Neue GentechnologienGene Drive Stoppen

Auf dem Bild sind Tiere übereinander und eines aus der Mitte wird herausgezogen.

Im mexikanischen Cancùn versammeln sich seit Anfang der Woche die Vertragsstaaten der sogenannten Biodiversitätskonvention (CBD) und verhandeln über zentrale Fragen des Artenschutzes. Selten im Fokus der Öffentlichkeit, werden bei diesen zweijährig stattfindenden Verhandlungen Entscheidungen getroffen, die für die Ökosysteme unserer Erde weitreichende Konsequenzen haben und letztendlich auch die Zukunft der Menschheit maßgeblich beeinflussen. Seit seiner Gründung hat die CBD zahlreiche Meilensteine in seiner Entwicklung erreicht, dazu zählen wirksame Regulierungen gentechnisch modifizierter Organismen (GMO), die Internationale Verankerung des Vorsorgeprinzips und die Verabschiedung der Aichi-Ziele mit dem ambitionierten Ziel bis 2020 den Verlust von Biodiversität zu stoppen. Im Vorlauf der aktuellen Vertragsstaatenkonferenz in Cancùn wurde jedoch deutlich, dass durch neue Entwicklungen in der Biotechnologie zwingend ein neuerliches Einschreiten der CBD in Fragen der GMO Regulierung erforderlich ist.

Warnung vor neuen Gentechnologien

Während Vertreter von zivilgesellschaftlichen Organisationen vor den bisher unerforschten Konsequenzen der sogenannten neuen Gentechnologien warnt, zeigt die Beantwortung einer kleinen Anfrage der naturschutzpolitischen Sprecherin Steffi Lemke, dass die Bundesregierung bei der Weltnaturschutzunion ein Moratorium dieser neuen Technologien nicht unterstützte. Und das, obwohl Umweltministerin Barbara Hendricks in einem Brief an die Zivilgesellschaft ihre Skepsis bezüglich der neuen Technologien versichert hatte und eine Freisetzung von „Gene Drive“ Organismen ausschloss. Die CBD muss jetzt handeln. Sie ist eine der wenigen internationalen Plattformen auf der die neuen Gentechniken kritisch diskutiert werden. Es ist zwingend erforderlich eine Regulation der neuen Gentechniken konsequent voranzubringen.

Was ist die neue Gentechnik?

Unter dem Begriff „Neue Gentechnik“ sammeln sich verschiedene neue Techniken, mit denen die Biotechnologiebranche alte unerfüllte Versprechen mit neuem Leben erfüllen will: erneut werden revolutionäre Fortschritte in Medizin und Landwirtschaft versprochen, ökologische, ökonomische und soziale Risiken werden verschwiegen. Die Biotech-Unternehmen versuchen, die neuen Verfahren als nicht gen-verändernd zu verkaufen, um damit die notwendigen Regulierungen, die mit GMO und Gentechnik verbunden sind, zu umgehen.

Den neuen Verfahren ist gemein: weiterhin wird in das Erbgut eingegriffen, aber nicht mehr artübergreifend mit Transgenese. Die Veränderung in den Erbinformationen von Pflanzen und Tieren erfolgt durch Genfragmente, das gezielte Aktivieren oder Stilllegen, bzw. Herausschneiden von Genen, oder Eingriffe in der Zelle.

Durch das Herausschneiden bestimmter Geninformationen aus dem Genmaterial von Organismen können dabei bestimmte Merkmale reproduziert werden und andere nicht. Beispiel Malariamücke: es werden nur männliche Nachkommen der Malariamücke erzeugt, wodurch die gesamte Population und im extremen Fall die ganze Art in kürzester Zeit ausgerottet werden kann. Eine Turboevolution, die Gene Drive genannt wird. So nachvollziehbar der Wunsch ist, Malaria endgültig bekämpfen zu können – so gefährlich ist der Eingriff in das Ökosystem und in die Evolution. Die Folgen sind unüberschaubar, dafür sind Ökosysteme viel zu komplex. Abgesehen davon, dass die Zielerfüllung nicht klar vorausgesagt werden kann. Absurderweise wird auch der Naturschutz als Argument für die Anwendung von Gene Drives aufgeführt: Invasive Arten könnten ausgelöscht werden, um damit bedrohte heimische Arten zu beschützen. Ein solches Vorhaben wird bereits von einem internationalen Umwelt-Konsortium forciert. Es ist vorgesehen, Ratten auf Inseln auszurotten, um bedrohte Vogelarten zu beschützen. Inwiefern z.B. die Malariamücke wichtige Aufgaben innerhalb der Ökosysteme erfüllt, wird nicht hinterfragt. Wenn sich die genveränderten Organismen weiter verbreiten als ursprünglich beabsichtigt, drohen unabsehbare Folgen.

Handlungsbedarf in Cancùn

Auf der Vertragsstaatenkonferenz in Cancùn sind die verhandelnden Staaten aufgefordert auf die brisanten Entwicklungen zu reagieren. Bereits 2014 in Südkorea hat die CBD beschlossen, dass eine genaue Definition der neuen Gentechniken notwendig ist um die laufende Arbeit zu dem Themenfeld zu unterstützen. Nur wenn die neuen Instrumente auch als Gentechnik eingestuft werden, können sie als solche reguliert werden. Wir fordern die Umweltministerin Barbara Hendricks auf, Ihren Ankündigungen Taten folgen zu lassen und sich aktiv für ein Moratorium von Gene Drives auszusprechen. Ein Moratorium der neuen Technologien stärkt das wäre gleichbedeutend mit der Stärkung des Vorsorgeprinzips auf internationaler Ebene.

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1 Kommentar
Frage zu den Risiken
Bonny 09.12.2016

"[...] ökologische, ökonomische und soziale Risiken werden verschwiegen."

Was wären denn diese Risiken? Also außer dem spezifischen Fallbeispiel Malariamücke.

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