Sexuelle GewaltSchutz von Kindern

Ein Mädchen lässt die nackten Füße baumeln.

Die Ermittlungen gegen einen namhaften Abgeordneten des Deutschen Bundestages wegen des Verdachts des Besitzes von Kinderpornografie haben eine breite Debatte ausgelöst, welche Darstellungen von Kindern und Jugendlichen derzeit im deutschen Strafrecht nicht als Kinderpornografie gelten, zukünftig aber strafrechtlich bewährt sein sollten.

Die Überprüfung des Strafrechts ist wichtig, sie ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Denn das Strafrecht greift erst, wenn der Missbrauch schon geschehen ist. Es muss mehr getan werden, damit Kinder und Jugendliche gar nicht erst sexuell missbraucht oder für die Herstellung von Fotos oder Videos instrumentalisiert werden. Der Handlungsbedarf im Bereich der pädagogischen Prävention für Kinder und Jugendliche, aber auch bei der Information von Eltern und Fachkräften ist riesig. Neben dem Strafrecht hat sich die grüne Bundestagsfraktion daher in einem Fachgespräch auch intensiv mit der Frage des effektiven Kinderschutzes befasst.

Pädagogische Herausforderung Internet

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes Rörig, fand deutliche Worte: Das Thema sexueller Missbrauch führe bei vielen Menschen zu Verdrängungsmechanismen, dabei nehme die sexuelle Gewalt schon die Ausmaße einer Epidemie an. Wichtig sei es aus seiner Sicht, darüber aufzuklären, was verboten ist und was nicht. Zudem müsse die pädagogische Prävention schon im frühen Kindesalter gestärkt werden, damit Kinder besser über ihre Rechte – und so auch über ihr Recht am Bild – Bescheid wissen. Eltern wie auch Kinder und Jugendliche müssen aus seiner Sicht verstärkt dafür sensibilisiert werden, was öffentlich zugänglich gemacht bzw. was besser privat bleiben sollte. Frau Prof. Ziegenhain vom Universitätsklinikum Ulm machte in diesem Zusammenhang deutlich, dass das Internet für Kinder ein neues Sozialisationsfeld ist. Auch hier wollen Kinder spielerisch die Welt erkunden, Eltern und Institutionen hinken aber im Wissen darüber meist hinterher. Beide ExpertInnen waren sich einig, die Förderung der Medienkompetenz betreffe Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen und müsse dringend verbindlicher geregelt werden. Denn Strategien, die nur auf das Vermeiden oder Fernhalten setzen, sind nach ihrer Einschätzung lebensfern und daher untauglich.

Europäische Vorgaben umsetzen

Frau Czarnecki von ECPAT Deutschland e. V., einer Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder gegen sexuelle Ausbeutung, erweiterte das Spektrum um die internationale Dimension. Sie verwies auf die europäischen Vorgaben, die in Deutschland noch nicht umgesetzt sind. Dazu gehöre die Umsetzung der Richtlinie des europäischen Parlaments zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen, sowie die sog. Lanzarote Konvention.

Vor allem im Online-Bereich gäbe es großen Handlungsbedarf. Sexualisierte Onlinegewalt habe enorm zugenommen. Die Datenflut sei mit den derzeitigen Ressourcen der Ermittlungsbehörden kaum aufzuarbeiten, entsprechend lang seien teilweise die Ermittlungen. Dies illustriere auch das „Sweetie-Projekt“, bei dem Experten von Terre des Hommes mit einer virtuellen Identität eines philippinischen Mädchens im Internet in zehn Wochen rund 20.000 sexualisierte Anfragen erhielten. Datenerhebung und Forschung müssten dringend weiter entwickelt werden. Dies hatte jüngst auch der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes der Deutschen Bundesregierung gegenüber kritisiert. Ebenso sei auf Dauer angelegte Prävention notwendig, Zielgruppen müssten gezielt vor Ort angesprochen werden. Mediale Kampagnen seien längst nicht ausreichend.

Mehr Präventionsangebote für potentiell pädophile Täter nötig

Frau Kuhle vom Projekt „Kein Täter werden“ konnte darlegen, welche präventive Wirkung Therapieangebote für potentielle Täter haben. Erfahrungen aus dem Projekt zeigen, dass Klienten sehr viel Bildmaterial aus dem gegenwärtig legalen Bereich nutzen. Der Übergang von harmlosen Bildern zu erotischem Material sei für sie oft schwierig. Bilder von Mädchen und Jungs würden dabei gleichermaßen benutzt. Die meisten Klienten, die sich an das Projekt wenden würden, wären Ende dreißig. Bessere Therapieergebnisse ließen sich jedoch vor allem bei jüngeren Männern erzielen. Wichtig sei es aus ihrer Sicht, die unter pädophilen Präferenzen leidenden potentiellen Täter deshalb so früh wie möglich zu erreichen. Der präventive Ansatz bestehe vor allem in der Verhaltenskontrolle, die in der Therapie gestärkt werde. Dazu bedürfe es jedoch weit mehr und niedrigschwelligere Angebote. Studien gehen von Präferenzstörungen bei eins bis fünf Prozent der Männer aus. Bundesweit gebe es bisher kein dem Bedarf entsprechendes Angebot. Die gegenwärtige unsichere Finanzierung erschwere zudem die langfristige Planung, die aber sowohl für die in Therapie befindlichen Klienten wie auch für die Therapeuten von größter Bedeutung ist.

Prävention in der weiteren Debatte nicht vernachlässigen

Die ExpertInnen konnten aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und Handlungsfeldern deutlich machen, wie viel für die Prävention bzw. den Kinderschutz in Deutschland wie auch im internationalen Bereich zu tun ist. Neben den strafrechtlichen Regelungen darf die Prävention nicht aus den Augen verloren werden.

Die Bundesregierung hat sich zu Recht auf den Weg gemacht, Regelungslücken zu beleuchten und Vorschläge zum Schließen dieser Lücken zu machen. Der aktuelle Referentenentwurf beinhaltet eine Palette komplexer Regelungsvorschläge in sehr unterschiedlichen Bereichen, So soll nun beispielsweise die unbefugte Herstellung, Weitergabe und Verbreitung von Bildaufnahmen unbekleideter Personen (also von Erwachsenen gleichermaßen wie von Kindern und Jugendlichen) oder auch die Verbreitung bloßstellender Bildaufnahmen bestraft werden. All diese Vorschläge werden wir mit Unterstützung von Fachleuten im Gesetzgebungsverfahren auf Herz und Nieren prüfen. Gleichzeitig werden wir die Bundesregierung drängen, auch die notwendigen Maßnahmen zur Stärkung der Prävention zu ergreifen.

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