für die Industrie zu erledigen sind? Warum wechseln so wenig Menschen aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?

Werkstätten für behinderte Menschen haben nichts mit Inklusion zu tun

Die Antworten der Bundesregierung sind ernüchternd. Die Werkstätten sind ihrer Ansicht nach bereits Teil des inklusiven Arbeitsmarktes (Antworten auf die Fragen 25 & 26). Das ist eine merkwürdige Sicht auf die Welt, denn Inklusion findet ja dann statt, wenn behinderte und nichtbehinderte Menschen gleichberechtigt und ganz normal zusammen leben, lernen und arbeiten. In einer Werkstatt arbeiten behinderte Menschen in der Regel unter sich. Dass gerade ein SPD-geführtes Ministerium nun erläutert, es sei bereits alles in Butter, ist deprimierend.

Noch deprimierender: Die Bundesregierung traut Werkstattbeschäftigten wenig zu. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn sie meint, wer einmal im Berufsbildungsbereich einer Werkstatt sei, sei sowieso nicht in der Lage einen berufsqualifizierenden Abschluss zu machen. Es sei also nicht nötig, das dort zu ermöglichen (Antwort auf Frage 2). Was aber spricht eigentlich dagegen, auch Menschen im Berufsbildungsbereich Entwicklungspotentiale zuzugestehen? Warum sollen Werkstätten zwar eng mit Betrieben kooperieren und ihre Qualifizierungsmaßnahmen praxisnah gestalten, aber keine Abschlüsse anbieten, die den Wechsel auf den Arbeitsmarkt ermöglichen? Bei dem einen oder der anderen zeigt sich vielleicht erst im Laufe der Zeit, dass das möglich ist.

Gewaltschutz in Werkstätten für behinderte Menschen muss verbessert werden

Auch beim Thema Gewaltschutz hält die Bundesregierung lieber die Füße still. Während die Werkstatträte fordern, eine bessere Kontrollinstanz einzurichten, um emotionale Gewalt gegen Werkstattbeschäftigte zu verhindern, verweist die Bundesregierung auf die Frauenbeauftragten (Antwort auf Frage 8). Die Frauenbeauftragten machen eine wichtige Arbeit, aber sie müssten von einer staatlichen Stelle unterstützt werden. Die Bundesregierung lässt sie im Regen stehen.

Das verwundert nicht, denn die Bundesregierung interessiert sich nicht sonderlich für die Praxis. Auf unsere Fragen zur Qualität der Arbeit von Werkstätten erhalten wir keine hilfreichen Antworten. Die Arbeit der Werkstätten wird vereinzelt durch die Bundesagentur für Arbeit oder die Träger der Eingliederungshilfe überprüft (Antwort auf Frage 4) – Prüfergebnisse trägt die Bundesregierung aber nicht zusammen. So wird natürlich nicht systematisch ausgewertet. Die Antworten auf unsere Fragen zu den Inhalten der Qualifizierungen erwecken den Eindruck als wären sie direkt dem Werbeprospekt einer Werkstatt entnommen.

Werkstätten müssen behinderte Menschen motivieren und qualifizieren

Wer in einer Werkstatt arbeitet, hat das Recht auf einen geschützten Raum und auf Unterstützung. Gleichzeitig muss es Möglichkeiten geben, diesen Raum auch wieder zu verlassen. Das ist nur möglich, wenn Werkstätten gut qualifizieren und ihre Beschäftigen motivieren, den Schritt aus der Werkstatt zu wagen. Wenn weniger als ein Prozent jährlich die Werkstätten verlassen, muss sich etwas ändern. Die Bundesregierung gibt sich viel Mühe zu erklären, warum alles bleiben kann, wie es ist. Sie wirkt dabei wie ein Kapitän, der sich auf veraltete Seekarten stützt, ohne aus dem Fenster zu blicken. Dies birgt die Gefahr, dass sein Schiff auf Grund läuft.

Diesen Text bieten wir auch in Leichter Sprache an.

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1 Kommentar
Verantwortungsloses Vorgehen
Hoelzl 21.06.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,
um die Dinge auf den Punkt zu bringen, es handelt sich um Geld,
warum keine behinderten Menschen an der Inklusion teilhaben. Der
Staat wirft diesen Werkstätten Geld hinterher, obwohl der Leidtragende
der Behinderte Mensch als solches ist, er muss Tag für Tag in ein solcher Werkstatt anwesend sein. Es gelten nicht einmal Gesetzte, wie der
gesetzliche Mindestlohn.

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