Fachgespräch ErnährungStadt und Land - Hand in Hand

In den Städten und im ländlichen Raum ist eine neue Ernährungsbewegung entstanden. Bürgerinnen und Bürger haben die industrialisierte Lebensmittelproduktion satt. Sie suchen den direkten Kontakt zum Bauern, auch um die regionale Landwirtschaft damit direkt zu unterstützen.

„War on Big Food“

Diese Bewegung zeigt Wirkung: Internationale Lebensmittelkonzerne verloren 2014 Marktanteile im Wert von 4 Milliarden Dollar an alternative und ökologische Vertriebsstrukturen. Das Wirtschaftsmagazin „Fortune“ hat diesen Wandel bereits als „war on big food“ bezeichnet. Auch kommunalpolitisch sind weltweit erste Steine ins Rollen gekommen. Als Ergebnis der EXPO 2015 in Mailand unterzeichneten Bürgermeister von über 100 Städten den „Urban Food Policy Pact“ (UFPP), um lokale Ernährungsräte zu bilden.

Ziel unseres Fachgespräches war es zu konkretisieren, wie die Verbindung zwischen Stadt und Land zum Beispiel durch lokale Ernährungsräte gestärkt werden kann. Wir haben uns damit befasst, wie neue Einkommensperspektiven für Bäuerinnen und Bauern geschaffen werden können. Und mit welchen politischen Maßnahmen und Instrumenten diese Ziele erreicht werden können.

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzender Oliver Krischer betonte die Wichtigkeit, neue Betriebsmodelle zu entwickeln und Ernährungssysteme zu gestalten, die sowohl für Bäuerinnen und Bauern als auch Verbraucherinnen und Verbraucher nachhaltig sind. Die Grüne Bundestagsfraktion hat deshalb das Thema Landwirtschaft und Ernährung weit oben auf ihre Agenda gesetzt. Der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff hob hervor, dass sich die Landwirtschaft in einer dramatischen Krise befinde und dringend neue Einkommensperspektiven geschaffen werden müssen. Die Impulse und das große Interesse der Ernährungsbewegung an bäuerlicher Erzeugung sind deshalb sehr willkommen und bieten eine wichtige neue Zukunftsperspektive. Nicole Maisch, Sprecherin für Tierschutz- und Verbraucherpolitik, sprach sich für eine Bewusstseinsschärfung und für besseres Essen in Schulen und Kitas aus. Initiativen, wie der UFPP der 100 Städte sind dafür besonders wichtig, um das Thema nachhaltige und gerechte Ernährung weiter voranzubringen und umzusetzen.

Urban Food Policy Pact, Junglandwirte und Speiseräume

Christine Pohl vom Berliner Ernährungsrat stellte die Vision und Ziele des UFPP und die Umsetzung in lokalen Ernährungsräten vor. Sie betonte dabei die Bedeutung von Gerechtigkeit und Demokratisierung der Ernährungssysteme durch Einbindung von lokalen Akteuren und der Gestaltung durch Bürgerinnen und Bürger. Phillip Stierand, Ernährungsblogger und Autor des Buches „Speiseräume – Die Ernährungswende beginnt in der Stadt“, berichtete über grundlegende Werte und Bedürfnisse sowie Betriebsmodelle, die die Ernährungsbewegung auszeichnen. Dabei ist eine direkte und handwerkliche Verarbeitung ebenso wie der direkte Bezug zur Landwirtschaft besonders wichtig. „Die Verbraucher werden zu Bürgen!“, meint Stierand. Anja Hradetzky, Hofgründerin und Milchbäuerin, machte deutlich, vor welchen Schwierigkeiten sie bei der Gründung ihres Hofes stand. Daher forderte sie unter anderem eine deutlich bessere Unterstützung von Junglandwirten, beispielsweise durch eine Niederlassungsprämie, durch die Förderung eines besseren Zugangs zu Land und eine Pachtpreisbremse sowie die Anpassung gesetzlicher Hygienestandards an die Realitäten kleinerer Betriebe.

In der anschließenden Diskussion brachten die Teilnehmer ihre Anregungen für politische Maßnahmen und Instrumente zur Unterstützung lokaler Ernährungsräte und neuer Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft vor. Stig Tanzmann von Brot für die Welt, nannte Beispiele guter Praxis in Brasilien, wo eine gesetzliche Regelungen die Versorgung der Gemeinschaftsverpflegung zu 30 Prozent durch regionalen Kleinbauern absichert. Fernsehköchin Sarah Wiener forderte eine klare Haltungskennzeichnung für Fleisch zur besseren Verbrauchertransparenz und Programme zur Verbesserung der Kochkompetenz. Wilfried Brommert, Institut für Welternährung, forderte unter anderem ein Bundesprogramm für regionale Lebensmittelkreisläufe und auch die Anpassung gesetzlicher Standards für kleine Betriebe. Timo Kapphengst forderte Änderungen im Grundstücksverkehrsrecht für eine bessere Bodenverfügbarkeit und eine Pachtpreisbremse.

Nun gilt es diese Ideen zu prüfen und weiterzuentwickeln. Wir danken allen Teilnehmerinnen und Referentinnen für ihre Beteiligung am Fachgespräch und freuen uns darauf, dieses wichtige Thema gemeinsam weiter zu bearbeiten.

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