Berufsbildungsbericht 2017Der Berufseinstieg klappt nicht

BildungsCenter Südthüringen in Zella-Mehlis
Der Berufsbildungsbericht 2017 belegt erneut, dass viele junge Menschen keine Ausbildungsplätze bekommen. Gleichzeitig meldet die Wirtschaft, sie könne keine qualifizierten Fachkräfte finden. Wie passt es zusammen, dass nur noch einer von fünf Betrieben ausbildet?

Der Berufsbildungsbericht 2017 für Deutschland zeigt großen Handlungsbedarf: Hauptschülerinnen und Hauptschüler müssen beim Einstieg früh und gezielt unterstützt werden, Interessierte müssen besser zum Betrieb „gebracht“ werden, Geflüchtete müssen viel gezielter vorbereitet und dann im Betrieb unterstützt werden. Ideen der Koalition? Fehlanzeige.

Nur noch jeder fünfte deutsche Betrieb bildet aus

Auch 2016 haben wieder viele junge Menschen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz gesucht. Im März 2017 hatten fast 300.000 von ihnen den Weg von der Schule in die Ausbildung nicht geschafft. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit mehr oder weniger sinnvoll in einem Übergangsangebot.

Bald werden die jungen Ausbildungsplatzsuchenden der Wirtschaft als Fachkräfte fehlen. Darüber beklagt sich die deutsche Wirtschaft laut und vernehmlich. Gleichzeitig bildet aber nur noch jeder fünfte Betrieb aus. Und diese Zahl geht kontinuierlich zurück.

Laut Berufsbildungsbericht 2017 ist die duale Berufsausbildung „ein tragender Pfeiler der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und zentral für den Zusammenhalt der Gesellschaft.“ Der schleichende Ausstieg der Unternehmen aus diesem Pfeiler ist mehr als ein Armutszeugnis. Er ist eine bedrohliche Entwicklung, der die Bundespolitik konkrete Verbesserungsvorschläge entgegensetzen muss.

Bundesregierung hält sich nicht an „Ausbildungsgarantie“

Die Koalition aus Union und SPD war 2013 mit großen Ankündigungen gestartet. Im Koalitionsvertrag war von einer „Ausbildungsgarantie“ die Rede. Davon ist schon lange keine Rede mehr. Stattdessen haben CDU, SPD und CSU sich allein auf dem Ruhekissen der guten Konjunktur ausgeruht. Sie haben keine der beunruhigenden Entwicklungen gestoppt, die jede Bildungsministerin um den Schlaf bringen muss:

Jugendliche mit Hauptschulabschluss

Jugendliche mit Hauptschulabschluss haben kaum noch Chancen auf einen Ausbildungsplatz ihrer Wahl und an ihrem Wohnort. Für zwei Drittel der Ausbildungsplätze, die die Industrie- und Handelskammern anbieten, ist der mittlere Schulabschluss die Voraussetzung. Es ist also kein Wunder, dass sich die Eltern in fast allen Bundesländern für ihre Kinder gegen den Besuch der Hauptschule entscheiden.

Soziale und regionale Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt

Seit drei Jahren spricht die Bundesbildungsministerin von den auch daraus resultierenden „regionalen Disparitäten“, die der Bericht aufzeige. Bis heute fehlt dieser Regierung aber jede Idee, wie soziale und regionale Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt verringert werden können. Nichts zu sehen von einem Wohnheimprogramm auf der Basis von §80a SGB III, verlässlichen Mobilitätshilfen etwa durch einen Pakt mit den Kammern oder regionale Netzwerke im Bereich der Berufsorientierung und Schulpraktika.

Mehr Qualität von Ausbildungsangeboten

Im Rahmen der Allianz für Aus- und Weiterbildung hätten Bund und Länder auch die Qualität von Ausbildungsangeboten und damit ihre Attraktivität gezielter fördern sollen. Die Vertreterinnen und Vertreter der Berufe mit einem hohen Anteil an unbesetzten Ausbildungsplätzen: Nahrung, Hotel und Gaststätten wissen ja, warum ihre Ausbildungsangebote auf so wenig Interesse stoßen.

Berufsschulen auf aktuellen Ausstattungsstand bringen

Damit die berufliche Ausbildung attraktiv bleibt, müssen auch die Berufsschulen attraktiv und auf dem aktuellen Ausstattungsstand sein. Nun steht innerhalb der Bundesregierung der angekündigte Digitalpakt, der die Berufsschulen ans Netz und ins digitale Zeitalter bringen sollte, unter anderem wegen der Erhöhung des Verteidigungsetats in Frage. Wenn er nicht kommt, könnte die Attraktivität der Berufsausbildung gerade für junge Menschen mit Studienberechtigung sinken.

Ausbildungsinteressierten Geflüchteten den Weg in die Betriebe ebnen

Selbst nach zwei Jahren ist die Bundesregierung nicht in der Lage, Integrationskurse so zu strukturieren, dass ausbildungsinteressierte Geflüchtete den Weg in die Betriebe schaffen. Hier muss endlich ein Integrationsmodul flächendeckend angeboten werden, an dem sich allgemeinbildende, aber vor allem berufliche Schulen, Überbetriebliche Berufsbildungsstätten und Betriebe beteiligen. Auch die Angebote zur Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ausbilder für das interkulturelle Lernen und Lehren sollten durch den Bund in Zusammenarbeit mit den Kammern deutlich ausgebaut werden.

Ab Herbst wird sich eine neue Regierung all diesen Aufgaben schleunigst stellen müssen. Wir haben vorgearbeitet und sowohl eine grüne Ausbildungsgarantie erarbeitet („Mit einer echten Ausbildungsgarantie das Recht auf Ausbildung umsetzen“, Drs. 18/4938) als auch ein Berufsschulförderprogramm im Haushalt 2017 vorgeschlagen (Entschließungsantrag zum Haushaltsgesetz 2017, Drs. 18/10420) und die Integration durch Ausbildung erleichtert („Zugang zu Bildung und Ausbildung für junge Flüchtlinge sicherstellen“ Drs. 18/6198).

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