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FachgesprächStrommarkt in Zeiten von Netzengpässen

Engagiert diskutierten die Teilnehmer mit MdB Ingrid Nestle die Gestaltung des Strommarktes.

In Deutschland polarisiert sich die energiepolitische Debatte der letzten Jahre am Netzausbau und der Transportfähigkeit der Netze. In der Folge wird die Energiewende unnötig verschleppt – entgegen aller radikalen Warnungen der Klimawissenschaften. In unserem Fachgespräch wurde die Frage erörtert, welche Konsequenzen die Existenz von Netzengpässen auf den Strommarkt haben können und sollten. Die Flexibilität von steuerbaren Erzeugern und Verbrauchern wird immer wichtiger.

Energiewende ist Realität

Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir vorhandene Flexibilitätspotenziale nutzbar machen. Wetterabhängige erneuerbare Energien sind von einer Nischentechnologie zur größten Erzeugungsquelle gewachsen, neue Verbraucher im Verkehrs- und Wärmesektor dringen in den Strommarkt. Der Stromhandel und die Steuerung des Stromsystems schreiten zügig voran, nicht nur in Deutschland sondern in ganz Europa. Eine Reihe von Vorteilen der einheitlichen Preiszone in Deutschland liegen auf der Hand: Märkte sind liquide und die Investitionssicherheit für Erzeugungsanlagen hoch.

Markt und Netz nicht in Einklang

Über die letzten Jahre sind aber auch die Probleme des Konzeptes spürbar angewachsen. Wenn die Marktsignale nicht die physikalischen Möglichkeiten des Netzes widerspiegeln, verursacht dies Mehrbelastungen der Stromkunden durch Redispatch, widersinnige Stromflüsse an den Grenzen und auch höhere CO2-Emissionen. Letzteres ist dann der Fall, wenn erneuerbare Energien abgeschaltet werden müssen und im europäischen Handel über Strompreiszonen hinweg kein Einspeisevorrang gewährleistet wird.

Kostendebatte bedroht Klimaziele

Dabei hat es ganz harmlos angefangen: Der europäische Energiebinnenmarkt ist ein Erfolgsprojekt. Und auch die einheitliche Strompreiszone in Deutschland hat viele Vorteile. Derzeit aber ergeben sich Probleme aus dem Versuch, beide auf Biegen und Brechen zu vereinen. Aktuell kann ein dänisches Kraftwerk seinen Strom nach München verkaufen, obwohl dieser dort gar nicht ankommt. Die Kosten für die Korrekturen zahlt der Kunde. Diese Redispatchkosten der fossilen Kraftwerke tragen mit 1,4 Prozent zwar nicht wesentlich zu den Stromkosten bei, spielen in der politischen Debatte aber trotzdem eine sehr große und problematische Rolle - bis hin zur Aufgabe der lebenswichtigen Klimaziele.

Welchen Preis sind wir bereit zu zahlen?

Aufgabe des Fachgesprächs war es, Optionen zu der künstlich aufrecht erhaltenen einheitlichen Strompreiszone auf Praktikabilität zu überprüfen. Die europäische Kommission hat bereits Vorschläge gemacht. Mexico und Kalifornien haben beispielsweise regionale Preise eingeführt. Die Grüne Bundestagsfraktion hat mit dem Fachgespräch die Diskussion in Deutschland eröffnet. Wir wollen diskutieren, welchen Preis wir bereit sind zu zahlen für die einheitliche Strompreiszone und welche Faktoren – Flexibilität, Investitionssicherheit, Marktmacht, Akzeptanz der Erneuerbaren Energien und Transaktionskosten – wir als Bewertungsmaßstab anlegen müssen. Hierfür hat Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft, Gäste aus Wissenschaft und Politik eingeladen.

Einheitliche Preiszone

Im ersten Teil des Fachgesprächs wurden von Dr. Christoph Maurer (Consentec GmbH) die Vorteile einer einheitlichen Preiszone dargestellt. Er stellte voran, dass Strompreise zwei Aufgaben haben: kurzfristig die Koordination von Angebot und Nachfrage, langfristig den Anreiz von Investitionen in neue Kraftwerke. In der Theorie seien lokale Preise die theoretisch effizienteste Lösung, diese ließen sich jedoch in der Realität nicht umsetzen. Das Risiko von lokaler Marktmacht und fehlenden Investitionsanreizen sei hoch. Preiszonen hingegen hätten andere Schwächen und große Vorteile in der Wettbewerbsintensität und Marktliquidität. Wichtig sei es, in Zukunft einen einheitlichen europäischen Rechts- und Regulierungsrahmen umzusetzen. Preiszonenzuschnitte seien keine kurzfristigen politischen Experimente und es dürfe nicht zu kurzzyklischen Neuzuschnitten kommen. Ein stabiler anderer Zuschnitt der Preiszone als heute sei zwar denkbar, dieser sei aber eine sehr politische Entscheidung und könne nicht aus den physikalischen Gegebenheiten abgeleitet werden. Die einheitliche deutsche Preiszone sei demnach wünschenswert, erfordere aber eine zügige und glaubhafte Lösung interner Engpassproblematiken.

Vorteile von lokalen Preisen

Prof. Dr. Karsten Neuhoff (DIW Berlin) vertrat die Vorteile von lokalen (oder Knoten-) Preisen. Ausgehend von den zukünftigen Anforderungen eines wachsenden Anteils von Wind- und Sonnenstrom im System und dem dynamischen Verbrauchsverhalten über Sektorengrenzen hinweg steht für ihn die Frage nach der Hebung von lokalen Flexibilitäten im Vordergrund. Seine Antwort ist, dass dies nur durch lokale Preise möglich sei. Dieser Beitrag zur Systemsteuerung werde immer notwendiger und könne für den Erfolg der Energiewende entscheidend werden. Versuche man hingegen lokale Preissignale durch Marktelemente im Redispatch einzuführen, schaffe dies Anreize, Netzengpässe künstlich zu erhöhen. In der Folge würden die Kosten deutlich steigen. Lokale Preise auf Auktionsplattformen hingegen würden einen robusten, liquiden und zukunftsfähigen Markt bieten, der Netzengpässe internalisiere und Investitionsanreize schaffe. In der Zukunft sei ein starkes europäisches Verbundnetz mit lokalen Zugängen die richtige Strategie.

Herausforderung auf vielen Ebenen

Es folgten die politischen Statements von Helmfried Meinel, Ministerialdirektor im Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg, und Dr. Florian Ermacora, Referatsleiter Strom- und Gasbinnenmarkt in der Generaldirektion Energie (DG ENER) der Europäischen Kommission. Herr Meinel betonte, dass ein modernes erneuerbares Energiesystem mit vielen flexiblen Verbrauchern auch im bestehenden System möglich sei. Er verwies auf relevante Wissenslücken zum Vergleich der Systeme und auf bestehende Risiken, die durch einen Systemwechsel anfallen würden. Dr. Ermacora betonte die Prämisse der Kommission, eine sichere, saubere und bezahlbare Energieversorgung zu ermöglichen. Keinesfalls sei es das Ziel der Kommission, die Strompreiszone um jeden Preis zu spalten. Prioritär sei, dass auch die Bedürfnisse der Nachbarländer beachtet würden. Wenn die internen Engpässe die Stromtransportmöglichkeiten der Nachbarn zu sehr einschränken würden, wäre durch die europäische Gesetzgebung ein Strompreiszonensplit in Deutschland möglich.

Engagierte Diskussion

In der Folge diskutierten Teilnehmer und Publikum 90 Minuten lang konstruktiv und kontrovers. Grundlage der Diskussion waren die Thesen

  • Das Strommarktsystem der Zukunft ist auf lokale Flexibilitäten angewiesen, diese benötigen (lokale) Preissignale.
  • Das Marktdesign muss flexiblen Verbrauchern und Erzeugern Investitionssicherheit bieten.
  • Marktmacht besteht in allen Systemen: bei Knotenpreisen, am Knoten selbst, bei zonalen Preisen im Redispatch.
  • Die Akzeptanz der Erneuerbare Energien wird beeinflusst einerseits von ihrem Marktwert andererseits auch an als hoch empfundenen Redispatchkosten
  • Transaktionskosten sind relevant für die Bewertung eines Systemwechsels.

Die meiste Zustimmung erhielten dabei die Aussagen

  • Es ist gut und richtig die Diskussion heute zu führen und nicht morgen, wenn der Druck noch höher ist.
  • Flexibilität ist Kern der Sektorenkopplung und des zukünftigen Erneuerbaren Stromsystems.
  • Der Netzausbau muss deutlich an Fahrt aufnehmen. Sollte dies nicht gelingen sind kleinere Strompreiszonen oder lokale Preise Teil der Lösung.

Hierfür sind jedoch noch eine Reihe Fragen zu beantworten, beispielsweise zu den Transaktionskosten einer Systemumstellung.

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