Berufsbildungsbericht 2015Matheprofessorin jongliert mit Zahlen

Bildungsministerin Johanna Wanka sollte ihren eigenen Bericht besser lesen und ehrlich mit den Ergebnissen umgehen. Es ist Zahlentrickserei, wenn die Mathematikprofessorin Wanka verkündet, es gebe in der beruflichen Bildung heute mehr unbesetzte Plätze als unversorgte Bewerber. Im Berufsbildungsbericht 2015 steht schwarz auf weiß: 256.100 junge Menschen haben im Jahr 2014 vergeblich einen Ausbildungsplatz gesucht. Sie alle landeten stattdessen in einer der Maßnahmen des Übergangssektors.

Natürlich ist es gut, dass diese jungen Leute nicht alle unqualifizierte Jobs angenommen haben und damit das Lernen aufgegeben haben. Aber sie sind nach der Schule und zum größten Teil mit einem Schulabschluss eben nicht auf dem direkten Weg zu einem guten Abschluss, der Türen und Lebensperspektiven öffnet. Irgendwie „versorgt“ darf einer Bundesregierung als Zustandsbeschreibung für eine Viertelmillion junger Menschen nicht genügen.

Die Bundesregierung muss mehr gegen den drohenden Fachkräftemangel unternehmen und endlich allen Jugendlichen echte Chancen auf eine Ausbildung garantieren. Wer heute junge Menschen ignoriert und ihre Potenziale vergeudet, darf morgen auch nicht über fehlende Fachkräfte lamentieren. Die berufliche Ausbildung muss auch für Jugendliche ohne Schulabschluss und erst recht für Jugendliche mit Hauptschulabschluss wieder zur Eintrittskarte in ein selbstständiges Leben werden.

Auch die Wirtschaft muss noch mehr tun. Nur 20,7 Prozent aller Unternehmen bilden überhaupt noch aus. Trotz guter Konjunktur ist die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge mit rund 522.000 erneut auf ein historisches Tief gesunken.

Der Berufsbildungsbericht zeigt, dass Ausbildungssuchende und Unternehmen immer seltener zusammenfinden. Jugendliche und Betriebe brauchen deshalb mehr Unterstützung beim Kennenlernen und auch während der Ausbildung. Berufsorientierung, Potenzialanalyse und auch das neue Instrument der "assistierten Ausbildung" sind dafür geeignete Instrumente. Der Bund muss in den kommenden Jahren diese Angebote in Zusammenarbeit mit den Ländern deutlich ausbauen. Deutschland braucht dafür dringend eine Ausbildungsgarantie.

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