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Regierungsentwurf zur Marrakesch-RichtlinieBüchernot für blinde Menschen beenden

Finger tastet ueber die Seiten eines Buchs in Blindenschrift |
Nur jedes 20zigste Buch, das in Deutschland gekauft oder ausgeliehen werden kann, ist in einer Version verfügbar, die blinde und sehbehinderte Menschen wahrnehmen können. Die internationale Organisation für geistiges Eigentum hat 2013 die Marrakesch-Richtlinie erarbeitet, der den internationalen Austausch barrierefreier Bücher erleichtern soll. Aber der von Bundesregierung hierzu vorgelegte Gesetzentwurf schadet mehr, als er nützt.

Nur jedes zwanzigste Buch, das in Deutschland gekauft oder ausgeliehen werden kann. ist in einer Version verfügbar, die blinde und sehbehinderte Menschen wahrnehmen können. Dieser Mangel schließt diese Menschen nicht nur vom Genuss der meisten Romane aus, sie können auch an vielen kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Diskussionen nicht teilnehmen. Darüber hinaus erschwert dieser Mangel an zugänglichen Büchern das Lernen an Schulen und Hochschulen erheblich.

Büchernot für blinde und sehbehinderte Menschen

Die Verbände blinder Menschen sprechen daher oft von einer "Büchernot", und das völlig zu Recht. Der Mangel rührt daher, dass die meisten Verlage weder E-Books noch Hörbücher herstellen, die barrierefrei sind. E-Books können oft nicht von Computerprogrammen verarbeitet werden, die Text vorlesen oder in Braille-Schrift umwandeln. Hörbücher sind häufig gegenüber dem Original gekürzt, und es ist nicht möglich, zu bestimmten Seiten zu springen oder herauszufinden, auf welcher Seite bestimmte Stellen eines Buchs stehen. Deshalb wandeln spezielle Einrichtungen, Blindenbibliotheken oder so genannte Umsetzungsdienste, Bücher in barrierefreie Dateien oder vollständige Hörbücher, in denen man sich seitengenau bewegen kann, um. Das ist sehr arbeitsaufwändig und dadurch sehr teuer. Oft sind mehrere hundert Stunden Arbeit notwendig, um ein Buch zu übertragen. Für die Herstellung von Hörbüchern brauchen die Blindenbibliotheken darüber hinaus eine aufwändige technische Ausstattung.

Marrakesch-Richtlinie bringt Fortschritte durch internationalen Austausch

Die internationale Organisation für geistiges Eigentum hat 2013 einen Vertrag erarbeitet, der den internationalen Austausch barrierefreier Bücher erleichtern soll. Der Vertrag ermöglicht es zum Beispiel, dass eine Blindenbücherei in Deutschland für eine Nutzerin von einer kanadischen Bibliothek ein eingescanntes und für die Ausgabe in Braille-Schrift bearbeitetes Buch ausleiht und umgekehrt. Da die meisten Bücher nur selten genutzt werden, vermeidet der Austausch viel Arbeit und Kosten. Darüber hinaus erweitert der Vertrag die Gruppe der Personen, für die Bücher ohne Zustimmung der Autorinnen und Autoren oder Verlage barrierefrei aufbereitet und ausgetauscht werden dürfen. Das erlaubt der Vertrag jetzt nicht nur für Menschen, die blind oder sehbeeinträchtigt sind, sondern beispielsweise auch für Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche oder jene, die zu wenig Kraft haben, um ein Buch zu halten. Die Grüne Bundestagsfraktion begrüßt diese "Marrakesch-Vertrag" genannte Vereinbarung sehr.

Regierungsentwurf zur Marrakesch-Richtlinie: Mehr Schaden als Nutzen

Die Europäische Union hat diesen Vertrag unterschrieben, weswegen die Mitgliedsstaaten ihn nun in ihren Urheberrechts-Gesetzen umsetzen müssen. Für Deutschland hat die Bundesregierung dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt, der am 18. Oktober 2018 wahrscheinlich vom Bundestag beschlossen wird. Leider wird dieses Gesetz aber nichts zur Verwirklichung des Ziels beitragen, die Büchernot zu lindern. Der Gesetzentwurf schreibt nämlich vor, dass die Einrichtungen, die Bücher in barrierefreie Formate übertragen, Autorinnen und Autoren und Verlagen dafür eine Vergütung zahlen müssen. Auch wenn die Vergütung im Vergleich zu den gesamten Kosten der Umwandlung eher gering erscheint, fehlt den Blindenbibliotheken das Geld für die Umwandlung weiterer Bücher. Die zusätzlichen Einnahmen der Autorinnen und Autoren sind dagegen verschwindend gering.

Deutlich problematischer als die Höhe der Vergütung sind die damit verbundenen Verpflichtungen. Einrichtungen, die barrierefreie Bücher erstellen, müssen sich nicht nur registrieren, sondern auch jedes Buch, das sie umwandeln, einzeln melden. Das bindet viel Arbeitszeit, die zur Übertragung von weiteren Büchern fehlen wird. Da kein Ausgleich für diesen Aufwand vorgesehen ist, wird durch das Gesetz die Zahl der Bücher, die jedes Jahr barrierefrei aufbereitet werden, sogar eher kleiner als größer werden. Einige Hochschul- und Stadtbibliotheken, die bisher ab und zu mal ein Buch barrierefrei aufbereiten, werden diesen Service wahrscheinlich sogar ganz aufgeben. Inklusion geht anders!

Büchernot beenden: Bessere Finanzierung der Blindenbibliotheken

Wir Grüne im Bundestag halten den zur Abstimmung stehenden Gesetzentwurf für nicht vereinbar mit dem Marrakesch-Vertrag. Wir wollen, das behinderte Menschen, die darauf angewiesen sind, zu möglichst vielen Büchern barrierefrei Zugang haben. Deshalb fordern wir in einem Entschließungsantrag, dass Blindenbibliotheken nur dann eine Vergütung an Autorinnen und Autoren zahlen müssen, wenn die Verlage schon selbst eine gleichwertige barrierefreie Ausgabe anbietet. Darüber hinaus fordern wir, die Meldepflichten deutlich zu reduzieren sowie transparent im Gesetz zu regeln. Deutlich mehr barrierefreie Bücher wird es aber nur dann geben, wenn der Bund sich an der Finanzierung der Blindenbibliotheken beteiligt.

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