OECD-BildungsberichtBildungssystem verstärkt soziale Ungleichheit

Erstklässler mit Schultüte
Der OECD-Bericht ist eine riesige Datenmenge. Wer will, kann ihn falsch interpretieren, wie es die Bundesregierung macht. Die Zahlen schön zu rechnen, hilft den jungen Menschen und ihrer Chance auf gute Bildung nicht weiter.

Jeden Herbst legt die OECD ihre überbordende Datensammlung zur Bildung vor, von der Kita bis zur Weiterbildung. In der Fülle findet jede und jeder Gründe für Freude und für Kritik. Aber die soziale Ungerechtigkeit ist kein Merkmal unter vielen. Soziale Ungerechtigkeit wirft einen Schatten auf jeden vermeintlichen Erfolg.

Bildungsdaten zu interpretieren heißt, die Bäume trotz Wald genau anzuschauen. Manche Fragen hat der von Daten überfließende Bericht tatsächlich nicht gestellt: So wird zum Beispiel nicht gefragt, wer einen Migrationshintergrund hat. Aber die Fragen und Zahlen erfassen die soziale Herkunft. Dadurch wird deutlich: In Deutschland ist die soziale Herkunft noch immer eine relativ hohe Hürde auf dem Weg zu guter und lebenslanger Bildung. Das fängt bei der Kitabeteiligung an, geht über den Schul- und Ausbildungsabschluss und reicht bis zur Beschäftigungssicherheit.

Mehrere zehntausend Jugendliche ohne Schulabschluss

Wie immer ging es bei der jährlichen OECD-Pressekonferenz vor allem um Zahlen. So haben 5,8 Prozent der SchulabgängerInnen 2015 keinen Abschluss geschafft. Damit ist die Zahl deutlich geringer als vor zehn Jahren. Das ist ein Grund zur Freude. Aber niemand darf sich damit zufriedengeben. Denn hinter dieser im internationalen Vergleich geringen Zahl verbergen sich jedes Jahr mehrere zehntausend Jugendliche. Diese jungen Menschen, überwiegend junge Männer, haben es im weiteren Leben sehr schwer. Sie haben nur sehr geringe Chancen auf einen Job und damit ein eigenständiges Leben. Sie brauchen Unterstützung.

200.000 Jugendliche finden im Anschluss an die Schulzeit keinen Job

Im internationalen Vergleich klappt der Übergang zwischen Schule und Beruf gut. Aber wer auch diese Statistiken genau anschaut, entdeckt die fast 200.000 junge Leute, die den Übergang eben nicht schaffen. Das sind nicht nur diejenigen ohne Schulabschluss, sondern auch die, die sich für einen Hauptschulabschluss oder sogar einen Mittleren Schulabschluss angestrengt haben.

Internationaler Vergleich hinkt

Je nachdem wo sie wohnen oder wie sie heißen, haben sie trotzdem keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Ihnen hilft kein internationaler Vergleich, ihnen hilft nur ein aufmerksames Bildungssystem, dass ihnen Chancen und Einstiege bietet, sie nicht vergisst oder nur verwahrt. Wir setzen auf unser Konzept der Grünen Ausbildungsgarantie, die jeder und jedem konkrete Angebote macht.

Bei den Studierenden kritisierte Ministerin Wanka den Ansatz der OECD, die Forschungsmittel der Hochschulen nicht bei der Finanzierung der Studienplätze zu berücksichtigen. Sie argumentierte, dass die Forschungsstärke der Kern der Universitäten sei, so dass die Forschungsausgaben an den Hochschulen eingerechnet werden müssten. Im Ergebnis lägen die Studienplatzausgaben dann über dem OECD-Durchschnitt.

Studienplätze sind unterfinanziert

Diese formale Kritik zeigt die Schwäche der gesamten Studie: Der Wunsch nach internationaler Vergleichbarkeit zwingt zu groben Rastern. Wer ehrlich ist, kann die Mittel aus der Exzellenzinitiative nicht auf alle Hochschulen umlegen. Die Aussage der OECD stimmt im Kern: die meisten Studienplätze in Deutschland sind unterfinanziert. Und das auch, weil der Bund im Hochschulpakt einen zu geringen Bedarf angesetzt hat und weil er sich trotz Öffnung der Verfassung vor fast zwei Jahren noch immer nicht in der Grundfinanzierung der Hochschulen nachhaltig engagiert. Deswegen fordern wir eine Aufstockung des Hochschulpakts und mehr Investitionen in die Infrastrukturen des Wissens.

Die Weiterbildungsbeteiligung ist zwar gestiegen, erreicht aber bei weitem nicht die Anteile wie in den Vorreiterländern Skandinaviens. Außerdem bleibt ein Problem ungelöst: je höher die Ausbildung war, desto wahrscheinlicher ist die Teilnahme an Weiterbildung. Wer aber ohne Abschluss oder mit einem geringwertigen Abschluss in die Arbeitswelt einsteigt, kommt später kaum noch weiter. Das wollen wir ändern, dafür haben wir unser Modell BildungsZeitPlus entworfen.

Die Bundesministerin und der Vize der Kultusministerkonferenz saßen bei der Präsentation einmütig nebeneinander. Beide betonten, dass Bund und Länder mehr in Bildung investieren müssten. Die Nachfragen zum Kooperationsverbot ließen beide ins Leere laufen. Zwar nannten sie Reformbedarfe wie die Digitalisierung und die Integration, hielten sich aber beide nicht damit auf, wer was tun könnte und sollte. Stattdessen widmeten sie sich noch einmal kurz dem alten Streitpunkt, was die Länder aus den Mitteln gemacht haben, um die der Bund sie durch seine Übernahme des BAföG entlastet hatte.

Solch oberflächliche Einigkeit bringt die Bildung in diesem Land nicht voran. Sie lässt die jungen Menschen, um deren Lebenschancen es geht, im Regen stehen. Deswegen geht es nicht nur darum, gegen das Kooperationsverbot die Verfassung mit einer Zweidrittelmehrheit in Bundesrat und Bundestag zu ändern. Es geht auch darum, sich mit einer überwältigenden politischen und gesellschaftlichen Mehrheit dafür einzusetzen, dass die Bildungs- und Lebenschancen vieler Menschen in unserem Land endlich besser werden. Von den ganz Kleinen bis zu den Älteren, von den Unterforderten bis zu den Überforderten, von den Ballungszentren bis zum ruhigsten Fleckchen. Denn Bildungs- und Teilhabechancen sind der Kern einer gerechten Gesellschaft.

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