OECD-StudieAufstiegschancen verbessern!

Studierende im Hörsaal einer Universität
Wie viele Kinder von Eltern, die nicht studiert haben, schaffen in Deutschland einen Hochschulabschluss? Vergleicht man die Durchschnittszahlen der OECD-Länder mit jenen aus Deutschland, werden krasse Unterschiede deutlich. Die aktuelle OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" zeigt - bei einigen positiven Aspekten - noch weitere Probleme auf.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am 12. September 2017 ihre jährliche Studie „Bildung auf einen Blick“ veröffentlicht. Die aktuellen Zahlen zeigen manches Licht, aber auch den immerwährenden Schatten: Bildungsaufstieg ist in Deutschland für viel zu viele Kinder und Jugendliche noch immer ein leeres Versprechen. Seit Jahren werden die Chancen der Digitalisierung kaum genutzt. Dabei geht es nicht nur um technische Kompetenzen, sondern vor allem darum, dass mit ihr endlich das individuelle Fördern Einzug halten würde in die Klassenzimmer.

Unser Bildungssystem macht weiterhin dicht

Wieder schreibt die OECD Deutschland ins Stammbuch, dass unser Bildungssystem dicht macht, statt nach oben zu bringen. Wenn die Eltern nicht studiert haben, schafft im OECD-Durchschnitt jeder Fünfte trotzdem einen Hochschulabschluss. Bei uns schafft das nur jeder Siebte. Das bleibt eine große Ungerechtigkeit und eine immense Vergeudung von Lebenschancen. Es war schon denkwürdig, dass die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts die Ungerechtigkeit gegenüber Kindern, deren Eltern nicht studiert haben, noch nicht einmal anerkennen wollte, sondern die OECD für methodische Bewertungen kritisierte.

Wie viele Kinder von Eltern, die nicht studiert haben, schaffen einen Hochschulabschluss?

Vergleicht man die Durchschnittszahlen der OECD-Länder mit jenen aus Deutschland, werden krasse Unterschiede deutlich. Der Vertreter der OECD nannte in der Pressekonferenz die Zahlen:

Studienabschlussquote der heute 30- bis 44-Jährigen, deren Eltern nicht studiert haben:

  • 14 Prozent in Deutschland
  • 20 Prozent im OECD-Schnitt

20 Prozent sollten nicht das Ende einer engagierten Bildungspolitik sein. Gerecht wäre es, wenn die Quote so hoch wäre wie die derjenigen, deren Eltern studiert haben. Das sind derzeit 40 Prozent. Es bleibt also noch viel zu tun.

Wir brauchen endlich mehr Ganztagsschulen

Im Kita-Bereich haben die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern in den letzten Jahren eine echte Verbesserung gebracht. Seit der Einführung des Kooperationsverbotes durch Union und SPD im Jahr 2006 stagniert aber der Schulbereich. So ist die Halbtagsgrundschule in Deutschland ein Dinosaurier. Kinder lernen dort rund 700 Stunden im Jahr. Im OECD-Durchschnitt sind es 800. Nicht nur Fachleute, auch die Eltern wissen, wie viele Herausforderungen und Anregungen Kinder in dem Alter bewältigen wollen, ja brauchen. Die kann ihnen allen nur eine gute Ganztagsschule bieten. Denn in vielen Familien ist weder genug Zeit noch genug Geld, um selbst am Nachmittag für vielfältige Anregungen zu sorgen. Deswegen muss an die gute Kita endlich flächendeckend eine gute Ganztagsgrundschule anschließen. Denn was ein Kind im frühen Alter nicht aufholt, ist später kaum noch zu schaffen.

Es werden zu wenig Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet

Statt bester Schulmodelle diskutiert die Republik gerade überall den Lehrermangel. Von Halle bis Hamm, von Ratzeburg bis Ravensburg fehlen die Lehrkräfte. Die OECD zeigt, dass das kein Zufall ist und auch nicht nur an den vielen in den letzten Jahren zugereisten Kindern und Jugendlichen liegt. Sie fordert Deutschland auf, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Hier müssen die Länder endlich Farbe bekennen und sich im Gesamtinteresse endlich besser koordinieren.

Bildungsausgaben weiterhin weit unter dem Durchschnitt

Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stagniert. Deutschland hinkt kontinuierlich um fast 30 Milliarden Euro hinter dem OECD-Durchschnittswert hinterher. Bei dieser Größe der Lücke fällt kaum ins Gewicht, ob die zwei Milliarden für das BAföG mitgezählt wurden oder nicht. Gewaltige Steuerüberschüsse und unterfinanzierte Bildungseinrichtungen passen nicht zusammen. Denn diese Lücke können Bund, Länder und Gemeinden nur gemeinsam schließen. Bund und Länder müssen partnerschaftlich mehr Geld in Bildung, Forschung und Entwicklung investieren. Wenn die Eltern von Flensburg bis Füssen nach mehr guten Ganztagsschulen für ihre Kinder rufen, dann darf sich eine Bundesbildungsministerin nicht mit beiden Händen die Ohren zuhalten, sondern muss mit anpacken. Kinder und Eltern werden wenig Geduld mit der gesamten Politik haben, wenn diese die Probleme nicht löst, sondern stattdessen die verschiedenen Verantwortlichen nur reihum mit dem Finger aufeinander zeigen.

Drängende Aufgabe: Zukunftsfähigkeit der Schulen

Die nächste Bundesregierung muss Bildungsgerechtigkeit zum zentralen Thema machen. Unsere Zukunft hängt davon ab – als sozial ausgerichtete Gesellschaft und als innovative Wirtschaft. Deswegen steht die Zukunftsfähigkeit der Schulen als tragende Zukunftssäule im Mittelpunkt. Das Kooperationsverbot muss weg! Niemand darf sich dahinter verstecken. Stattdessen muss Deutschland als Ganzes den Ehrgeiz entwickeln, gemeinsam allen Kindern und Jugendlichen die bestmöglichen Startchancen zu geben. Denn wenn sie die nicht haben, kostet uns das alle viel zu viel. Es geht nicht um einen Wettbewerb zwischen 16 Bundesländern, bei dem das eine gewinnt und das andere verliert. Verliert auch nur eins, verlieren alle. Denn ganz Deutschland steht im globalen Wettbewerb der Leistungsfähigkeit.

Die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" wird seit 1996 jährlich erstellt. Sie vergleicht verschiedene Bildungsindikatoren. Dabei wird das gesamte Bildungssystem erfasst - von Kindergarten und Vorschule bis zur Erwachsenenbildung. Beleuchtet werden Bildungsbeteiligung, Absolventenquoten, Bildungsausgaben sowie zu Weiterbildung und zu Lehr- und Lernbedingungen.

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