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FachgesprächBildung von Mädchen weltweit stärken

Die Redner des Fachgesprächs sitzen an einem Tisch.
Die G7-Staaten haben beim Gipfel in Kanada eine Erklärung zur weltweiten Stärkung der Bildung von Mädchen verabschiedet. Mit ExpertInnen haben wir diskutiert wie eine Stärkung der Bildung für Mädchen in die Praxis umgesetzt werden kann.

Egal über welche Art von Konflikt wir sprechen: Es sind stets die Rechte der Frauen und Mädchen, die zuerst eingeschränkt werden. Das ist das Fazit des öffentlichen Fachgesprächs der grünen Bundestagsfraktion vom 27. Juni 18 „Bildung von Mädchen in Krisen und Konfliktgebieten: Was folgt aus dem G7-Gipfel?“. Die Bildung von Mädchen ist aber Schlüssel für eine bessere und friedlichere Zukunft.

Zugang zu Bildung in Entwicklungsländern

Jennifer May, stellvertretende Leiterin der Kanadischen Botschaft, berichtete vom G7-Gipfel Anfang Juni im kanadischen Charlevoix. Sie erläuterte die dort von allen - bis auf die USA - verabschiedete Deklaration zum Thema „Mädchenbildung in Entwicklungsländern“. Die Erklärung ziele genau darauf ab, Mädchen in Flüchtlingslagern oder Konfliktgebieten den Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen. May sprach zudem über die Funktion des Gender Advisory Council einem Gremium, das die G7-Staaten in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit berät. Die kanadische Regierung hat sich das Ziel gesteckt, künftig eine feministische Außen- und Entwicklungspolitik zu betreiben. Dazu programmiert sie alle Finanzmittel dahingehend um, dass künftig 25 Prozent der Gelder unmittelbar der Stärkung von Frauen und Mädchen zugutekommen sollen. Zurzeit sind dies nur drei Prozent. Ein weiteres Mittel sind gender-sensible Trainingskurse, zum Beispiel für die Sherpas in G7-Prozessen und Führungspersonal an Botschaften.

Bildung ist ein Menschenrecht

Auf die Tatsache, dass Zugang zu Bildung eines der verbrieften Kinderrechte ist, wies Sonja Birnbaum von Plan International besonders hin. Mädchen seien von mangelndem Zugang zu Bildung besonders betroffen. Das mache sie verletzlicher für gravierende Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsverheiratung, ungewollte frühe Schwangerschaften, sexuelle und andere Formen von Gewalt, Zwangsprostitution und Menschenhandel. Bildung bedeute für viele Kinder, auch in Krisen und Konflikten aber das letzte Stück Normalität und sei Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Die Deklaration von Charlevoix wurde als ein positiver Schritt bewertet, um die ungleichen Chancen von Mädchen zu verbessern. Allerdings sei eine Reihe wichtiger Aspekte nicht in das Dokument aufgenommen worden. Und dem Parlament komme gemeinsam mit der Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von G7- und G20-Gipfelzusagen zu.

Bildung ist wichtig für Frieden

Sandra Dworack, Sprecherin der globalen Bildungskampagne und Mitarbeiterin von Oxfam warnte vor einer verlorenen Generation, da weltweit 63 Millionen Kinder nicht zur Schule gehen. Naturkatastrophen, gewaltsame Konflikte oder andere Krisensituationen bedrohen weltweit den Schulbesuch von 75 Millionen Kindern. 30 Millionen Kinder befinden sich weltweit auf der Flucht. Dies verdeutlicht die Dringlichkeit des Themas. Ein großer Teil der betroffenen Kinder könne gar nicht an Unterricht teilnehmen, andere müssten in zerstörten Schulen lernen oder täglich einen Schulweg voller Gefahren auf sich nehmen. Die Finanzierung von Bildung ist stark unterfinanziert. Nur zwei Prozent der Mittel der humanitären Hilfe werden für Bildung, wie den Fonds „Education cannot wait“, ausgegeben. Dabei gibt es Studien, die belegen dass Bildung die Gefahr künftiger Krisen und Kriege um 37 Prozent reduziert.

Sexuelle und reproduktive Rechte stärken

Katrin Erlingsen von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung wies darauf hin, dass die Charlevoix-Erklärung zwar wichtig sei, die Themen sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit bedauerlicherweise jedoch nicht Bestandteil seien. Dies habe mit der Blockadehaltung der US-Regierung unter Trump im Allgemeinen in Bezug auf diese Themen zu tun. Daher sollten sich alle engagiert gegen eine Schwächung der VN-Frauenkommission und der VN-Bevölkerungskommission wenden. Gleichzeitig gelte es, bestehende G7- und G20-Zusagen in diesen Bereichen einzuhalten und diese Themen in Bildungskonzepte im globalen Süden zu integrieren. Die Bundesregierung sollte auch mehr in dem Bereich tun. Der Gender-Aktionsplan des BMZ ist ein guter Aufschlag, nun müsse es aber zentral darum gehen, wie diese Zusagen eingehalten und umgesetzt werden.

Anregungen aus der Praxis

Jeanette Böhme vom Verein medica mondiale forderte einen ganzheitlichen Blick auf sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt. Schule müsse ein Ort sein, in dem Mädchen sicher seien und Wertschätzung und solidarische Gemeinschaft erfahren könnten. Doch der Weg dahin ist nicht leicht. Um inklusive Bildungsstrukturen im globalen Süden zu etablieren, seien sowohl Politik als auch Zivilgesellschaft gefragt. Bessere Qualifizierung und eine spezifische Ausrichtung der Ausbildung auf zukünftige Berufsfelder wurden ebenso als Herausforderungen identifiziert wie der konsequente Abbau von Barrieren in Bildungseinrichtungen. Außerdem müssten auch die Regierungen vor Ort den Wert eines intakten Bildungssystems erkennen und entsprechend finanzielle und strukturelle Investitionen tätigen. Neben solch fundamentalen politischen Herausforderungen können auch mit kleinen Schritten große Veränderungen im Sinne einer geschlechtergerechten Bildung erzielt werden. So forderte sie eine staatliche Finanzierung von Hygieneartikeln, damit nicht länger Mädchen während ihrer Menstruation vom Unterricht ausgeschlossen seien, wie es derzeit in vielen Entwicklungsländern noch der Fall sei. Ein anderes Beispiel seien gender- und traumasensible Lehrmaterialien, damit Stigmata und geschlechtsbezogene Vorurteile in der Schule nicht reproduziert würden. Am Ende seien es aber die Mädchen selbst, auf die es ankomme und deren eigene Fähigkeiten es zu stärken gelte, so Böhme. Sie berichtete etwa von „Girls‘ Clubs“ in Liberia. Mädchen bräuchten auch solche geschützten Austauschräume, in denen sie einander beraten, Diskriminierungserfahrungen teilen und sich gegenseitig stark machen könnten. Denn so das Fazit: Politik und Emanzipation beginne nicht im Parlament, sondern im Kopf.

Grüne Forderungen

Über die Deklaration von Charlevoix hinaus muss sich die Bundesregierung klar zur Umsetzung des Rechts auf Bildung insbesondere von Mädchen in Krisenkontexten bekennen und konkrete, messbare Schritte zum Erreichen dieses Ziels tun, betonte Bundestagvizepräsidentin Claudia Roth. Dazu gehört auch, dass das BMZ deutlich mehr Mittel für die direkte Stärkung von Frauen und Mädchen bereitstellt. Insgesamt sollte der Genderaktionsplan engagiert umgesetzt und weiterentwickelt werden. Gleichzeitig sollte sich die Bundesregierung an Schweden und Kanada orientieren und dem Leitbild einer feministischen Außenpolitik folgen.

Für Ottmar von Holtz, den grünen Vorsitzenden des Unterausschusses Zivile Krisenprävention, steht fest: es muss zentrales Anliegen sein, der Bildungsinitiative Kanadas Kontinuität zu verleihen und das Thema insgesamt stärker international auf die Agenda zu setzen. Als einen ersten Schritt müssen zusätzliche 1,3 Milliarden US-Dollar innerhalb der nächsten drei Jahre durch bi- und multilaterale Kanäle wie beispielsweise die Globale Bildungspartnerschaft und „Education Cannot Wait“ sowie Kanäle der Humanitären Hilfe bereitgestellt werden. Hierbei dürfen bislang gemachte finanzielle Zusagen nicht angerechnet werden. Deutschland muss bei diesen Anstrengungen einen seiner Wirtschaftskraft angemessenen finanziellen Beitrag leisten.

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