Ausbildung und IntegrationHeute geflüchtet, morgen Fachkraft?

Bundestagsvizepräsidentin, Claudia Roth, machte gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich: „Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir jetzt gemeinsam anpacken müssen.“ Die Integration in die Berufliche Bildung verläuft auf verschiedenen Ebenen – sie findet in Betrieben und Modellprojekten statt, und sie wird in Kommunen sowie auf Landes- und Bundesebene gestaltet. Eine weitsichtige Integrationspolitik könne es aber nur dann geben, wenn alle Ebenen sinnvoll ineinandergriffen, ergänzte Beate Walter-Rosenheimer, Sprecherin für Jugendpolitik und Ausbildung.

Fördern und beraten

Die ehemalige Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Barbara John, und der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, berichteten mit Blick auf ihre jahrelange Erfahrung, wie wichtig Bildungsketten für alle benachteiligten Jugendliche seien. Wenn es mit der Ausbildung von Flüchtlingen klappen solle, dürfe kein Bildungsschritt ohne Anschluss bleiben. John unterstrich im Gespräch die doppelte Verantwortung des Staates: Asylverfahren müssten beschleunigt und der Weg in Ausbildung und Arbeit von Anfang geöffnet werden. Zudem sollten Klein- und Kleinstbetriebe bei der Ausbildung von Flüchtlingen kompetent beraten und unterstützt werden. Gerade in Rechtsfragen bestehen heute große Unsicherheiten, die verhindern, dass beide Seiten zusammenfinden. Wie wichtig eine praxisnahe Förderung für die nachhaltige Integration von Flüchtlingen ist, bestätigte Prof. Dr. Friedrich Esser. Dort wo sich Flüchtlinge und Betriebe gegenseitig kennenlernen könnten, seien Klebeeffekte auch empirisch belegbar. Zudem sprach sich Esser dafür aus, das bestehende Übergangssystem so umzubauen, dass von Praktika über individuelle Berufseinstiegsbegleitung hin zu gestuften Ausbildungsbausteinen und gezielten Einstiegsqualifizierungen allen Interessierten auf beiden Seiten das richtige Angebot gemacht werden könne.

Bunter denken

Stefanie Remlinger richtete mit der Frage „Was läuft vor Ort“ den Blick auf erfolgreiche Ansätze aus der Praxis – und das quer durch die Republik. Mit der Berliner Ausbildungsinitiative ARRIVO stellte Franziska Hartmann ein Modellprojekt aus dem Handwerk vor, das mit seinem Slogan, die Herausforderung auf den Punkt bringt: „Flüchtling ist kein Beruf – Talente brauchen Chancen“. Chancen entstehen bei ARRIVO vor allem durch die Kombination aus Werkstatt und Sprachunterricht. Eine deutlich geringere Abbruchquote als bei regulären Ausbildungen zeigt, dass sich konsequentes und individuelles Fördern am Ende lohnt. Maria Puhlmann vom Amt für Berufliche Schulen der Stadt Nürnberg unterstrich, dass Flüchtlinge von einer Verlängerung der Berufsschulpflicht auf 25 Jahre profitieren würden. Aber auch hier stehe das Aufenthaltsrecht immer wieder im Widerspruch zu den natürlichen Lebens- und Bildungswegen der Geflüchteten. Moritz Lorenzen von der Transferagentur Nord-Ost der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung betonte, dass insgesamt differenzierter gedacht und die individuelle Situation der Geflüchteten stärker in den Blick genommen werden müsse. Es gehe darum, zu erkennen, woher jemand komme, was er brauche und wohin er wolle. Das Denken in formalen Zuständigkeiten entspreche zwar der Verwaltungspraxis, aber selten den tatsächlichen Bedürfnissen der Jugendlichen und Betriebe.

Einig waren sich die Expertinnen vor allem in einem: Die Gruppe der Flüchtlinge sei bunt, deshalb müssten auch die Anschlüsse und Angebote bunter und flexibler werden.

Zeit für eine Bildungsoffensive

Die Anforderungen an die Bundespolitik wurden in einer letzten Runde aus sehr unterschiedlichen Perspektiven formuliert. Dr. Holger Seibert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartete vom Bund insgesamt mehr Wissen über die Gruppe der Neuankommenden. Grundsätzlich sei aber eine sehr breite Streuung der Vorqualifikationen zu beobachten. In diesem Zusammenhang betonte er, dass die großen Potenziale der vielen jungen Menschen durch Chancen genutzt werden müssten. Der Menschenrechtsexperte Dr. Ibrahim Kanalan warnte sehr deutlich davor, fluchtbedingte Zuwanderung unter ökonomischen Gesichtspunkten zu diskutieren. Alle politischen Parteien liefen Gefahr, in der Debatte um Integration in Arbeitsmarkt und Gesellschaft den Menschenrechtsaspekt zu vernachlässigen. Das bundesdeutsche Migrationsregime sei weitgehend auf Abschreckung und Diskriminierung gerichtet, was sich beispielsweise in sozialrechtlichen Beschränkungen beim Zugang zur Ausbildungsförderung zeige. Das Recht auf Bildung wiederum sei aber ein Menschenrecht und müsse deshalb unabhängig von ökonomischen Erwägungen für alle Menschen und unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus durchgesetzt werden. Ein echtes Integrationsgesetz müsse auf Ermutigung und Fördern abzielen statt mit Residenzpflicht und Wohnsitzauflage zu sanktionieren.

Christiane Bainski, Leiterin der Landesweiten Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren (LaKI) in NRW, forderte den Bund auf, allen lernwilligen jungen Menschen, die Chance zu geben, ihre Lebenszeit zum Lernen zu nutzen. Entscheidend sei dabei nicht, ob jemand in Deutschland bleibe oder nicht. Denn das Deutsche Bildungssystem müsse ganz grundsätzlich „bunte Wege und verlässliche Anschlüsse schaffen“, denn genau wie die Neuankommenden hätten auch die anderen jungen Menschen unterschiedliche Voraussetzungen und Vorstellungen. Dr. Volker Born vom Zentralverband des Deutschen Handwerks sprach sich ebenfalls für eine bessere Vernetzung der unterschiedlichen System und Kompetenzen aus und warb für passgenaue Begleitung in den Übergängen und eine verstärkte Zusammenarbeit von Betrieben, Schulen und Unterstützungsangeboten. Mit Blick auf aufenthaltsrechtliche Fragen betonte er, wie wichtig ein gesichertes Bleiberecht sei, damit junge Flüchtlinge und Betriebe erfolgreich zusammenkommen könnten.

Fazit

In ihrem Fazit stellte Beate Walter-Rosenheimer fest, dass es bereits viele gute Beispiele vor Ort gäbe, wo die Integration heute gelinge. Deutlich wurde zudem, dass Asylverfahren schneller entschieden und Lern- und Integrationsangebote für alle Geflüchteten geöffnet werden müssten, damit das Recht auf Bildung nicht an ungerechten Zugangshürden und fehlenden Angeboten scheitert. Alle Sachverständigen forderten, dass nun auch das Bundesbildungsministerium seine Verantwortung übernehmen und konkrete Vorschläge machen müsse, wie Integration gelingen kann. Es ist höchste Zeit für eine echte Bildungsoffensive!

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