ZeitpolitikAlles eine Frage der Zeit

Die 2014 vorgestellte Apple Watch Armbanduhr am Handgelenk einer Person

Vor allem Berufstätige klagen über Zeitmangel. „Just-in-time“-Produktion und Digitalisierung haben den Rhythmus der Arbeitswelt beschleunigt und entgrenzt. Wer da mithalten will, muss sich flexibel zeigen. Ständige Erreichbarkeit via Rechner und Smartphone bei gleichzeitiger Präsenzkultur und zunehmender Arbeitsverdichtung – das alles führt dazu, dass die Grenzen zwischen Arbeit, Privatleben und Erholung verschwimmen.

Beschäftigten wieder mehr Souveränität und Entscheidungsfreiheit über die eigene Lebenszeit zurückzugeben, das ist das Ziel grüner Zeitpolitik. Drei Leitmotive stehen für uns im Vordergrund: Grüne Zeitpolitik soll die bestehenden Gerechtigkeitslücken zwischen den Geschlechtern verringern und nicht noch vergrößern. Zeit-Souveränität darf kein Privileg der Ober-und Mittelschicht sein. Die zu entwickelnden Arbeitszeitmodelle müssen für ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber praxistauglich sein.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Besonders Familien läuft häufig die Zeit davon. Spätestens wenn zum Beruf noch familiäre Verpflichtungen durch Kinder oder pflegebedürftige Angehörige hinzukommen, ist für viele das Limit erreicht. Keine Zeit zu haben wird trotz Fortschritten bei der Kinderbetreuung vor allem in der „Rushhour“ des Lebens zur Normalität. Und damit das Gefühl, den verschiedenen Anforderungen und Wünschen nie wirklich gerecht werden zu können.

Mehr Zeit-Souveränität

Aber genau diesen Anspruch haben immer mehr Menschen. Denn nicht nur die Erwerbsarbeit hat sich verändert, sondern auch die Lebensmodelle in unserer Gesellschaft. Und auch das führt zu zunehmender Zeitknappheit. In früheren Zeiten lagen die Dinge anders, als die Geschlechterrollen noch stereotyp und die Arbeit klar verteilt war.

Heute aber wollen viele Frauen arbeiten, häufig sogar mehr, als die Bedingungen es erlauben. Viele Männer würden bei der Arbeit auch mal kürzer treten. Frauen geben sich nicht mehr mit der Zuverdienerinnen-Rolle zufrieden, Männer nicht mehr mit der Rolle des Wochenend-Vaters.

Viele Menschen wollen aber vor allem anders und selbstbestimmer arbeiten.

Die Einlösung dieser Ansprüche gelingt zurzeit aber nur den wenigsten ohne Nebenwirkungen, denn der Arbeitsmarkt und seine Abläufe richten sich immer noch am männlichen Alleinverdienermodell aus. Das bedeutet für Eltern, mit der permanenten Dauerüberlastung zu leben. Häufig steckt aber auch die Frau zurück und trägt die Konsequenzen einer mangelhaften sozialen Absicherung. Kein Wunder, dass die Unzufriedenheit mit diesem Zustand immer weiter wächst. Denn der Anspruch, alles unter einen Hut zu bringen, wird zu teuer erkauft. Durch Stress pur oder die Aufgabe beruflicher Perspektiven. Für Frauen kommt erschwerend die drohende Armut durch Minijobs hinzu und die fortwährende Benachteiligung durch niedrigere Löhne.

Zeit neu denken

Die Menschen verlangen wieder mehr Souveränität über ihre Zeit. Von den Arbeitgebern fordern sie, endlich flexibler auf die Zeitbedürfnisse ihrer Beschäftigten zu reagieren. Immer mehr von ihnen klagen, dass sich die Forderung nach Flexibilität vor allem einseitig an sie als ArbeitnehmerInnen richtet. Auch die Politik ist gefordert, für andere, gute Rahmenbedingungen zu sorgen.

Flexibilisierung und Vereinbarkeit müssen neu gedacht werden. Es gilt, Zeit für unterschiedliche Prioritätensetzungen im Lebenslauf zu schaffen.

Das kann zum Beispiel bedeuten, in der beruflichen Einstiegsphase ganz viel, in einer Familienphase reduziert und danach wieder mehr zu arbeiten. Und gegen Ende des Erwerbslebens den gleitenden Übergang in den Ruhestand zu wählen. Das kann aber auch heißen, mal ganz auszusteigen: für Kinder oder Pflege, für eine Weiterbildung oder den beruflichen Neustart, für die Traumreise oder einfach fürs Nichtstun. Das „EINE“ Zeitmodell gibt es nicht, dafür sind die Lebensläufe viel zu verschieden. Eine gute Zeitpolitik schafft darum Rahmenbedingungen für mehr selbstbestimmte Zeit und die Freiheit, Arbeit und Leben bedarfsgerecht zu organisieren.

erschienen in profil:GRÜN, Ausgabe Oktober 2014

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