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OECD-StudieJetzt in die Köpfe von morgen investieren!

ajaad Resaan (vorn, l-r) aus dem Irak wird am 16.12.2015 im Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer in Zeulenroda-Triebes (Thüringen) von Ausbildungsleiter Peter Flämig in der Holzwerkstatt mit klassischen Arbeitsmethoden vertraut gemacht. Es ist der Beginn eines neuen Modellprojektes .
Zu viele junge Menschen bleiben in Deutschland ohne Ausbildung. Die OECD kritisiert Deutschland für seine hohe Ungelernten-Quote. Während das ganze Land über fehlende Fachkräfte diskutiert, haben 13 Prozent der 25-34 Jährigen keinen Berufsabschluss. Bei ausländischen Jugendlichen ist es sogar Vierte. Ihnen fehlen gute Lebensperspektiven und ihre Talente und Potenziale fehlen der Wirtschaft als zukünftige Fachkräfte. Auf dem Weg zur Bildungsrepublik bleibt noch Einiges zu tun.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat am 11. September 2018 ihre jährliche Studie „Bildung auf einen Blick“ veröffentlicht. Trotz leichter Verbesserungen im Bereich der frühkindlichen Bildung gibt es auch dieses Jahr wieder reichlich Kritik: Bildungsaufstieg ist in Deutschland für viele Kinder und Jugendliche noch immer ein leeres Versprechen: Zu viele junge Menschen haben keine Ausbildung, obwohl seit Jahren über fehlende Fachkräfte diskutiert wird, Menschen mit Migrationshintergrund sind von der Kita bis zur Weiterbildung strukturell benachteiligt und – auch das zeigen die Zahlen: Deutschland investiert insgesamt noch viel zu wenig in die Köpfe von morgen.

Herkunft entscheidet über Chancen

Die OECD-Studie "Bildung auf einen Blick" wird seit 1996 jährlich erstellt. Sie vergleicht verschiedene Bildungsindikatoren. Dabei wird das gesamte Bildungssystem erfasst - von Kindergarten und Vorschule bis zur Erwachsenenbildung. Beleuchtet werden Bildungsbeteiligung, Absolventenquoten, Bildungsausgaben sowie zu Weiterbildung und zu Lehr- und Lernbedingungen.

Die zentrale Erkenntnis: Bildungschancen hängen in Deutschland zu stark von der Herkunft ab. Zu Recht kritisiert die OECD, dass unser Bildungssystem dicht macht, statt nach oben zu bringen. Junge Talente aus nichtakademischen Haushalten erreichen hierzulande deutlich seltener einen Studienabschluss als in anderen Ländern, der Anteil junger Menschen, die sich weder in Ausbildung noch in Beschäftigung befinden, ist bei im Ausland Geborenen fast dreimal so hoch und durch den hohen Altersdurchschnitt bei Lehrkräften droht sich der Mangel an gut ausgebildetem pädagogischen Personal in Zukunft noch weiter zu verschärfen.

Wie viel investiert Deutschland in die Köpfe von morgen?

Vergleicht man die Durchschnittszahlen der OECD-Länder mit jenen aus Deutschland, werden krasse Unterschiede deutlich, die in der selbsternannten Bildungsrepublik alarmieren müssen.

Während die OECD-Länder durchschnittlich fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung investieren, bleibt Deutschland mit mageren 4,2 Prozent deutlich darunter. Das Sieben-Prozent-Ziel für Bildungsausgaben rückt so in weite Ferne. Das geht zu Lasten der Zukunftsfähigkeit des Landes und verhindert Chancen von ganzen Generationen.

Wir brauchen endlich mehr Ganztagsschulen

Im Kita-Bereich haben die gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern in den letzten Jahren eine echte Verbesserung gebracht. Seit der Einführung des Kooperationsverbotes durch Union und SPD im Jahr 2006 stagniert aber der Schulbereich. Ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter ist richtig, bringt aber kaum Verbesserungen, wenn dieser nicht ausreichend finanziert wird und die Bundesmittel in keinem Haushalt auftauchen. Damit sich in Zukunft alle SchülerInnen und Eltern auf gute Ganztagsangebote verlassen können, muss an die gute Kita endlich flächendeckend eine gute Ganztagsschule anschließen. Dafür fordern wir ein umfassendes Bundesprogramm, das dem Ganztagausbau 14 Jahre nach der ersten rot-grünen Ganztagsoffensive wieder neuen Schwung bringt. Auch sogenannte Brennpunktschulen in benachteiligten Stadtteilen brauchen mehr Unterstützung durch den Bund, damit die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen nicht von der Postleitzahl abhängen. Besonders für Kinder aus bildungsfernen Haushalten ist das wichtig, denn was ein Kind im frühen Alter nicht aufholt, ist später kaum noch zu schaffen.

Lehrermangel als große Zukunftsaufgabe

Statt bester Schulmodelle diskutiert die Republik gerade überall den Lehrermangel. Von Halle bis Hamm, von Ratzeburg bis Ravensburg fehlen die Lehrkräfte. Die OECD zeigt, dass das kein Zufall ist und auch nicht nur an den vielen in den letzten Jahren zugewanderten Kindern und Jugendlichen liegt. Sie fordert Deutschland auf, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Hier müssen die zuständigen Länder sich im Gesamtinteresse endlich besser koordinieren. Aber auch der Bund muss jetzt in die Verantwortung. Statt föderalem Zuständigkeitsgerangel müssen Bund und Länder bei der Aus- und Weiterbildung von dringend benötigtem Lehrpersonal zusammenarbeiten. Damit sie das können muss das Kooperationsverbot abgeschafft und Zusammenarbeit gestärkt werden.

Bildungsausgaben weiterhin unter dem Durchschnitt

Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt stagniert. Deutschland ist mit 4,2 Prozent bei Investitionen in die Köpfe von morgen noch nicht einmal Mittelmaß (fünf Prozent). Gewaltige Steuerüberschüsse und unterfinanzierte Bildungseinrichtungen passen nicht zusammen. Umso wichtiger ist es jetzt, dass Bund, Länder und Gemeinden diese Lücke gemeinsam schließen. Alle Entscheidungsebenen müssen partnerschaftlich mehr Geld in Bildung, Forschung und Entwicklung investieren. Dafür brauchen wir eine Ermöglichungsverfassung für gute Bildung. Wenn die Eltern von Flensburg bis Füssen nach mehr guten Ganztagsschulen für ihre Kinder rufen, dann muss auch die Bundesregierung diese Rufe ernst nehmen. Kinder und Eltern werden wenig Geduld mit der gesamten Politik haben, wenn diese die Probleme nicht löst, sondern stattdessen die verschiedenen Verantwortlichen nur reihum mit dem Finger aufeinander zeigen.

Drängende Aufgabe: Zukunftsfähigkeit der Schulen

Die Bundesregierung muss Bildungsgerechtigkeit zum zentralen Thema machen. Unsere Zukunft hängt davon ab – als sozial ausgerichtete Gesellschaft und als innovative Wirtschaft. Deswegen steht die Zukunftsfähigkeit der Schulen als tragende Zukunftssäule im Mittelpunkt. Die laufende Verfassungsänderung muss jetzt genutzt werden, damit Bund, Länder und Kommunen endlich für gute Bildung zusammenarbeiten können. Die Liste der Baustellen ist lang: Ganztagsausbau, Inklusion, Digitalisierung und Integration. Hier darf es keinen Aufschub geben. Damit Deutschland Nummer Eins in Sachen Chancengerechtigkeit wird, müssen wir klotzen statt kleckern. Nur mit einer Ermöglichungsverfassung, die Zusammenarbeit zwischen allen Ebenen fördert, können wir ein leistungs- und zukunftsfähiges Bildungssystem schaffen, das allen Kindern und Jugendlichen die bestmöglichen Startchancen bietet. Es geht dabei nicht um einen Wettbewerb zwischen 16 Bundesländern, bei dem das eine gewinnt und das andere verliert. Verliert auch nur eins, verlieren alle. Denn ganz Deutschland steht im globalen Wettbewerb der Leistungsfähigkeit. Gewinnen kann die Bundesrepublik nur in einer starken Verantwortungsgemeinschaft. Dafür muss das Kooperationsverbot restlos aus der Verfassung gestrichen werden. Es ist Zeit für einen modernen Bildungsföderalismus. Es ist Zeit für einen bildungspolitischen Aufbruch!

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