FachgesprächGroßer Handlungsdruck im Wärmesektor

Gebäude in Abendstimmung mit Schnee bedeckt

Bei einem Expertentreffen in der grünen Bundestagsfraktion wurde deutlich, wie Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit bei der Gebäudesanierung zusammengebracht werden können.

Zum Auftakt des Fachgesprächs über den Aufbruch in die neue Wärmewelt betonte Fraktionsvorsitzender Anton Hofreiter die große Bedeutung des Wärmesektors für den Klimaschutz: „Rund die Hälfte der Endenergie wird in Häusern, Wohnungen und als Prozesswärme in der Industrie verbraucht. Ohne die Dekarbonisierung dieses Sektors können wir die Klimaziele von Paris nicht erreichen.“ Das heißt, wollen wir die Erderwärmung stoppen, müssen wir auch beim Heizen weg von den fossilen Brennstoffen wie Kohle, Gas und Öl. Doch die Bundesregierung tut viel zu wenig, um den Umbau der Wärmeversorgung voranzubringen. Während es bei der Stromwende in letzten 15 Jahren immerhin einen guten Schritt vorangegangen ist, liegt der Bereich Wärme nahezu brach.

„Trotz Paris wird von dieser Koalition sogar heute noch der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen subventioniert. Das ist völlig anachronistisch“, beklagte Hofreiter. Der Fraktionsvorsitzende verwies auf das breit angelegte „Strom- und Wärmepaket“, das die grüne Fraktion aufgesetzt hat. Damit würden die bereitgestellten Fördermittel fürs Energiesparen und für den Ausbau der erneuerbaren Energien gegenüber heute auf 7 Mrd. Euro jährlich verdoppelt. Finanzieren lässt sich das durch den Abbau umweltschädlicher Subventionen, wie beispielsweise für Flugbenzin oder Dienstwagen.

100 Prozent erneuerbare Wärme

Wie eine klimaverträgliche Wärmeversorgung in Deutschland aussehen kann, hat die Agentur für Erneuerbare Energien im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion in der Studie „Die Neue Wärmewelt“ skizziert. „Wir können innerhalb der nächsten drei Jahrzehnte auf 100 Prozent erneuerbare Energien in der Wärmeversorgung umsteigen. Dafür brauchen wir sowohl erhebliche Anstrengungen bei der Energieeffizienz also auch viel mehr Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren“, fasste Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik, die Studienergebnisse zusammen: Der Energiebedarf für Raumwärme und Warmwasser muss danach etwa um die Hälfte reduziert werden, der für Prozesswärme um ein Drittel. In der neuen Wärmewelt beruht die Wärmeversorgung auf einem breiten Mix aus Ökostrom, Umweltwärme, Bioenergie, Solarwärme, Tiefengeothermie und erneuerbar erzeugtem Gas. Entscheidend ist eine gute Vernetzung der unterschiedlichen Wärmequellen und Technologien untereinander und mit dem Stromsektor. Dabei kommt einer guten Wärmeplanung und dem Einsatz von Nahwärmenetzen eine besondere Bedeutung zu. Als politische Sofortmaßnahmen für 2017 nannte Verlinden unter anderem das sofortige Ende jeglicher finanzieller Förderung von Öl- und Gas-Heizungen, die verbindliche Nutzung von erneuerbaren Energien bei ohnehin anstehendem Heizungstausch auch im Gebäudebestand sowie die stärkere Förderung ökologischer Bau- und Dämmstoffe.

Kommunen mit ins Boot holen

Staatsrat Ronny Meyer, in der Hansestadt Bremen zuständig für die Themen Umwelt, Bauen und Energie, skizzierte in seinem Input die großen Möglichkeiten aber auch Hindernisse für Kommunen, den Umbau der Wärmeversorgung voranzubringen. Auch wenn jede Kommune ihren eigenen Weg je nach regionalen und lokalen Bedingungen finden müsse, bestehe in jedem Fall erheblicher Handlungsspielraum bei der Wärmeplanung und bei der Realisierung von Beispielprojekten mit Vorbildcharakter. Beispielsweise hat die ‚Bremer Energierichtlinie‘ hohe Effizienzstandards für öffentliche Gebäude vorgegeben und damit schon beim Bau einen geringen Energieverbrauch in der Nutzungsphase sichergestellt. Einen Schlüssel für die ökologische Wärmeversorgung sieht Meyer in der Nutzung von Wärmenetzen. Mit dem Strukturwandel weg von der zentral organisierten Fernwärme aus Großkraftwerken hin zu einem dezentralen Wärmeverbund könnten diese die Dekarbonisierung erheblich vorantreiben. Schwierig zu gestalten ist der technologisch Wandel allerdings, wenn wie im Fall Bremens die Netze und Kraftwerke privatisiert worden sind.

Auf Qualität bei Dämmung und Baustoffen achten

In der nachfolgenden Diskussion wies Alfred Theodor Ritter, Aufsichtsratsvorsitzender und Gesellschafter der Ritter Gruppe, auf den hohen Energieverbrauch bei der Herstellung von Stein- und Glaswolle hin und setzte sich vehement für den Umstieg auf nachhaltige Dämmstoffe beispielsweise aus Jute und Hanf ein. Auch bei den Baustoffen sprach er sich für eine stärkere Berücksichtigung der grauen Energie aus und mahnte den Ersatz von besonders energieintensivem Zement zum Beispiel durch Holz an. Bei der Versorgung mit erneuerbaren Energien sieht Ritter für die Solarthermie großes Potenzial. Effiziente Röhrenkollektoren könnten besonders auf Mehrfamilienhäusern ohne große Leitungsverluste erheblich zur Wärmeerzeugung beitragen. In Kombination mit Wärmenetzen und Speichern könnten bis zu 20 Prozent des örtlichen Wärmebedarfs günstig über Solarthermie erzeugt werden.

Ruth Drügemöller von der Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen plädierte in der Debatte um geeignete Dämmstoffe dafür, den Einsatz von Polystyrol nicht grundsätzlich zu verdammen. Inzwischen werde es ohne gefährliche Brandhemmer hergestellt und sei geeignet, um in der Masse der Gebäude Energieeinsparungen zu erzielen. Besonders betonte sie die Rolle der Kommunen bei der Energiewende, die über die Bauleitplanung einen guten Hebel in der Hand hätten. Hier könnten sie eine Pflicht zur Wärmeplanung verankern und so dafür sorgen, dass Wärmequellen und Wärmeabnehmer zusammenfinden.

Es geht nur sozial gerecht

Lukas Siebenkotten, Bundesdirektor beim Deutschen Mieterbund, wies auf die soziale Dimension der Energiewende im Wärmebereich hin. Nur wenn die Energiepolitik mit der Sozialpolitik zusammengedacht werde und energetische Sanierung nicht einseitig zu Lasten der Mieterinnen und Mietern erfolge, könne sie bei den Menschen auf Zustimmung stoßen. Mit seinem Appell, die soziale Seite der Energiewende mitzudenken, traf er bei Chris Kühn, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der grünen Bundestagsfraktion, auf volle Zustimmung.

Unter den zahlreichen Stellungnahmen aus dem Publikum, wurde unter anderem der Vorschlag formuliert, dem kleinteiligen und mühsamen Weg vieler einzelner Förderprogramme, Regelungen und Verbote lieber einen grundsätzlichen Anreiz zum Energiesparen über eine konsequente ökologische Steuerreform entgegenzusetzen. Damit könnte ein starker wirtschaftlicher Anreiz für die Energiewende im Wärmesektor geschaffen und mehr Dynamik erreicht werden. Julia Verlinden erwiderte darauf, dass gerechtere und angemessene CO2-Preise zwar einen zusätzlichen Anreiz setzen könnten und daher zu begrüßen seien. Angesichts der großen Vielfalt der Akteure im Wärmemarkt sollte aber an der Vielfalt der Instrumente festgehalten werden, damit möglichst viele Menschen und Unternehmen beim Umbau der Wärmeversorgung mitmachen.

Nicht verzetteln, sondern anpacken

In der angeregten Diskussion mit dem Publikum wurden noch weitere wichtige Aspekte auf dem Weg in die neue Wärmewelt erörtert. So wurde die Wirksamkeit zusätzlicher ordnungsrechtlicher Vorgaben angesichts der großen Vollzugsdefizite beim bestehenden Rechtsrahmen in Frage gestellt. Ein anderer Teilnehmer wies auf den dramatischen Fachkräftemangel in der Energieberatung und in der energiebezogenen Ausbildung in den unterschiedlichen Bauberufen hin und forderte hier mehr Engagement seitens der Bundespolitik. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung des Wärmethemas und beim Interesse an energetischer Sanierung wurden erhebliche Defizite festgestellt. Julia Verlinden stellte zum Abschluss fest, dass sie einen positiven Geist des Anpackens aus der Runde der Teilnehmenden herausgelesen habe. Der sei motivierend und stimme sie hoffnungsvoll. Denn beim Umbau der Wärmeversorgung gebe es noch viel zu tun – wie auch das Fachgespräch erneut deutlich gemacht habe.

Mehr zum Thema Energie

1 Kommentar
Wie lange werden Energieträger noch einfach ineffektiv verbrannt?
Matthias May 06.02.2017

Seit Jahren frage ich mich wann eine Partei das Thema Energieeffizienz endlich richtig anpackt. Es kann doch nicht sein, dass in Wohnungen Gas und Heizöl einfach verbrannt wird. Heizungen die eine Mindesteffizienz nicht erreichen, sollten mit einer Vorlaufzeit und Ankündigung einfach für den Einbau in Deutschland nicht zugelassen werden. Dabei ist klar, dass die Heizung ob als KWK oder als Brennstoffzelle nebenbei Strom produziert, die in einer Batterie gespeichert werden kann. Nur so kommen wir kurzfristig von den ineffektiven Großkraftwerken weg. Strom wird verfügbar, was wieder automatisch Stromautos fördert. Außerdem bringt das Ganze noch zukunftsfähige Arbeitsplätze.

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4401698