StromnetzeKostenanstieg ist hausgemacht

Ein Monteur arbeitet im Umspannwerk bei Vieselbach nahe Erfurt

Mit rund sechs bis acht Cent pro Kilowattstunden (ct/kWh) machen die Netzentgelte inzwischen ein Viertel des Strompreises für private VerbraucherInnen aus. Etwa 80 Prozent der Einnahmen erhalten die gut 700 Verteilnetzbetreiber, die das Leitungsnetz in den Städten und Regionen betreiben. Die übrigen 20 Prozent gehen an die vier Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und TransnetBW, die wegen der geplanten Stromübertragungsleitungen stark im Focus der öffentlichen Debatte stehen. Die Übertragungsnetzbetreiber haben für das kommende Jahr deutliche Erhöhungen der Netzgelte angekündigt.

Kohlestrom verstopft die Netze

Der Anstieg der Netzentgelte wird von Energiewende-KritikerInnen gerne komplett der erneuerbaren Energien angelastet. Das ist so nicht richtig. Zum einen sind in vielen Regionen Westdeutschlands die Stromnetze schlichtweg veraltet und müssten auch ohne Energiewende erneuert werden. Zum anderen machen die alten und unflexiblen Kohle- und Atomkraftwerke den Betrieb der Netze immer schwieriger. Die Altmeiler laufen zum großen Teil voll weiter, auch wenn sehr viel Wind- und Solarstrom im Netz ist. Das schafft enorme Probleme und führt in einigen Regionen sogar dazu, dass die saubere Windkraft abgeschaltet wird, damit der dreckige Kohle- und Atomstrom im Netz Platz findet.

Mangelnde Transparenz

Trotz der Regulierung durch die Bundesnetzagentur (BNetzA) ist nicht einmal in Ansätzen klar, wofür die Netzentgelte im Einzelnen verwendet werden. EU Vorgaben zur Publizierung von Entscheidungen der BNetzA hinsichtlich von genehmigten Netzentgelten werden ignoriert beziehungsweise entscheidende Abschnitte geschwärzt. Das ist das Gegenteil von Kostentransparenz. Die Netzentgelte im Hochspannungsnetz von Tennet haben sich seit 2006 annähernd vervierfacht, obwohl nur wenige neue Kilometer an Netzen gebaut wurden.

Die Bundesnetzagentur hat die Kontrolle bei den Netzentgelten verloren. Eine Kapitalverzinsung von fast sieben Prozent, wie sie kürzlich die Bundesnetzagentur den Netzbetreiber zugestanden hat, ist den Stromkundinnen und -kunden angesichts dieser Unklarheiten nicht zuzumuten. Die aktuellen Preiserhöhungen hängen auch damit zusammen, dass die Netzbetreiber die um zwei Prozentpunkte gesunkene Kapitalverzinsung über die Erhöhung der Netzentgelte wieder ausgleichen wollen.

Eine Milliarde Euro für Industrieprivilegien

Viel zu wenig beachtet werden in der Netzentgeltdebatte die Industrieprivilegien. Im Jahr 2017 werden die Stromkunden dafür erstmals über eine Milliarde Euro aufbringen müssen. Damit sind die Netz-Privilegien teurer als die von vielen als Kostentreiber gebrandmarkten sogenannten Redispatch-Maßnahmen, mit denen die Betreiber die Stromnetze während Stromüberschussphasen stabilisieren.

Ein leistungsfähiges Stromnetz ist unverzichtbar für eine erfolgreiche Energiewende. Planung und Betrieb der Netze müssen auf diese Aufgaben ausgerichtet und die Regulierung zu Gunsten der Stromkunden verstärkt werden.

Grüne Forderungen:

  • Die alten Kohle- und Atomkraftwerke müssen raus aus dem Netz. Ihre Strommassen fluten die Leitungen und treiben die Betriebskosten in die Höhe. Atomkraftwerke, die ihre Reststrommengen verbraucht haben, müssen vom Netz. Und der schrittweise Kohleausstieg muss schnellstmöglich eingeleitet werden.

  • Es braucht dringend alternative Verwendungsmöglichkeiten für Windstrom in Industrie, Wärme (Power-to-Heat) und Verkehr (Power-to-Gas). Das senkt auch die Netzkosten.

  • Der von der Bundesnetzagentur festgesetzte Eigenkapitalzins von 6,91 Prozent ist deutlich zu hoch. Er führt zu unangemessenen Renditen bei den Netzbetreibern auf Kosten der Stromkunden und muss auf unter sechs Prozent abgesenkt werden.

  • Die Netzentgelte müssen fair verteilt werden. Industrieprivilegien nach dem Prinzip „Money for nothing“ müssen beendet werden. Nur Unternehmen, die durch Lastmanagement aktiv zur Entlastung der Netze beitragen, dürfen eine Begünstigung erhalten.

  • Fair verteilen heißt für uns auch, ein bundesweit einheitliches Entgelt für die Übertragungsnetze einführen. Damit würden vor allem Stromkunden in Ost- und Norddeutschland entlastet.

Mehr zum Thema Energie

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4401001