BildungsgerechtigkeitBildung im Einwanderungsland

Flüchtlingskinder lernen Deutsch.

Die Einigkeit der Sachverständigen bei der Anhörung am 24.2.2016 im Bildungsausschuss war groß: Das Bildungssystem in Deutschland ist ungerecht. In den letzten Jahren wurde einiges erreicht, aber es bleibt noch viel zu tun. Die hohe Zahl der Neuankömmlinge macht viele alte Probleme nur sichtbarer. Um Chancen zu geben und Potenziale zu heben, muss die öffentliche Hand jetzt viel investieren. Je weniger eine Gesellschaft in Stereotypen gefangen ist, desto gerechter kann sie sein.

Im Sommer 2015 hatte sich die Grüne Bundestagsfraktion vorgenommen, zu Beginn des Jahres 2016 die Bildungsungerechtigkeit im Bundestag zum Thema zu machen. Wir haben einen umfassenden Antrag zu dem Thema geschrieben und die Anhörung zum Thema „Bildung in der Einwanderungsgesellschaft“ bewirkt. Sieben Sachverständige, vom Handwerk über die Migrations- und Bildungsforschung und den Deutschen Akademischen Auslands Dienst (DAAD) bis zur Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilten im Wesentlichen unsere Befunde. Und sie formulierten an Bund, Länder und Gemeinden:

  • Wer gute Bildung will, braucht gute Bildungsorte mit guten Fachkräften in guten Arbeitsbedingungen.
  • Wer für alle den Bildungserfolg will, braucht gute Beratung und gute Kommunikation mit Familien, Betrieben und anderen Bildungseinrichtungen.
  • Wer die Veränderung der Gesellschaft sieht, muss sich für interkulturelle Kompetenzen und individuelle Förderung einsetzen.
  • Wer die öffentlichen Mittel effizient für gute Bildung einsetzen will, braucht schnelle Zugänge ohne Warteschleifen, breite Vernetzung und aktuelles Wissen, damit „das System lernen kann“.
  • Wer gute Integration will, braucht einen Masterplan, in dem die Bildung an zentraler Stelle steht, ohne dass Zuständigkeitsfragen dabei im Weg stehen.
  • Und nicht zu vergessen: Das alles kostet Geld. Aber das lohnt sich!

Praxis und Wissenschaft benannten aber nicht nur die Aufgaben der öffentlichen Hand und der Bildungseinrichtungen. Auch die Gesellschaft hat gut zu tun: Alte Versäumnisse haben nicht nur das Vertrauen in Institutionen und Aufstiegsmöglichkeiten angekratzt, sondern greifen sogar das Selbstvertrauen an. Schulbücher vermitteln auch im Jahr 2016 nicht Wissen und Offenheit, sondern zu oft noch stereotype Vorstellungen und Vorurteile. Die wirkliche Öffnung von Kitas, Schulen und Hochschulen für alle in Deutschland Lebenden steht noch immer aus; nicht nur als Arbeitsplätze, sondern auch als Orte gleichberechtigten Miteinanders von Familiensprachen, Ethnien, Religionen und sozialen Herkünften. Dieses Einheitsgrau, wo Farbenfülle angebracht wäre, nimmt nicht nur Einzelnen die Chancen, sondern allen das, was in einem wertschätzenden Miteinander möglich wäre.

Fazit der Veranstaltung: „Bildung kann nicht warten“, wie es GEW-Chefin Marlis Tepe formulierte. Der Bildungspsychologe Professor Dr. Haci Halil Uslucan stimmte ihr zu: „Begabung verschwindet, wenn sie nicht genutzt wird“. Bund und Länder sind in der Verantwortung. Sie müssen sich schleunigst auf einen echten Integrationsfahrplan verständigen, damit die Bildungsangebote in Deutschland allen zu ihren Chancen verhelfen.

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