Fachgespräch MeeresschutzSaubere Ostsee für alle – Landwirtschaft in der Verantwortung

Die Ostsee ist beliebt. Doch sie ist bedroht. Seit Jahren zeigen Untersuchungen der Wasserqualität, dass der Nährstoffgehalt der Ostsee viel zu hoch ist. Durch diesen hohen Nährstoffgehalt haben sich sauerstoffarme und lebensfeindliche Gebiete, sogenannte „Todeszonen“, in der Ostsee gebildet. Auch ein massives Algenwachstum und ein hohes Quallen-Aufkommen belasten immer wieder das Ökosystem Ostsee, seine Küsten und Strände. Um die Situation in der Ostsee und an ihren Küsten und Stränden zu diskutieren, Ursachen für die ökologische Krise zu benennen und um Handlungsbedarf für einen effektiven Schutz der Ostsee auszuloten, lud die Bundestagsfraktion zum Gespräch ins Ozeaneum in Stralsund. Es entspann sich eine hitzige Diskussion mit über 100 TeilnehmerInnen.

Meere schützen – beginnt an Land

Der Meeresbiologe und Geschäftsführer des Meeresmuseums Dr. Harald Benke begrüßte die Gäste in „seinem“ Ozeaneum, das eine Liebeserklärung an das Meer sei. Er wünschte sich von dieser Veranstaltung, dass das Meer als Sieger aus der Diskussion hervor gehen möge.

Diese Faszination für das Meer und seine Tiere und Pflanzen teilt auch Dr. Anton Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Er stellte die Bedeutung der Meere für die Biodiversität, den Tourismus aber auch die Welternährung heraus. Angesichts der enormen Bedeutung der Meere sei es unerklärlich, wie sehr wir Menschen sie gefährden. Die Gefahren reichen von der Überfischung, Verschmutzung über die Verlärmung bis zur Klimakrise. Aber auch die Überdüngung mit Gülle und Kunstdünger in der Landwirtschaft ist ein großes Problem – von dem insbesondere die Ostsee betroffen ist. Deswegen braucht es eine flächengebundenen Tierhaltung, eine strenge Düngegesetzgebung – insgesamt eine kluge Agrarwende. Diese muss zugleich die Belange des Naturschutzes, des Gewässerschutzes der Meere, der Artenvielfalt und des Tierschutzes, die das Meer und die der Bauern stärken. Klar ist: Der Schutz der Ostsee beginnt an Land.

Die Ostsee ist überdüngt

Dr. Wera Leujak, Referentin im Umweltbundesamt im Fachgebiet Meeresschutz, zeigte in ihrem Vortrag, in welchem Zustand die Ostsee ist: Die gesamte Ostsee ist eutrophiert, also mit übermäßigen Nährstoffen belastet. So gelangten allein im Jahr 2010 760.000 Tonnen Stickstoff und 36.000 Tonnen Phosphor in die Ostsee – dies entspricht rund 15.000 bzw. 700 Güterwagen. Die hohen Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft führen zu Sauerstoffmangel und Todeszonen im Meer. Folgen davon sind der Rückgang von Seegräsern und das vermehrte Auftreten giftiger Blaualgen. Es braucht ambitionierte Maßnahmen in der Landwirtschaft wie eine strenge Düngeverordnung und eine strenge Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) sowie der Meeresstrategierahmenrichtlinie (MSRL) um die Missstände zu beheben.

Die Debatte um die Wasserqualität in der Ostsee bereicherte Bernd Fischer vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. um einen weiteren Aspekt. Er erklärte, der Tourismus stehe im Spannungsfeld zwischen der Nutzung und dem Erhalt der Natur. Insgesamt betonte er die Bedeutung der Ostsee und ihrer Strände für die Reisenden nach Mecklenburg-Vorpommern. Zwar ist schon jetzt die Ostsee sauber genug zum Baden, aber der Tourismusverband erkennt die Problemlage und wünscht sich einen Stopp der Nährstoffeinträge in die Gewässer.

Unbestritten sei der Zusammenhang zwischen der industriellen Landwirtschaft mit ihrer Überdüngung der Felder mit Nährstoffen und dem Zustand der Ostsee, erklärte Dr. Dietmar Mehl vom Institut für ökologische Forschung und Planung GmbH. In der Landwirtschaft vorzusorgen, zahle sich aus, besser als später im Gewässerschutz nachsorgen zu müssen. Er betonte den drohenden Verlust von Ökosystemleistungen durch Nährstoffeinträge, so sei die Nitratbelastung zunehmend ein Problem für die Trinkwassergewinnung. Auch er plädierte für eine strenge Düngegesetzgebung und eine Stärkung des Boden- und Gewässerschutzes.

Umweltverbände und Grüne: Handeln statt Reden

In einem abschließenden Podiumsgespräch prallten unterschiedliche Sichtweisen aufeinander. Während der Landwirtschaftsminister Dr. Till Backhaus aus seiner Sicht die Erfolge seines Ministeriums darstellte, konterte Corinna Cwielag vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Landesverband Mecklenburg-Vorpommern: Die Einträge aus der Landwirtschaft seien zu hoch, eine Trendwende nicht zu erkennen. Sie kritisierte weiterhin die schlechten Werte des Grundwassers in der Nähe von Mega-Ställen in Mecklenburg-Vorpommern und mahnte obligatorische Maßnahmen und Sanktionen für gefährdete Gebiete sowie breitere Gewässerrandstreifen und eine strengere Düngegesetzgebung an. Detlef Kurreck, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern betonte die große gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Bauern, die mit der Bewirtschaftung einer großen Fläche einhergeht. Er forderte von der Politik, auf wissenschaftlicher Grundlage zu handeln. Steffi Lemke MdB, Sprecherin für Naturschutz der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, bedauerte, dass sich die Worte Backhaus leider nicht in Taten umsetzen. Sie rief den Landesminister - aber auch die Bundesregierung - auf tätig zu werden: Die Novelle der Düngegesetzgebung stehe seit Jahren aus und müsse nun endlich kommen. Auch habe die Bundesregierung eine Stickstoff-Reduktionsstrategie angekündigt, dazu aber noch nicht einmal einen Zeitplan vorgelegt. Auch mit Blick auf die Reduktion von Phosphor steht die Bundesregierung schlecht dar.

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