Ifo-Bildungsbarometer 2017Das Bildungsbarometer steht auf Veränderung

Lehrer und SchülerInnen am Robert-Koch-Gymnasium in Berlin
Die Ergebnisse des ifo-Bildungsbarometers müssten der großen Koalition in den Ohren klingeln. So sprachen sich zum Beispiel fast 60 Prozent der Befragten für ein Ganzagsschulsystem aus. Doch der Schuh drückt auch an anderen Stellen.

Mit großer Mehrheit zeigen die Deutschen, dass sie kein Kooperationsverbot wollen, sondern den Aufbruch für gute, moderne und ganztägige Schulangebote, die auch die digitale Welt einbeziehen. Das ergibt sich aus dem ifo Bildungsbarometer 2017. Drei Viertel der Bevölkerung will endlich eine Bildungspolitik, die nicht hin und her schwankt, sondern aus Erfahrung lernt und sich weiterentwickelt. Das darf im 21. Jahrhundert nicht an formalen Zuständigkeiten scheitern, bei denen mehr Ideologie als Vernunft im Spiel ist. Deshalb muss das Kooperationsverbot dringend weg. Es geht jetzt um mehr Unterstützung des Bundes für gute Schulen und Digitalisierung und um mehr Einsatz der Länder für gut ausgebildete Lehrer, damit sie dem Alltag der Jugendlichen nicht hinter hecheln. Denn bisher trägt die Digitalisierung zu einer Verschärfung der Ungleichheit bei. Sie findet überwiegend zu Hause statt. Das sinnvolle Nutzen digitaler Medien darf nicht weiter vor allem von der Herkunft und Bildung der Eltern abhängen.

Digitalisierung: Flächendeckend, technisch und didaktisch

Die Bundesregierung muss die Schulen entschlossener und umfassender unterstützen, damit allen Schülerinnen und Schülern das Lernen für die digitale Welt ermöglicht werden kann. Denn nur so kann Deutschland zukunftsfit bleiben. Die Bundesregierung hat vier Jahre lang offensichtlich nicht begriffen, dass es ohne echte „Bildung 4.0“ keine „Arbeit 4.0“ geben wird.

Seit 2014 liegen die Ergebnisse der Studie zur IT-Kompetenz von Achtklässlern vor. Nach wie vor herrschen Mittelmaß und große Kompetenzunterschiede entlang der sozialen Herkunft von Kindern und Jugendlichen. Es ist zu wenig geschehen: Ein Strategiepapier der Länder, eine Ankündigung der Bundesbildungsministerin. Hier müssen endlich Verabredungen getroffen und die Veränderungen auf den Weg gebracht werden.

Dabei muss sich auch die Digitalisierung der Kernherausforderung des deutschen Bildungssystems stellen: Wie kann die soziale Ungleichheit verringert und der soziale Aufstieg erleichtert werden? In dieser Frage scheint die Gesellschaft gespalten zu sein. Eine ganz schmale Mehrheit von 51 Prozent erwartet, dass die Digitalisierung zumindest nicht zu größerer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem führen wird. Fast die Hälfte – 44 Prozent der Befragten – gehen aber davon aus, dass die soziale Ungleichheit im Bildungssystem mit und trotz Digitalisierung stärker werden wird. Für diese Befürchtungen gibt es zwei naheliegende Gründe:

  • Schulen in schwierigeren Lagen haben oft nicht die lautstarke Elternschaft und kamen bei Renovierung und Ausstattung bisher oft nicht als Erste zum Zuge.
    Es kann nicht sein, dass diese Schulen bei der digitalen Ausstattung hinterherhinken. Eine solche Ungerechtigkeit muss ein flächendeckendes Bundesprogramm mit allem Nachdruck verhindern. Dafür werden wir uns einsetzen.
  • Weil sie schon jetzt viele andere Herausforderungen meistern müssen, haben Lehrerinnen und Lehrer weder die Zeit noch die Kompetenz, um die Chancen der Digitalisierung mit den Kindern zu nutzen.
    Die Länder müssen Schulen endlich in einer Weise stärken, dass dies nicht geschieht. Wir wollen ihnen mit einem Bundesprogramm zur Seite stehen und dadurch Schulen in benachteiligten Stadtquartieren oder Regionen mit mehr pädagogischem Personal und mehr Mitteln ausstatten.

Der Dinosaurier Halbtagsschule

Deutlich bleibt, dass endlich ein neues Ganztagsschulprogramm des Bundes her muss: 2017 sprechen sich 59 Prozent der Befragten dafür aus, dass Deutschland generell zu einem Ganztagsschulsystem wechseln sollte, in dem alle Kinder bis 15 Uhr in der Schule sind. Unter Eltern liegt diese Zahl sogar noch höher. Die Halbtagsgrundschule führt dazu, dass Kinder in Deutschland nach vier Schuljahren schon einen Rückstand von einem halben Jahr Unterricht haben. Darauf weist die OECD in ihrem aktuellen Bericht „Bildung auf einen Blick 2017“ hin. Auch hier muss schleunigst etwas passieren. Wir schlagen ein neues Ganztagsschulprogramm vor, das mit vier Milliarden Euro den Ausbau eines flächendeckenden Angebots unterstützen soll.

Aus Erfahrung lernen

Aber nicht nur die längst überfällige Digitalisierung an den Schulen muss endlich kommen. Das Hin und Her zwischen G8 und G9 hat Spuren hinterlassen. Drei Viertel der Befragten wollen, dass Auswirkungen von Reformen im Bildungssystem – genau wie neue Medikamente – zunächst im kleineren Rahmen getestet werden. Auch wenn das natürlich nicht eins zu eins übertragbar ist, so zeigt die Zustimmung doch, worum es den Menschen geht. Sie wollen kein politisches Hin und Her, weil wechselnde Koalitionen mehr oder weniger Geduld mit den Reformen der Vorgänger haben. Es geht um gute Schulen mit gutem Unterricht und damit um Schulen, die Kindern und Jugendlichen das Rüstzeug geben, die Herausforderungen der Zeit zu meistern. Formale Zuständigkeiten sollten dem nicht entgegenstehen und schon gar nicht in der Verfassung stehen.

Steuermittel sinnvoll einsetzen

Optimistisch stimmt: Die Befragten wissen, dass die notwendigen Verbesserungen nicht kostenlos zu haben sind. Sie sind in einer überwältigenden Mehrheit von 81 Prozent bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Das ist eine gute Basis. Es geht nicht um Steuersenkungen, sondern um Zukunftsinvestitionen. Bund, Länder und Kommunen müssen eine gemeinsame Bildungsoffensive beginnen. Dabei geht es

  • um mehr Bundesgeld für gute Schulen und Digitalisierung,
  • um mehr Ländergeld für gut ausgebildete und bezahlte Lehrerinnen und Lehrer und
  • um einen größeren kommunalem Einsatz, bei den Schulen in schwierigen Lagen sofort loszulegen.

Inklusion ist eine Herausforderung, aber eben auch ein Recht

Immer weniger Menschen sprechen sich für die schulische Inklusion von Kindern mit Behinderung aus. Das ist bedrückend. Die Unterstützung ist von 2014 auf 2017 um drei Prozentpunkte auf 56 Prozent gesunken. Ein zugespitzter und teilweise schon böswilliger Wahlkampf im größten Bundesland führt nun dazu, dass einer großen Gruppe von Kindern und Jugendlichen ihr Recht auf Zugehörigkeit abgesprochen wird. Das ist ein verheerendes Zeugnis für Deutschland. Bund und Länder müssen in den kommenden Jahren viel besser kooperieren. Das Bundesteilhabegesetz muss in der nächsten Wahlperiode schleunigst so reformiert werden, dass Inklusionshilfen im Unterricht sinnvoll gebündelt werden können.

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