ZeitpolitikAlles eine Frage der Zeit

Die 2014 vorgestellte Apple Watch Armbanduhr am Handgelenk einer Person

Seite 2: Die Zeit ist reif

Ein Einheitsarbeitszeitmodell gibt es so wenig wie die allein seligmachende Lösung. Zudem sind Veränderungen zum Besseren kein Selbstläufer. Aber es gibt kräftigen Rückenwind für eine bessere Zeitpolitik, zum Beispiel durch den demografischen Wandel. Um den wachsenden Fachkräftebedarf zu decken, wird es unumgänglich sein, mehr Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu öffnen. Deshalb müssen Staat und Arbeitgeber den Frauen, die mehr arbeiten möchten, dies ermöglichen. Mit Angeboten, die auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Dazu gehören von staatlicher Seite hochwertige und flexible Ganztagsbetreuungsangebote nicht nur für die Jüngsten.

Auch eine Reform des Elterngeldes nach schwedischem Modell könnte Eltern die Möglichkeit bieten, ihre Arbeitszeiten selbstbestimmter zu gestalten und Zeit für die Familie zu schaffen.

Dies sieht vor, dass ein Vater oder eine Mutter, die zum Beispiel ihre Arbeit nur um ein Viertel reduzieren, das Elterngeld dafür viermal so lang nutzen können.

Teilzeitfalle überwinden

Das Modell der Teilzeitarbeit wählen vor allem Frauen, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch das Recht auf Teilzeit hat sich in Deutschland für viele Frauen zu einer regelrechten Falle entwickelt. Denn viele arbeiten entgegen ihrem Wunsch nicht nur vorübergehend reduziert, sondern auf Dauer. Die hochproblematischen Minijobs haben zu einer extrem niedrigen durchschnittlichen Wochenstundenzahl für Frauen geführt, innerhalb der Europäischen Union fällt sie nur in Portugal niedriger aus als hierzulande. Das hat zur Folge, dass diese Frauen ihre Existenz nicht eigenständig sichern können. Teilzeit gilt auch als Karrierekiller. Männer entscheiden sich deshalb nur ausgesprochen selten für diese Arbeitsform. Das Beispiel der Frauen schreckt sie ab.

Auch wenn in den Niederlanden, dem Weltmeisterland in Sachen Teilzeit, die Teilzeitfalle nicht vollends überwunden wurde, ist man dort weiter: Den Beschäftigten wurde – neben dem auch von uns seit langem geforderten Rückkehrrecht auf Vollzeit – mehr Mitspracherecht über das Wieviel, Wann und Wo ihrer Erwerbsarbeit eingeräumt.

Dieses Mehr an Flexibilität und Selbstbestimmung führte insgesamt zu mehr Beschäftigung. Denn die ArbeitnehmerInnen finden auf diese Weise Zeitarrangements, die sowohl ihren Erwerbswünschen als auch anderen Verpflichtungen und Bedürfnissen entgegenkommen. Der niederländische Weg kann hilfreich sein, insbesondere „kleine Teilzeiten“ zu überwinden. Zudem gilt es, auch die Lohngleichheit und eine Regulierung der Minijobs anzugehen.

Zeitchartas etablieren

Individuell Zeit ausgestalten, das geht nur im Dialog. Anregungen kann man sich bei den europäischen Nachbarn holen. Zum Beispiel, wie staatliche Zeitvorgaben einen Wandel in Unternehmenskulturen anstoßen können. In Frankreich hat die rechtliche Verankerung von Betriebsvereinbarungen zwischen Unternehmen mit den Sozialpartnern das Konzept der Zeitchartas hervorgebracht. Solche Rahmenvereinbarungen definieren, wie sich den „Zeitwünschen“ der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Arbeitsalltag Rechnung tragen lässt. Dabei sind sie zugleich Ausdruck eines gestärkten Mitspracherechts geworden. So kursiert in französischen Unternehmen mittlerweile das geflügelte Wort „c’est pas charte“ („das ist nicht chartagemäß“). Dieses Modell könnte ein erster Schritt zu individuellen Zeitverträgen sein, die die Ausgestaltung und Verteilung der Arbeit und die Begrenzung der Verfügbarkeit definieren.

Lebensarbeitszeitkonten ermöglichen

Zeit oder Geld anzusparen und bei Bedarf zum vorübergehenden Ausstieg oder zur Reduzierung von Arbeitsstunden zu nutzen, das klingt vernünftig. Das Modell der Langzeitarbeitskonten eröffnet diese Möglichkeiten.

So weit die Theorie; in der Praxis ist das Modell in Deutschland noch wenig verbreitet. Das liegt zum einen an gesetzlichen Geburtsfehlern von Langzeitarbeitskonten, die zum Beispiel bei Insolvenzen oder bei einem Betriebswechsel Probleme bereiten. Zum anderen liegt es an dem Umstand, dass man sich das Ansparen von Zeit auch leisten können muss. Bisher nutzen das Modell daher überwiegend gut qualifizierte und – verdienende Männer, Frauen oder Teilzeitbeschäftigte dagegen kaum. Um das zu ändern, müssen nicht nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert und ein schrittweiser Aufbau von Langzeitarbeitskonten möglich werden. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob mit Guthaben-Modellen oder durch steuerliche Vergünstigungen auch BezieherInnen kleiner Einkommen der Zugang zu Langzeitarbeitskonten und zu mehr Zeitsouveränität erleichtert werden kann.

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