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Gutes EssenGutes Essen im Alltag einfach machen

Gutes Essen - das ist den meisten Menschen wichtig, aber bleibt im Alltag oft auf der Strecke. Der Griff zur Fertigpizza oder zu Snacks ist meist leichter als die gesunde Wahl. Wir Grüne im Bundestag wollen, dass gutes Essen im Alltag einfach geht. Dafür gibt es kein Patentrezept, sondern es braucht eine Ernährungsstrategie mit verschiedenen Bausteinen. Am 12. September diskutierten unsere Abgeordneten Renate Künast, Harald Ebner, Bettina Hoffmann und Daniela Wagner mit Expertinnen und Experten darüber, welche Instrumente für eine solche Ernährungsstrategie nötig und wirksam sind.

Die Ernährungswende beginnt in der Stadt

Für Dr. Philipp Stierand, Betreiber des Blogs Speiseräume, ist die Zeit reif für die Ernährungswende. Kommunale Ernährungspolitik sollte einen ganzheitlichen Ansatz haben, die ganze Produktionskette von Lebensmitteln von der Erzeugung bis zur Entsorgung betrachten und Initiativen der Stadtgesellschaft aufgreifen. Das Thema Ernährungswende sei nicht nur etwas für Foodies, Hipster und die Mittelschicht, denn Fehlernährung habe auch mit sozialem Status zu tun. Die Kommunen seien keineswegs machtlos. Das Thema Ernährung sollte in die planerischen Instrumente integriert werden und die Städtebauförderung die Ernährungswende in der Stadt unterstützen.

Berliner Ernährungsstrategie

Margit Gottstein, Staatssekretärin für Verbraucherschutz und Antidiskriminierung des Landes Berlin, berichtete von der Berliner Ernährungsstrategie, die gerade gemeinsam mit dem Berliner Ernährungsrat, einer zivilgesellschaftlichen Initiative, entwickelt wird. Im Mittelpunkt stehe die Gemeinschaftsverpflegung in Kitas und Schulen. Diese soll auf regionale und biologische Lebensmittel ausgerichtet werden. Nach dem Vorbild Kopenhagens soll in Berlin ein „House of Food“ eröffnet werden, in dem MitarbeiterInnen von Kantinen und Großküchen in Sachen gesunder Ernährung geschult werden. Das heißt zum Beispiel: Ideen für weniger Fleisch, mehr saisonales Gemüse und weniger Zucker auf den Speiseplänen. Der Berliner Senat stellt dafür im nächsten Jahr 800.000 Euro bereit.

Neue Dynamik im Lebensmittelsektor

Hendrik Haase machte deutlich, dass in Berlin hoch innovative Konzepte wie zum Beispiel radikal regionale Restaurants entwickelt werden. Seiner Ansicht nach könne Berlin mit seinen innovativen Gastronomen und Food-Start-ups „das deutsche Kopenhagen“ werden. Auch weltweit seien die Food-Start-Ups stark im Kommen. In New York etwa sind im alten Gebäude des Pharma-Konzerns Pfizer 200 innovative Food-Start-Ups untergekommen, die sich daran machten den Lebensmittelsektor umzukrempeln. In Richtung der Politik forderte Haase mehr Unterstützung für die New Food Economy und die neue, freie Szene in der Lebensmittelwirtschaft.

Ernährungsvielfalt als Ziel der Städtebauförderung verankern

Daniela Wagner, Sprecherin für Stadtentwicklung, hob hervor, dass alle Impulse bezüglich einer besseren Ernährung aus der Zivilgesellschaft kommen. Es gehe darum zu überlegen, wie wir es den Menschen einfacher machen, gute Lebensmittel zu konsumieren. Denn gerade die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel führt zu leerstehenden Flächen und einem entsprechenden Angebot  in der Stadt. Dabei haben Städte und Kommunen viele Instrumente, um die Struktur des Einzelhandels mitbestimmen zu können, etwa über Einzelhandelskonzepte, Satzungen oder Bebauungspläne. Wichtig sei, Ernährungsvielfalt als Ziel in der Städtebauförderung zu verankern.

Deutschland muss aufholen beim Thema Gesunde Ernährung

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es um das Thema gesunde Ernährung. Dr. Antje Risius von der Universität Göttingen plädierte für mutige und vielfältige Maßnahmen in der Ernährungspolitik:  „Deutschland hinkt in der Ernährungspolitik hinterher“. Ihre Untersuchungen zur Wirkung verschiedener Maßnahmen hätten gezeigt, dass es kein „Königsinstrument“ gebe, sondern ein vielfältiger Instrumentenmix nötig sei. Wichtig sei, nicht nur auf unterstützende Maßnahmen wie Ernährungsbildung und Verbraucherinformation zu setzen, sondern auch auf entscheidungslenkende sowie beschränkende Instrumente. So könne man beispielsweise in der Kantine oder beim Schulessen durch entsprechende Angebote und Platzierung positive Anreize für die gesunde Wahl setzen. Aber auch der Weg der negativen Anreize, den andere Länder wie Großbritannien oder Mexiko mit ihrer Softdrink-Besteuerung gehen, sei wirkungsvoll. Bei beschränkenden Maßnahmen wie Obergrenzen für bestimmte Zutaten oder das Verbot von gezuckerten Softdrinks an Schulen sollten immer durch Informationen erläutert und begleitet werden. Sie appellierte an die Bundesregierung, das Thema Ernährung endlich mutig und auf verschiedenen Wegen anzugehen.

Breiter Instrumentenmix nötig

Auch Sophie Herr vom Verbraucherzentrale Bundesverband plädierte für einen Mix. Wichtig sei, dass das Lebensmittelangebot in der Breite besser würde, gesunde Lebensmittel überall leicht verfügbar und leicht erkennbar seien. Wenn die Bundesregierung nicht mit einer leicht nachvollziehbaren Nährwertkennzeichnung voran gehe, befürchte sie „Verwirrung am Kühlregal“, da dann einzelne Lebensmittelhersteller und der Handel die Initiative mit jeweils eigenen Systemen ergreifen würden. Hinsichtlich der von der Bundesregierung geplanten Reduktionsstrategie plädierte sie für Verbindlichkeit und messbare Zwischenziele. Außerdem kritisierte sie, dass trotz Selbstverpflichtungen der Lebensmittelwirtschaft Kinder immer noch Ziel von Marketingkampagnen für ungesunde Lebensmittel seien. Wenn die Bundesregierung diese Instrumente nicht endlich mutig nutze, werde die Diskussion um eine Steuer unaufhaltbar sein.

Reduktionsstrategie kein Allheimittel

Prof. Dr. Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut ging in seinem Input auf die von der Bundesregierung geplante Reduktionsstrategie für Zucker, Salz und Fett in Fertiglebensmitteln ein. So zeigte er, dass eine graduelle Zuckerreduktion in Getränken auf lange Sicht über 200.000 Diabetesfälle verhindern könnte. Ebenso könnte eine Reduktion des Salzgehalts in Lebensmitteln zu weniger Erkrankungen führen. In England habe die Salzreduktionsstrategie zu weniger Problemen mit Bluthochdruck und zu einer niedrigeren Mortalitätsrate aufgrund von Schlaganfällen und koronaren Herzerkrankungen geführt. Eine Reduktionsstrategie dürfe keine Legitimation für stark verarbeitete Lebensmittel sein. Auch er betonte, dass eine Reduktionstrategie alleine nicht ausreichend sei, sondern Teil eines umfassenden Gesamtkonzeptes mit verschiedenen Bausteinen sein müsse.

Praxisbeispiel Kennzeichnung

Mira Koppert schilderte, wie Danone den Zucker-, Fett- und Energiegehalt von Milchprodukten über Jahre durch kleine Reduktionsschritte reduziert hat. Ab nächstem Jahr werde Danone auf allen Produkten den sogenannten Nutriscore als Kennzeichnung einführen. Diese farbige Nährwertkennzeichnung sei durch eine farbliche Bewertung für jeden leicht zu verstehen. Anders als bei der britischen Nährwertampel gibt es beim Nutriscore nur eine Gesamtbewertung pro Lebensmittel. In diese fließen sowohl ungünstige Nährwerte wie Zucker, Salz und Fett als auch günstige Nährwerte wie Ballaststoffe ein. Frankreich habe seit der Einführung des Nutriscores 2017 positive Erfahrung damit gemacht. So kauften die Verbraucherinnen und Verbraucher bewusster ein und wählten gesündere Lebensmittel.

 

Nicht überraschend war das Fazit von Renate Künast, Sprecherin für Ernährungspolitik, am Ende der Veranstaltung: Wir brauchen dringend einen ganzheitlichen Ansatz für eine Ernährungswende, um für Verbraucherinnen und Verbraucher gesundes Essen im Alltag einfach zu machen: „Make it easy to go the healthy way“. Eine Ernährungswende müsse bereits bei der Stadtplanung beginnen und mutig an verschiedenen Stellschrauben wie Gemeinschaftsverpflegung, verbindlicher Reduktion von Zucker, Salz und Fett, transparenter Kennzeichnung und Ernährungsbildung drehen. „Wir müssen dringend die Verhältnisse ändern und nicht nur das Verhalten, um eine Ernährungswende herbei zu führen.“

 

 

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