PISA 2015Wo bleibt die große Bildungsoffensive?

Smartphone mit ABC, das sich gegen Wandtafel lehnt

PISA 2015 belegt, dass es auch im Jahr 15 nach dem ersten Ergebnis-Schock noch eine Kluft bei den Bildungschancen in Deutschland gibt. Die soziale Herkunft bestimmt im Übermaß die Lernerfolge von Kindern und Jugendlichen. Ein Bildungssystem ist aber nur dann erfolgreich und gerecht, wenn es soziale Ungleichheit auffängt und allen gute Lebenschancen ermöglicht.

Die aktuellen PISA-Ergebnisse sind ein Dämpfer für alle, die Deutschland auf dem Weg in die Bildungsrepublik wähnten. Denn Stagnation ist kein Fortschritt. Auch wenn es positiv überrascht, dass die Bildungsleistungen bei den Schwächeren besser geworden sind, so ist das kein Ruhekissen. Denn es kommen mehr potenziell Schwächere dazu: Kinder und Jugendliche, die noch nicht gut Deutsch sprechen, aber schon die allgemeine Schule besuchen. Kitas, Schulen und Berufsschulen müssen in Zukunft also mehr leisten. Das können Kommunen und Länder aber allein nicht gewährleisten.

Handlungsbedarf in Mathe und Naturwissenschaften

Die Kinder und Jugendlichen in Deutschland brauchen eine flächendeckende Bildungsoffensive. Ein Aspekt ist dabei die Digitalisierung. Sie ist in allen Lebensbereichen Normalität. Das Leben, Lernen und Arbeiten wird damit immer anspruchsvoller. Gerade die Ergebnisse aus den Naturwissenschaften, aber auch in Mathe und Technik, bekümmern. Die 15-Jährigen interessieren sich wenig dafür und trauen sich auch wenig zu. Beide Effekte verstärken sich gegenseitig. Eine bemerkenswerte Entwicklung, da doch gleichzeitig das Alltagsleben immer mehr Technik braucht. Alle nutzen sie, aber kaum jemand will sie verstehen. Um die geeigneten Konzepte in den Schulalltag zu integrieren, benötigen Schulen Raum und Zeit, Lehrerinnen und Lehrer brauchen Aus- und Fortbildung, Anleitung und Netzwerke. Sonst machen sich diese fehlenden Ressourcen und Investitionen auch in den Leistungen der Schülerinnen und Schüler bemerkbar.

Die geringe Selbsteinschätzung von Mädchen und jungen Frauen überrascht gerade in diesem Land. Die Bildungsministerin ist Mathematikerin, die Kanzlerin ruft als Physikerin die Digitalisierung der Wirtschaft zum zentralen Zukunftsthema aus. Aber wo bleiben die Taten, wo bleibt ein echter „MINT-Aufschwung“? (MINT ist eine Zusammenfassung der Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Ministerin Wanka kündigt einen „Digitalpakt #D“ an. Vielleicht wird im Wahljahr 2017 daraus ein echter Pakt mit den Ländern. Wenn der Bund wie geplant nur die Hardware liefert, löst das nicht das Problem. Es braucht mehr Zeit und Raum für Neugierde in der Schule und über die Schule hinaus. Wer im Schachclub, in der „Wie bau ich mir eine Drohne?“-AG oder in der Fahrradwerkstadt mitmacht, ist ansprechbar für MINT. Dafür kann in einer echten Ganztagsschule Zeit und Raum sein.

Wir setzen uns dafür ein, das Kooperationsverbot zu kippen

Für die zahlreichen Herausforderungen ist eine Unterstützung des Bundes unerlässlich. Und dafür reichen keine Schmalspurlösungen. Wenn jetzt dem Bund die Mitfinanzierung von Bildungsinfrastruktur unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden soll, ist das ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir setzen uns aber weiterhin dafür ein, das Kooperationsverbot ganz zu kippen. Gutes Lernen unabhängig von Eltern und Wohnort gelingt nur, wenn der Bund zukünftig Länder und Kommunen nicht nur beim Verbessern der baulichen Bildungsinfrastruktur unterstützen darf. Er muss auch fürs gute Lernen mit sorgen können, durch ein neues Ganztagsschulprogramm mit mehr Schulsozialarbeit, mehr Inklusion und mehr Sprachförderung. Deswegen muss endlich das Kooperationsverbot in der Bildung gänzlich abgeschafft werden, damit gezielte Kooperationen zwischen Bund und Ländern möglich werden.

Ein erfolgreiches Bildungssystem unterstützt, macht Mut und bietet Kindern „Lernfutter“. Dabei geht es immer um das soziale Miteinander und um demokratische Partizipation. Bildungspolitik muss sich auf jeder Ebene fragen, wie sie das Interesse an Naturwissenschaft und auch Mathe aufrechterhalten kann. Denn alle Kinder sind kleine Forscherinnen und Forscher. Das müssen ihnen Schule und Familie erhalten.

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