ÖkostromVom Rekordhoch ins Tal der Tränen?

Windrad am Deich

Die Zahlen klingen verheißungsvoll: Mit gut 44 Prozent erreichte die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen im Oktober eine neue Bestmarke. Über das ganze Jahr trugen Ökostromanlagen bisher mehr als 38 Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei. Doch der Schein trügt. Die Erneuerbaren-Branche steht nach vier Jahren Schwarz-Rot vor einem Scherbenhaufen. Die Solarenergie krebst nur noch dahin, und auch der Windbranche droht der Ruin, wenn die Bundesregierung nicht sehr schnell handelt.

Ausbau der Erneuerbaren Energien stockt

Das Rekordhoch ist neben dem Wetter vor allem auf die hohen Ausbauzahlen bei der Windenergie zurückzuführen. Nicht zuletzt wegen der deutlichen Kostensenkung für Windstrom stieg die Neubaurate für Windparks an Land im Zeitraum von 2014 bis 2016 auf gut 4.200 Megawatt (MW) jährlich. Dadurch sprang die Windstromerzeugung von 50 auf fast 80 Milliarden Kilowattstunden, das entspricht etwa dem Stromverbrauch von 20 Millionen Haushalten.

Schwarz-rote Ausbaubremse für Windkraft

Doch bald schon droht ein jähes Ende dieser Entwicklung. Denn ab 2018 greift die schwarz-rote Ausbaubremse. Der Neubau von Windrädern an Land wird dann auf 2.900 MW pro Jahr gedeckelt – und da ist der Austausch alter gegen neue Windräder schon inbegriffen. Schwarz-Rot hat damit ohne Not den Windausbau in Deutschland kurzerhand um mehr als ein Drittel gekürzt.

Und damit nicht genug: Wer Windräder bauen darf, wird seit 2016 über Ausschreibungen ermittelt, bei der die preisgünstigsten Bieter zum Zuge kommen. Die Ergebnisse der Ausschreibungen sind verheerend. Die allermeisten der bezuschlagten Windparks sind nicht genehmigt. Experten schlagen Alarm: Mindestens die Hälfte der Projekte wird wohl nie, zumindest aber nicht vor 2020 realisiert werden. Der Wind-Ausbau an Land droht in den nächsten beiden Jahren regelrecht zusammenzubrechen – eine Katastrophe für die Windbranche und den Klimaschutz.

Zusatzausschreibungen für Windkraft

Nach der Solarenergie droht die Bundesregierung auch der Windenergie den Boden zu entziehen. Damit gräbt sie ausgerechnet der preiswertesten Stromquelle Deutschlands das Wasser ab. Was klingt wie ein Schildbürgerstreich, ist für viele Windunternehmen und tausende dort Beschäftigte bitterer Ernst. Ihnen droht Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit. Auf grünen Druck hin hatte sich die Jamaika-Sondierungsgruppe bereits auf eine Beschleunigung des Windausbaus verständigt. Das ist nach dem kalten Ausstieg der FDP aus den Verhandlungen jetzt in weite Ferne gerückt.

Doch zumindest das Schlimmste muss jetzt verhindert werden – notfalls durch die kommissarische Bundesregierung. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries müsste dazu für die Jahre 2018 und 2019 einmalige Zusatzausschreibungen vorbereiten und dem Bundestag eine entsprechende EEG-Novelle schnellstmöglich vorlegen.

Erneuerbare Energien braucht klare Ausschreibungsverfahren

Bereits im Sommer, kurz vor Ende der letzten Wahlperiode, wurde im Wirtschaftsausschuss eine rasche Korrektur des Ausschreibungsverfahrens überparteilich beschlossen. Leider griff diese Mini-Novelle viel zu kurz, sodass jetzt erneut dringender Handlungsbedarf besteht. Dennoch kann die Bundesregierung daran anknüpfen und für eine parlamentarische Mehrheit werben.

Wenn bis 2020 noch gebaut werden soll, müssen die Unternehmen spätestens im Frühjahr 2018 Klarheit über die Ausschreibungen haben. Es ist also höchste Eisenbahn. Klimaschutz und Windbranche können nicht warten, bis die zähe Regierungsbildung in Deutschland beendet ist.

Mehr zum Thema Energie

Kommentieren

max. 700 Zeichen

4404602