Bildungsbericht 2016Deutschland braucht eine echte Bildungsoffensive

Bundesbildungsbericht liegt auf einem Tisch

In den letzten Jahren hat sich bei der individuellen Förderung von Kindern und Jugendlichen einiges verbessert, aber es bleibt viel zu tun. Die Heterogenität in deutschen Kitas und Klassenzimmern nimmt weiterhin zu. Vom Klassenzimmer über den Unterricht bis zur Aus- und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer muss die Vielfalt der Kinder und Jugendlichen zum Leitfaden werden. Nur wenn Bildung individuell ausgerichtet und ganzheitlich für ein durchlässiges Lernen von der Kita bis zur Hochschule gedacht wird, können Kinder und Jugendliche ihre Potenziale entfalten.

Jugendliche mit Migrationshintergrund haben in den letzten Jahren ihre Leistungen verbessert, das zeigt der Bericht. Aber die Kluft zu den Nicht-MigrantInnen bleibt. Ganz krass zeigt sich das bei den ausländischen Jugendlichen, der einzigen Teilgruppe mit Migrationshintergrund, die durchgehend mit diesem Merkmal erfasst wird: Sie verließen mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Hauptschulabschluss wie deutsche und sie erreichten dreimal seltener die Hochschulreife. Das hat nicht nur mit Staatsangehörigkeit oder Familiensprache zu tun, sondern sehr stark mit der sozialen und ökonomischen Lebenslage, in der die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

Die aktuellen Daten zeigen für die Forscher aber auch ein neues Phänomen: „die regionalen Rahmenbedingungen üben einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg aus.“ So Prof. Dr. Kai Maaz, vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, der Studienleiter. Eine weitere Herausforderung für Bildungspolitik- und –praxis: Die Lebensverhältnisse innerhalb Deutschlands werden immer unterschiedlicher. In der jährlichen Betrachtung der beruflichen Bildung zeigt sich das schon seit zwei Jahren: Anbietende Betriebe und suchende Jugendliche sind Hunderte von Kilometern voneinander entfernt. Zwar hat die Allianz für Aus- und Weiterbildung kürzlich beschlossen, die Mobilität von Jugendlichen zu unterstützen. Konkrete Maßnahmen gibt es bisher aber noch nicht.

Lokale Unterschiede

Nun zeigt sich auch in Kita und Schule, dass nicht jeder Wohnort gleiche Chancen bietet: So besucht mehr als ein Drittel der Kinder mit nicht deutscher Familiensprache laut Bericht Kindertagesstätten, in denen die Mehrheit der Kinder zu Hause ebenfalls kaum Deutsch spricht. In Ballungszentren wie Berlin, Frankfurt oder München besuchen nach dem Bericht sogar mehr als die Hälfte der Kinder solche Kitas. Das so wichtige Voneinander-Lernen wird bei der Sprache damit fast unmöglich. Ähnliches gilt für viele Grundschulen.

Hier darf der Bund nicht tatenlos zuschauen. Sonst werden wirtschaftlich und sozial schwächere Regionen jede Perspektive verlieren und endgültig abgehängt. Dabei allein auf freie, das heißt zu einem bedeutenden Teil privat finanzierte Bildung zu setzen, ist keine Lösung. Nur wenn alle Kinder und Jugendlichen gute Chancen bekommen, kann die soziale Schieflage abgebaut und Aufstieg durch Bildung möglich werden. Denn Bildungspolitik ist Integrations-, Sozial- und Wirtschaftspolitik und damit auch Bundessache.

Die Grüne Bundestagsfraktion hat die Bundesregierung schon im Dezember letzten Jahres aufgefordert, gemeinsam mit den Ländern eine Bildungsoffensive zu starten, die flächendeckend ein inklusives und chancengerechtes Bildungssystem schafft. Unser Antrag „Mehr Bildungsgerechtigkeit für die Einwanderungsgesellschaft – Damit Herkunft nicht über Zukunft bestimmt“ (Drs. 18/7049) zeigt, was wir für nötig halten.

Deutschland muss für seine Zukunftsfähigkeit genug Geld in die Bildung investieren. In absoluten Zahlen sind die Bildungsausgaben zwischen 2013 und 2014 zwar angestiegen, in der guten konjunkturellen Lage der letzten Jahre ist ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) aber gesunken. Trotz aller internationalen Versprechen gibt Deutschland noch immer weniger als sieben Prozent des BIP für Bildung aus. Die Menschen in Deutschland können nur hoffen, dass die schwarz-rote Bundesregierung ihre Verantwortung für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse annimmt. Wer am Kooperationsverbot festhält, obwohl es die soziale und regionale Spaltung verschärft, macht sich schuldig an der jungen Generation.

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