Berufsbildungsbericht 2014Endlich allen Schulabgängerinnen Ausbildung ermöglichen

Die Bundesregierung muss endlich die strukturellen Probleme in der Berufsbildung beheben! Wer nur auf Ziffern schaut, mag wie Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit „relativ entspannte Lage“ sehen. Wer genauer hinschaut und sich für die gut 800.000 ausbildungsinteressierten jungen Menschen interessiert, erkennt die gravierenden Probleme: Für mehr als 280.000 junge Menschen gab es 2013 nämlich keinen Ausbildungsplatz.

Rekordtief bei neuen Ausbildungsverträgen

Die Ausbildungszahlen für das Jahr 2013 sind beschämend. Trotz gut laufender Konjunktur sank die Zahl der abgeschlossenen Neuverträge mit 530.700 auf einen Rekordtiefstand. Das liegt nicht etwa daran, dass die Zahl der Schulabgängerinnen und mit ihr die Zahl der Bewerberinnen so stark gesunken ist. Im Gegenteil sinken die Erfolgsaussichten der Interessierten, obwohl es immer weniger von ihnen gibt: Nachdem noch 2010 gut 68 Prozent der Interessierten einen Ausbildungsvertrag erhalten haben, sind es 2013 nur noch 65 Prozent gewesen. Mehr als eine Viertel Millionen junge Menschen haben somit im letzten Jahr vergeblich auf ihre Chance in den Berufseinstieg gewartet. Das liegt nicht an der so gerne ins Feld geführten „Ausbildungsunfähigkeit“: 51,4 Prozent der Bewerberinnen haben einen Hauptschulabschluss, 25,3 Prozent sogar einen Realschul- oder gleichwertigen Abschluss in der Tasche.

Nur jedes fünfte Unternehmen bildet aus

Der Berufsbildungsbericht und der ihn begleitende Datenreport zeigen, dass bei vielen Interessierten das Stellenangebot nicht passt: Sei es, dass es in der jeweiligen Region zu wenige Ausbildungsplätze gibt oder dass die Interessenslage der Jugendlichen nicht zum Angebot passt. Das liegt unter anderem auch an der erschreckend niedrigen Ausbildungsquote der Unternehmen! Der Anteil der Unternehmen, die überhaupt noch ausbilden, ist auf historisch schlechte 21,3 Prozent gerutscht. Natürlich variiert dieser Anteil regional je nach Wirtschaftsstruktur und Ausbildungstradition stark: Zwischen 31,9 Prozent in Coesfeld und 12,9 Prozent in Annaberg-Buchholz. Gemeinsam haben aber alle Regionen, dass ihre Quoten seit 2010 gesunken sind. Wie kann das sein in einer Zeit, in der die Wirtschaft in guter Verfassung ist und lauthals nach mehr Fachkräften ruft?

Keine Entspannung durch demografischen Wandel

Niemand darf die heute vorgestellten Zahlen einfach nur zur Kenntnis nehmen, ohne sich die Ausmaße vor Augen zu führen: gut 170.000 Jugendliche sind alleine 2013 im Übergangssystem statt in einer Ausbildung gelandet! Gut 20.000 Ausbildungsinteressierte suchten auch nach dem 1. Januar 2014 noch. Fast 100.000 sind nach Angaben der Bundesagentur zwar ohne Ausbildungsangebot geblieben, setzen ihren Bildungsweg nun aber ohne die Bundesagentur fort. Alle Beschwichtigungsversuche an die Auszubildenden von morgen, dass ihre Ausbildungsperspektiven quasi automatisch besser werden durch „die Zauberhand des Marktes“ oder eine „Entspannung durch den demographischen Wandel“, sind durch die Fakten widerlegt. Die Betriebe müssen endlich mehr in Ausbildung investieren. Sie dürfen nicht darauf warten, dass alle benötigten Fachkräfte schon aus den Hochschulen oder dem europäischen Ausland kommen werden.

Die Union drückt sich um ihre Verantwortung

Im zehnten Jahr trägt die CDU Verantwortung im Bundesministerium für Bildung. In der föderalen Ordnung liegt die Bundeskompetenz vor allem im Bereich der beruflichen Bildung. Leider scheint Bundesministerin Wanka diesen Verantwortungsbereich weiterhin nicht ernst zu nehmen. Sie nimmt es sich nicht einmal vor, die Zahl der Ausbildungsplätze zu erhöhen oder gezielt die Ausbildungsbereitschaft von Unternehmen zu unterstützen. Ihr wenig ambitioniertes Ziel ist es nur, „Angebot und Nachfrage künftig besser zusammenzubringen.“ Ansonsten werde sich laut Pressemitteilung aus dem Ministerium die „im Koalitionsvertrag vereinbarte "Allianz für Aus- und Weiterbildung" … sich in Kooperation mit den Sozialpartnern und den Ländern der aktuellen Entwicklung annehmen.“ Die Jugendlichen dürfen sich von dieser Ministerin wirklich nichts erhoffen!

Echte Übergänge schaffen

In Deutschland verfestigt sich die folgenreiche Spaltung der jungen Generation: Hochqualifizierte junge Leute werden heiß umworben. Die vermeintlich leistungsschwächeren Mädchen und Jungen finden sich nach Ende ihrer Schulzeit statt in Ausbildung in „Angeboten“ wieder. Schon die Shell-Jugendstudie 2010 hat deutlich gemacht, wie stark diese Spaltung das Welt- und Selbstbild der Jüngeren prägt. Statt hier wirklich etwas zu tun, spricht die Große Koalition wolkig von einer „Ausbildungsgarantie“ – und kann auf mehrfache Nachfrage noch nicht einmal erklären, was sie damit meint! Dabei ist klar, was nun endlich geschehen muss, um die Jugendlichen auf ihrem Weg zu einem Ausbildungsabschluss zu unterstützen: Das unübersichtliche Chaos von mehr oder weniger sinnvollen „Übergangsangeboten“ muss endlich umgebaut werden. Es muss zu einem echten System für den Übergang von der Schule in die Ausbildung gemacht werden. Nur so können auch Jugendliche ohne oder mit schwachem Schulabschluss eine verbindliche und zuverlässige Ausbildungsperspektive bekommen. Dazu müssen die bisher unkoordiniert nebeneinanderstehenden Angebote eng auf die Ausbildung ausgerichtet werden. Jedes Angebot muss einen klaren Bildungsschritt enthalten und den Einstieg in eine Ausbildung ermöglichen. Außerdem müssen auf der praktischen Ebene sowohl die Jugendlichen als auch vor allem kleine Unternehmen gezielt in der Ausbildung unterstützt werden. Auf diese Weise können dann alle Jugendlichen Bildungsschritte gehen, die sie tatsächlich zu einem Abschluss bringen. Wir Grüne im Bundestag haben dazu längst ein Konzept dazu erarbeitet.

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