Bildungsbericht 2014Kleine Fortschritte, aber kein Sprung nach vorne

Lehrer und SchülerInnen am Robert-Koch-Gymnasium in Berlin

Das Bildungssystem in Deutschland entwickelt sich zwar zum Besseren aber deutlich zu langsam. Der demografische Wandel verlangt nach mehr Einsatz und nach neuer Qualität: Die Bevölkerung wird immer bunter und vielfältiger, das Fachpersonal derzeit nur immer älter. Der globale Wettbewerb um die besten Köpfe verlangt mehr Mittel für herausragende Bildung und Top-Wissenschaft: Deutschland schafft das Ziel, sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung zu investieren, noch immer nicht. Die Feststellungen der Fachleute im Bildungsbericht 2014 überraschen kaum, zeigen aber einzelne Herausforderungen in neuer Klarheit:

Inklusion gilt noch immer als „Luxus“, zu selten als Recht der Kinder und Jugendlichen

Viele Akteure im Bildungsbereich tun sich noch schwer damit, dass die Behindertenrechtskonvention der UN seit 2009 bindendes Recht ist und die Lernorte deswegen jetzt verpflichtet sind, auch mit dieser Dimension von Heterogenität und Individualität von Menschen aller Altersstufen umzugehen. Bisher gibt es oft parallele Systeme zur Unterstützung. Diese zum Wohl der Kinder und Jugendlichen endlich zu vereinen, kostet Zeit, Kraft und Geld.

Der Anteil inklusiv unterrichteter Kinder und Jugendlicher mit und ohne Behinderungen nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab. Während in den Kitas schon vieles gut läuft, steckt der schulische Bereich mitten in den Mühen der Umstellung. Im beruflichen Bereich passiert noch deutlich zu wenig. Ein echter Skandal ist, dass durch schulrechtliche Vorgaben für manche Förderschulen noch immer nicht alle Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen allgemeinen Bildungsabschluss erreichen können. Hier muss schleunigst etwas geschehen.

Die soziale Schere schneidet noch immer tief ein

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg ist ein bisschen geringer geworden, bleibt aber zu hoch. Entscheidend bleibt der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule. An dieser Schwelle bedeutet ein niedriger sozioökonomischer Status der Familie noch immer, dass der Besuch eines Gymnasiums selbst bei gleicher Leistung unwahrscheinlicher wird. Die soziale Abhängigkeit von Mathe- und Lesekompetenz der 15 Jährigen ist geringer geworden ist. Das Ziel sollte aber sein, dass der soziale Status einer Familie oder die Herkunft beziehungsweise Familiensprache endlich keinen Einfluss mehr auf den Bildungserfolg hat.

Festgestellt wird weiterhin, dass die Hochschulzugangsberechtigung größtenteils noch über die Schule erworben wird. Die Anzahl der beruflich qualifizierten Studierenden steigt, aber ihr Anteil an der steigenden Zahl der Studierenden stagniert bei einem minimalen Wert von weniger als ein Prozent.

Immerhin schaffen 90 Prozent derjenigen, die auf ein Gymnasium kommen auch eine Hochschulreife. Bemerkenswert ist, dass dieser objektiv hohe Erfolgswert in einigen Medien als negativ angesehen und skandalisiert wurde. Solch einseitige Wahrnehmung durch die überwiegend akademisch gebildeten Journalistinnen zeigt, dass der Schritt von der Grundschule aufs Gymnasium von bestimmten Eltern noch immer als fast automatische Rolltreppe an die Hochschule gesehen wird. Eine wirklich offene Gesellschaft muss den Weg zur Hochschulreife viel länger und viel breiter öffnen.

Schule muss nicht nur ganztägig, sondern vor allem auch gut sein

Eine weitere wichtige Erkenntnis betrifft die Ganztagsschulen. Ganztagsschulen sind nur dann gut für die individuelle Förderung der Schülerinnen, wenn die Konzepte und die Umsetzung gut sind. Zwar bietet die Form einer „Schule über den ganzen Tag“ nachweislich wertvolle pädagogische Möglichkeiten. Aber sie bietet keinen Automatismus für bessere Lernerfolge. Und derzeit läuft einfach zu vieles als „Ganztagsschule“, nur weil die Kinder erst nach 15 Uhr nach Hause gehen. Deswegen fordern die Expertinnen unter anderem mehr Forschung, ob offene Formen diese pädagogischen Chancen des Ganztags überhaupt ausschöpfen.

Ein anderer Widerspruch muss allen Verantwortlichen zu denken geben: Berufstätige Eltern wollen und brauchen eine hohe Verlässlichkeit in der ganztägigen Betreuung und Erziehung. Horte haben nicht nur meist täglich länger geöffnet als Schulen, sondern viel wichtiger noch für Menschen mit maximal 30 Urlaubstagen im Jahr ist, dass Horte ihre Türen übers Jahr deutlich seltener als jede Schule schließen. Das führt sehr oft dazu, dass Eltern für Kinder eine verlässliche Kooperation aus Schule und Hort suchen. Für einen rhythmisierten über den ganzen Tag verteilten Unterricht ist diese Kooperation zweier unterschiedlicher Institutionen aus Bildungsperspektive eindeutig schlechter als eine Einrichtung, die gute Bildungsqualität mit verlässlicher Betreuung anbieten kann.

Ausbildungszugang: noch immer ein Nadelöhr für „Bildungsbenachteiligte“

Ein Befund der Bildungsexpertinnen rüttelt in seiner Klarheit auf: „Die Ausbildungsperspektiven für bildungsbenachteiligte Jugendliche bleiben weiterhin prekär.“ Das betrifft vor allem im Westen Jugendliche mit Migrationshintergrund und im gesamten Bundesgebiet Jugendliche, die höchstens einen Hauptschulabschluss erreicht haben. Diese klare Aussage muss all diejenigen zum Nachdenken und Handeln bringen, die derzeit nur auf die zahlenmäßig geringe Differenz zwischen Angebot und Nachfrage bei den Ausbildungsplätzen schauen. Hier wird es dringend Zeit, die Problemerfassung ehrlicher zu gestalten. Es darf nicht sein, dass mehr als 250.000 junge Menschen, die im Sommer 2013 in so genannten Übergangsangeboten gelandet sind, einfach aus dem Blick geraten. Die Zahl der Schulabgängerinnen ohne Abschluss ist auf 5,9 Prozent gesunken. Wenn aber selbst ein Hauptschulabschluss keinen Weg mehr in eine Ausbildung eröffnet, dann verliert diese Zahl jede Aussagekraft über die Lebenschancen von 16 Jährigen nach der Schulzeit.

Bildungsausgaben müssen gezielt gesteigert werden, um Qualität zu verbessern

Zwar ist im guten konjunkturellen Umfeld der Anteil der Kinder gesunken, die in Risikolagen aufwachsen, aber vor allem in den Stadtstaaten bleibt der Anteil viel zu hoch. Die Bildungsausgaben steigen insgesamt weiter an, ihr Anteil am BIP ist aber leicht rückläufig. Das Ziel von 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildungsausgaben steht für ein gut ausgestattetes Bildungsangebot, das alle nutzen können. Das bleibt in weiter Ferne.

Alle Bildungsbereiche, sowohl die betriebliche Ausbildung als auch das Hochschulstudium, weisen weiterhin hohe Abbruchzahlen auf. Im Schulbereich zeigt sich die mangelhafte individuelle Förderung und Unterstützung in einer hohen Zahl von Schulwechseln „nach unten“, dem so genannte „Abschulen“.

Die Zukunft vorbereiten und gestalten

Das pädagogische Personal (über)altert in fast allen Bildungsbereichen. Der große Ersatzbedarf in naher Zukunft macht vor allem einerseits große Anstrengungen nötig für mehr und bessere Ausbildungsangebote im pädagogischen Bereich. Gleichzeitig werden zügige Ausbildungsreformen für mehr Inklusion und die Kompetenzen für den guten Umgang mit Heterogenität immer dringlicher!

Gemeinsam berichten – getrennt verbessern.

Auch wenn es sonst in Berichten zur Lage in der Bildungspolitik kaum üblich ist, die Fachleute haben „zentrale Herausforderungen“ in fünf Handlungsfeldern benannt.

  • frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung
  • Ganztagsschule
  • Übergang in die Berufsausbildung
  • Schnittstelle zwischen Berufsausbildung und Hochschulausbildung
  • Inklusion von Menschen mit Behinderungen

Für alle Bereiche machen die Bildungsforscherinnen klar, dass mehr Zusammenarbeit, Koordination und Kooperation zwingend notwendig sind, um das Bildungssystem voranzubringen. Zwar fordern die Fachleute nicht explizit eine Grundgesetzänderungen. Bund und Ländern bleibt also gemeinsam noch viel zu tun! 2016 wird der nächste Bildungsbericht die nächste Bestandsaufnahme liefern. Man kann nur hoffen, dass das Kooperationsverbot bis dahin Geschichte sein wird und Bund und Länder nicht nur gemeinsam berichten, sondern auch gemeinsam verbessern werden!

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