EnergiewendeDeutschland kann 100 Prozent Ökostrom

DEUTSCHLAND, HELGOLAND - NOVEMBER 25: Windturbinen im Offshore-Windpark Amrumbank West der E.ON SE.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit lieferten Wind, Wasser und Biomasse am Neujahrsmorgen 2018 ausreichend Strom, um erstmals den gesamten Strombedarf in Deutschland abzudecken. In diesem Moment hätte die Stromversorung zum ersten Mal klimaneutral sein können! Die Betonung liegt auf können, denn allen Ökostroms zum Trotz liefen auch die Atom- und Kohlekraftwerke weiter - und erzeugten überflüssigen Strom, der in die Nachbarländer exportiert werden musste.

In den frühen Morgenstunden des Neujahrstages 2018 vollzog sich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, etwas für viele Überraschendes. Wind, Wasser und Biomasse lieferten ausreichend Strom, um erstmals den gesamten Bedarf in Deutschland abzudecken. In diesem Moment hätte die Stromversorgung also erstmalig klimaneutral sein können. War sie aber in der Realität nicht. Denn allen Ökostroms zum Trotz liefen auch die Atom- und Kohlekraftwerke weiter – und erzeugten überflüssigen Strom, der in die Nachbarländer exportiert werden musste.

Dreckiger Strom im Überfluss

An der Börse kam es deshalb zum Preissturz. Wer sich an der Börse mit dem Überschussstrom eindeckte, musste nichts bezahlen, sondern bekam zusätzlich noch bis zu 76 Cent pro Kilowattstunden geschenkt. Experten nennen diesen Irrsinn „negative Preise“. Sie kommen zustande, wenn die Stromerzeugung weit über dem Bedarf liegt. In der Regel passiert dies, wenn viel Wind weht, die Sonne scheint und der Strombedarf niedrig liegt – und gleichzeitig unnötigerweise Kohle und Atom weiter produzieren.

Viele Experten hatten erwartet, dass die 100-Prozent-Ökostrom-Marke an einem schönen Frühlings- oder Sommertag erstmals erreicht wird. Etwa an Pfingsten oder am Himmelfahrtstag, wenn der Wind kräftig weht, die Solarkollektoren im Sonnenlicht glänzen und der Strombedarf sinkt. Dass dieser Punkt jetzt in der Dunkelheit des Neujahrsmorgens erreicht wurde – also ohne jeglichen Solarstrom – überrascht so manchen.

Klimaschutz ist eine Chance und keine Last

Wir haben in Deutschland bei der Energiewende viel erreicht. Und das, obwohl die Regierungspolitik aus Union und SPD in den letzten Jahren mit Macht dagegen gearbeitet hat. Denn so vielen Menschen und Unternehmen haben trotz der sich ständig verschlechternden Bedingungen an den erneuerbaren Energien festgehalten. Weil sie fest daran glauben, dass Klimaschutz keine Last, sondern eine Chance ist, unser Leben und Wirtschaften zu verändern. Dank dieses Engagements kann Deutschland jetzt die Stromversorgung mit 100 Prozent Ökostrom gewährleisten

Aber jetzt müssen dringend die nächsten Schritte folgen. Es kann nicht sein, dass an jedem Feiertag, wenn der Wind auffrischt und die Sonne aufgeht negative Preise drohen. Dieser Irrsinn muss aufhören, und das Rezept ist längst bekannt: Die Flexibilität in der Stromversorgung erhöhen. So kann auch in einer Welt stark schwankender Wind- und Solarstromerzeugung die Versorgung jederzeit kostengünstig, sicher und klimaverträglich gewährleistet werden.

Erneuerbare Energien und flexible, umweltfreundliche Kraftwerke sind die Zukunft

Flexibilität ist also das neue Zauberwort der Energiewende, doch sie zu erreichen ist keine Hexerei. Der erste Schritt ist, dass die alten, unflexiblen Kraftwerke vom Netz gehen. Die Atommeiler werden bis 2022 abgeschaltet. Doch sehr schnell müssen jetzt auch die alten Kohlekraftwerke raus aus der Produktion. Das schützt nicht nur das Klima, sondern bringt auch den Strommarkt wieder in Ordnung. Die Dinosaurier aus der alten Energiewelt müssen wir dann durch Erneuerbare sowie flexible und umweltfreundliche Kraftwerke oder Speicher ersetzen. So sieht die Stromwelt der Zukunft aus.

Doch das Gegenteil droht, weil die Bundesregierung die Weichen falsch gestellt hat. Der Windkraftausbau wird in den nächsten beiden Jahren drastisch zurückgehen, die Solarenergie siecht dahin, die Investitionen in umweltschonender Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gehen zurück, neue Gaskraftwerke werden kaum mehr gebaut. Gleichzeitig halten SPD und Union ihre schützende Hand über die dreckigen Kohlekraftwerke. Keinen Mut, keine Vision, keinen Plan - so wird die Große Koalition zum Mühlstein der Energiewende.

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4 Kommentare
Prinzipiell korrekt
Mattio Veio 05.01.2018

Ich bin auch dafür, dass Deutschlands Strombedarf so bald wie möglich zu 100 % von erneuerbaren Energien gedeckt wird. Dennoch möchte ich ein paar Überlegungen in die Diskussion einbringen.

Auf der Seite vom Fraunhofer Institut (ISE) kann man die aktuelle Stromproduktion sehr gut nachvollziehen: https://www.energy-charts.de/power_de.htm?source=all-sources&week=1&year=2018

Aktiviert man nun noch die Option "Import Saldo" kann man sehen wie viel Strom wann exportiert wurde. Am Neujahrsmorgen sieht man, dass etwa 22% des "überschüssigen" Stroms exportiert wird. Allerdings sieht man auch, dass die Erneuerbaren (Solar, Wind, Saisonspeicher, Pumpspeicher, Biomasse und Wasserkraft) zusammen auf..

Kommentar Teil 2
Mattio Veio 05.01.2018

92 % kommen.

(Anmerkung zu meinem ersten Kommentar: Der überschüssige Strom entspricht 22 % der Gesamtleistung und nicht 22 % des überschüssigen Stroms, wie ich zuerst geschrieben habe.)

Jedoch bildet dieser Tag eine Ausnahme im Strombedarf in Deutschland. Sieht man sich die darauffolgenden Tage an, stellt man fest, dass eine Leistung von bis zu 75 GW benötigt werden, die am 02.01. nicht durch Erneuerbare geleistet werden können. Es werden also (leider) noch konventionelle Kraftwerke benötigt, die kurzfristig Strom ins Netz speisen können. Auch die starke Fluktuation der WK-Einspeisung und die damit verbundenen Regelungen der Frequenz des Stromnetzes sind relativ komplex.

100% Ökostrom
Jürgen 11.01.2018

Träumt weiter. Ein paar Tage Stromüberfluss an Feiertagen sagt gar nichts aus.
Ohne Kohle und Atomstrom ist keine Grundversorgung möglich.

Wer was anderes behauptet hat keine Ahnung von Physik und ist ein ideologischer Träumer.

Illusionen
Peter Brenner 14.01.2018

Merkt denn bei den Grünen niemand, dass mit solchen Parolen die Versorgungssicherheit gefährdet wird?. Mit der Forderung, fossile Kraftwerke abzuschalten, sägen Sie auf dem Ast, auf dem unsere Stromversorgung sitzt. PV und Wind können niemals für eine "Versorgung" garantieren (siehe drastisch 11.01.2018). Und bitte keine Illusionen über "immer billliger werdende Batterien" oder PTG usw. wecken. Wer solche Sachen in die Welt setzt, hat keine Ahnung von Physik/Elektrotechnik. Nein, träumen Sie nicht weiter, wachen Sie endlich auf!

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