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FinanzkriseDie Mythen der Finanzkrise

Skyline von Frankfurt am Main monochrom
Die Skyline der Bankenmetropole Frankfurt. In den vergangenen zehn Jahren haben Mythen die Diskussion um die Aufarbeitung der Finanzkrise geprägt. Welche Mythen es sind und warum sie falsch sind, lesen Sie hier.

In den vergangenen zehn Jahren haben Aussagen wie: "Die Finanzkrise ist vor allem ein amerikanischen Problem", "keiner konnte die Krise kommen sehen", "jetzt sind wir sicher" Mythen geschaffen, die die Diskussion um die Aufarbeitung der Krise geprägt haben. Sie sind alle falsch.

Mythos 1: Die Probleme kamen ausschließlich aus den USA

Wenn deutsche Politiker über die Finanzkrise gesprochen haben, dann war oftmals zu hören, Deutschland und die EU seien "betroffen" oder "hätten sich angesteckt". Damit wird suggeriert, dass die Krise Deutschland wie einen externen Schock traf. Gleichzeitig wird eine eigene Verantwortung für die Krise zurückgewiesen. Die Börsenzeitung vom 03.07.2018 stellt zum Beispiel die Frage "Waren es besonders deutsche Banken, die Schuld trugen an der Finanzkrise?" Und beantwortet diese mit nur einem Wort "Nein". Auch der damalige Finanzminister Steinbrück wies, selbst nachdem in Deutschland schon erste Banken gerettet wurden, jede Verantwortung von sich: "Die USA - darauf lege ich gesteigerten Wert - sind der Ursprung der Krise, und sie sind der Schwerpunkt der Krise. Es ist nicht Europa, und es ist nicht die Bundesrepublik Deutschland" (Regierungserklärung vor dem Bundestag am 25. September 2008).

Doch Fakt ist:

Auch in Europa gab es Immobilienblasen und Schuldenbooms

Die Bankenkrisen in Europa und Deutschland wurden nicht nur von faulen Wertpapieren aus den USA ausgelöst. In vielen europäischen Ländern haben Banken, Aufsicht und Regierung ihre ganz eigenen Spekulationsblasen zu verantworten. Spanien, England, Irland - überall gab es enorme Immobilienblasen vor der Krise. Das Muster war immer ähnlich. Die Immobilienpreise stiegen stark. In Dublin stieg der Wert mancher Objekte wöchentlich um 5.000 Euro. Das Baugewerbe boomte und trieb die Wirtschaft an. In Spanien wurden in den Jahren vor der Krise 800.000 Wohnungen gebaut - mehr als in Italien, Deutschland und Frankreich zusammen. Getrieben und getragen wurden die Booms von laxen Kreditstandards der Banken. 100 Prozent Finanzierungen und mehr waren keine Seltenheit. Das heißt, der Kredit von der Bank war höher als der Wert der Immobilie, indem etwa beim Kauf anfallende Nebenkosten auch über den Kredit finanziert wurden. In der Folge stieg die Verschuldung der privaten Haushalte zwischen 2000 und 2007 stark an: In Spanien von 300 auf 1.000 Milliarden Euro, in Irland von 100 auf 200 Milliarden Euro und in England von 900 auf 1.900 Milliarden Euro. Die Aussage, dass die Krise ausschließlich von den USA verursacht wurden ist also nachweislich falsch.

Deutsche Banken haben den US-Immobilienboom stark befeuert

Auch deutsche Banken haben im US-Immobilienmarkt mitgemischt und den Boom befeuert, der dann zur Krise geführt hat. Die Deutsche Bank war zum Beispiel über Tochtergesellschaften in die Vergabe von dubiosen Krediten in Milliardenhöhe verstrickt, bei denen teilweise von vornherein der Ausfall absehbar war. Dafür musste die Deutsche Bank im Jahr 2016 7,2 Milliarden US-$ Strafe zahlen. Diese riskanten Kredite wurden dann zusammengewürfelt, tranchiert, strukturiert, dann verbrieft und schließlich als "sichere Anlagen" an Investoren weltweit weiterverkauft. Später wurden aus diesen Verbriefungen die berühmten "faulen oder toxischen Papiere", die die Bilanzen der Banken ruinierte und zum Vertrauensverlust an den Märkten führten.

Doch deutsche Banken waren nicht nur bei der Vergabe der faulen Kredite aktiv, sondern haben auch dafür gesorgt, dass die Märkte gleichzeitig mit genug Liquidität versorgt wurden und das Spiel weitergehen konnte. So haben sie dann die faulen Kredite gekauft und außerhalb ihrer Bilanz versteckt. Dafür haben sie diese Papiere in so genannte Conduits oder Zweckgesellschaften gepackt und diese anschließend über kurzlaufenden Geldmarktpapiere an Investoren weiterveräußert. Damit konnten die Banken die schwachen Regulierungen umgehen und den Sicherheitspuffer immer weiter reduzieren. Deutsche Banken waren weltweit die zweitgrößten Konstrukteure dieser Zweckgesellschaften mit einem Volumen von 204 Milliarden US-$ im Jahr 2007. Nur US-Banken waren hier mit 488 Milliarden US-$ noch aktiver. Deshalb wundert es auch nicht, dass sich unter den 30 größten Sponsoren dieser Zweckgesellschaften das who-is-who der deutschen Bankenkrise finden lässt: Deutsche Bank, WestLB, Dresdner Bank, Bayern LB, Bayerische Hypo- und Vereinsbank, Hypo Real Estate, Sachsen LB. An der Wall Street sprach man indes von den "Stupid Germans in Düsseldorf" oder von "Stupid German Money". Denn, so zumindest der Eindruck, wenn die amerikanischen Investmentbanker ihre Papiere sonst nirgendwo unterbringen konnten, so gab es noch immer die deutschen Banken, die nur allzu bereitwillig auch den letzten Ramsch kauften.

In Deutschland gab es statt einer Immobilienblase eine Schifffahrtsblase

Während sich für irische, spanische und englische Banken das große Geschäft vor der Krise im Immobilienbereich machen ließ, fokussierten sich einige deutsche Banken auf einen ganz anderen Bereich: Schiffe. In den Vorkrisenjahren waren die Frachtraten hoch, Containerkapazitäten begehrt. Viele neue Schiffe wurden in Auftrag gegeben. Für einige deutsche Banken schien dies ein lohnenswertes Geschäft: Lagen die gemeldeten Kredite deutscher Banken in diesem Bereich im Jahr 2002 noch bei circa 50 Milliarden Euro, so erhöhte sich das Geschäft bis 2008 auf über 100 Milliarden Euro. In der Boomphase waren dabei auch mal Finanzierungen mit nur 5 Prozent Eigenkapital der Kunden drin. Die deutschen Banken hielten einen Anteil von mehr als 40 Prozent am weltweiten Schiffsportfolio. Zum Vergleich: der Anteil Deutschlands am Welthandel liegt bei knapp 7 Prozent. Dies zeigt eindrucksvoll, welche überdimensionierte Rolle die Schiffsfinanzierung in Deutschland spielten und zum Teil auch noch spielen. Weder Bankenvorstände noch Politik schritten hier lange Zeit ein. Stattdessen wurde die Entwicklung teils noch befeuert . Auch in Bezug auf Deutschland ist die Aussage, die Krise sei nur von außen gekommen und habe uns angesteckt, nachweislich falsch.

Das exportorientierte Wachstumsmodell hat Deutschland verletzlich gegen eine weltweite Rezession gemacht

Als die Krise die Weltwirtschaft erfasste, war Deutschland im internationalen Vergleich besonders stark betroffen. Der Produktionsrückgang im Jahr 2009 war mit 5,6 Prozent doppelt so heftig wie in den USA. Der Einbruch in Deutschland hängt stark mit der Exportabhängigkeit Deutschlands zusammen. In den Jahren vor der Krise waren die Löhne für Arbeiter und Angestellte kaum gestiegen. Am unteren Ende sind die Einkommen sogar gefallen. Gleichzeitig sind viele Arbeitsverhältnisse immer prekärer geworden. Das hat den inländischen Konsum geschwächt, denn wenn die Löhne zum Leben kaum reichen und man nicht weiß ob man morgen noch einen Job hat, wird wenig Geld ausgegeben und lieber gespart. Gleichzeitig haben Staat und Firmen ihre Investitionen zurückgefahren. Die deutsche Wirtschaft wuchs kaum noch und wurde immer abhängiger von der Nachfrage aus dem Ausland. Über 40 Prozent des geringen deutschen Wachstums kam vor der Krise aus dem Ausland. Das zeigte sich auch im Außenhandelsüberschuss, der auf über 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anwuchs. Die Politik hat hierauf nicht reagiert. Als die Krise dann weltweit Nachfrage und Welthandel einbrechen ließ, war Deutschland deshalb im Vergleich zu Ländern mit einen stärkere Binnenkonsum besonders betroffen.

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Mythos 2: Die Finanzkrise kam aus heiterem Himmel

  • "Wenige, wenn überhaupt irgendjemand, haben eine solche Kernschmelze der Finanzmärkte, wie wir sie jetzt beobachten, erwartet." Robert Rubin, Finanzminister unter Bill Clinton, 14.März 2008
  • "Ich kennen niemanden, der das hat kommen sehen." Glenn Stevens, Präsident der australischen Zentralbank, 9. Dezember 2008
  • "Niemand hat das Ausmaß dieser Lawine vorhergesagt." Nout Wellink, ehemaliger Präsident der Niederländischen Zentralbank und Direktor der BIS
  • "Immer wieder gab es neue Zuspitzungen, mit denen niemand rechnen konnte." Jochen Sanio, April 2009 im Jahresbericht der BaFin
  • "Trotz aller Vorhersagen, dass die Krise nicht rasch vorüber sein werde, war ein solcher Reigen von Notübernahmen und Quasiverstaatlichungen - und das in den USA, dem Hort der Marktwirtschaft und einer lautstark vorgetragenen neoliberalen Grundüberzeugung - oder Insolvenzen nicht zu erwarten." Steinbrück, 25.09.2008, Regierungserklärung vor dem deutschen Bundestag

Auch wenn die Zitate den Eindruck erwecken, kaum jemand habe die Krise und das Ausmaß kommen sehen, Fakt ist: Schon weit vor der Zuspitzung der Krise in Form des Kollaps von Lehman hatte sich abgezeichnet, dass es sich hier um eine handfeste internationale Finanzkrise handelte. Mit dem Argument "keiner hat es kommen sehen" lässt sich der Mangel an Vorbereitung durch die Bundesregierung nicht entschuldigen.

Denn Fakt ist:

Viele haben vor der Krise gewarnt

Als die Queen im November 2008 an einem Festakt an der London School of Economics fragte, warum denn niemand die Krise vorhergesehen habe, blieben befriedigende Antworten aus, schreibt zum Beispiel die Neue Zürcher Zeitung. Doch, auch wenn die Kritik am ökonomischen Mainstream durchaus berechtigt war, so gab es auch aus der Zunft der Wissenschaftler und Ökonomen eine Vielzahl an Warnungen. Nur hören wollte sie niemand.

Die Zeitschrift Real-World Economics schrieb 2010 einen Preis aus: Gesucht wurden die drei Ökonomen, die den Kollaps des Finanzsystems zuerst und am klarsten vorhergesagt hatten. Alleine die Vorschlagsliste enthielt knapp 100 Ökonomen, die für eine solche Nominierung in Frage kamen. In die engere Wahl kam dann eine ganze Reihe Ökonomen, darunter auch eine Reihe bekannter und renommierter Fachleute: Dean Baker, Wynne Godley, Michael Hudson, Steve Keen, Paul Krugman, Jakob Brøchner Madsen, Ann Pettifor, Kurt Richebächer, Nouriel Roubini, Robert Shiller, George Soros und Joseph Stiglitz. Erste Hinweise auf die sich aufbauenden Instabilitäten wurden bereits im Jahr 1995 vom Gewinner des Preises Steve Keen, einem australischen Wirtschaftsprofessor, veröffentlicht. In den frühen 2000ern nahm Intensität und Häufigkeit der Warnungen dann stark zu. Bereits Wynne Godley warnte zum Beispiel, dass ein schuldenbasiertes Wachstumsmodell, wie es derzeit in den USA zu beobachten war, nicht nachhaltig sei. Als sich die Ausmaße des Booms stärker abzeichneten schreibt Ann Pettifor im Jahr 2003: "There will be a collapse in the credit system in the rich world, led by the United States". Paul Krugman im Jahr 2005: "If housing prices actually started falling, we'd be looking [...} right back into recession. That's why it's so ominous to see signs that America's housing market [...] is approaching the final, feverish stages of a speculative bubble." Die Krise war also, anders als meist behauptet, durchaus absehbar.

Nicht erst mit Lehman hat sich die Komplexität und Vernetzung des internationalen Finanzsystems abgezeichnet

Selbst wenn man die Warnungen einiger aufgeweckter Ökonomen ignoriert hat, so gab es dann mindestens ein Jahr vor dem Kollaps von Lehman klare und erkennbare Anzeichen, dass es sich nicht um eine einfache Abkühlung der US-Wirtschaft handelte, sondern eine ausgewachsen internationale Finanzkrise drohte. Bereits im August 2007 kam es in Folge der Unsicherheiten im US-Immobilienmarkt weltweit zu einer um sich greifenden Panik. Der Interbankenmarkt, oftmals als Nervenzentrum des Finanzsystems bezeichnet, trocknete aus, d.h. Banken waren nicht mehr bereit sich gegenseitig Geld zu leihen. Nur ein beherztes Eingreifen der Zentralbanken konnte die Schwierigkeiten zeitweise überbrücken. Dennoch kam es in England bereits 2007 zu Schalterstürmen durch besorgte Kunden, die um ihre Einlagen fürchteten. Schließlich führte dies sogar zur Verstaatlichung der Bank Northern Rock. Die US-Investmentbank Bear Stearns hatte ebenfalls schon früh mit Problemen zu kämpfen und der Zusammenbruch konnte nur durch die Übernahme durch eine andere Bank verhindert werden. Die französische Bank BNP Paribas musste drei Fonds mit Engagements auf dem US-Hypothekenmarkt einfrieren, das heißt Anleger konnten nicht mehr auf ihr Geld zugreifen. Die Krise war spätestens ab diesem Zeitpunkt absehbar.

Schon vor der Krise mit Lehman, mussten deutsche Banken gerettet werden

Bereits bevor die größeren Schocks durch das internationale Finanzsystem gingen - das Gefrieren der Interbankenmärkte im August 2007 und die Insolvenz von Lehman im September 2008 - zeigte sich die Verletzlichkeit des deutschen Finanzsystems. Die ersten Rettungspakete für deutsche Banken hatten schon vorher geschnürt werden müssen: So musste die IKB bereits im Juli 2007 aufgrund ihres Engagements im US-Immobilienmarkt von der staatlichen Förderbank KfW gestützt werden. Es folgen weitere Nothilfen für die IKB im November 2007 und im Februar 2008. Auch für andere Banken mussten schon weit vor der Lehman-Pleite, Rettungspakete geschnürt werden: Die Sachsen LB musste im August 2007 durch die Landesbank Baden Württemberg übernommen werden. Die West LB wurde noch im Februar 2008 durch das Land Nordrhein-Westfalen und die Sparkassen gestützt. Die Düsseldorfer Hypothekenbank schließlich wurde im April 2008 auf den Einlagensicherungsfonds übertragen. Auch bei anderen Banken zeichnen sich bereits Probleme ab: Die Hypo Real Estate musste 390 Millionen Euro auf verbriefte US-Immobilienkredite abschreiben; die BayernLB meldet Abschreibungen und Wertberichtigungen von 1,9 Milliarden Euro für 2007. Später meldete sie dann einen Verlust von 600 Millionen Euro für das erste Halbjahr 2008 und bezifferte die möglichen Verlust aus US-Geschäften auf fast 5 Milliarden Euro. Dies zeigt, schon vor der eigentlichen Krise mussten deutsche Banken in erheblichem Umfang gestützt werden.

Andere Länder bereiteten sich vor: Die Bundesregierung rührte sich nicht

Trotz aller Hinweise auf die Krise traf Deutschland keinerlei Vorbereitungen. Dies ist umso unverständlicher, bedenkt man, dass Jochen Sanio, Chefaufseher bei der Deutschen Finanzaufsicht, bereits "die schlimmste Finanzkrise seit 1931" in Deutschland befürchtete, würde die mittelgroßen Bank IKB nicht gerettet. Andere Länder waren uns da voraus: In England wurde bereits Anfang 2008 mit dem "Banking Special Provisions Act" ein Gesetz zur Notverstaatlichung von Banken geschaffen. Es wurde zuerst zur Verstaatlichung von Northern Rock genutzt und war dann ein wichtiges Instrument als die Krise sich mit dem Zusammenbruch von Lehman verschärfte. Drei weitere Banken wurden daraufhin verstaatlicht. In Deutschland musste, als der Fall der HRE anders nicht mehr unter Kontrolle zu bringen war, zu diesem Zweck das Rettungsübernahmegesetz in wenigen Tagen durch den Bundestag gepeitscht werden. Auch die Schweizer Notenbank (SNB) hatte früh Vorkehrungen getroffen: Als im Oktober die Bank UBS gerettet werden musste, war die Notenbank gut vorbereitet. Eine solche Operation wurde intern schon monatelang vorbereitet - so der Schweizer Zentralbänker Jean-Pierre Roth. Bereits im Frühjahr 2008 diskutierten die SNB die Frage: Was ist zu tun, wenn eine Schweizer Großbank in Schieflage gerät? Hierüber wurde sich auch mit der US-Notenbank Fed und der Bank of England ausgetauscht. Diese Weitsicht zahlte sich dort aus. Die SNB machte mit der gut vorbereiteten Rettung der UBS einen satten Gewinn. Anders in Deutschland, wo die Ruhe vor dem Sturm nicht zur Vorbereitung genutzt wurde: Hier wird auf der Rechnung der Bankenrettung am Ende ein dickes Minus stehen.

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Mythos 3: Bundesregierung hat Krise gemeistert

Nachdem die heiße Phase der Bankenrettungen in Deutschland vorbei war, wurde die Bundeskanzlerin nicht müde zu betonen, dass Deutschland vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sei und vermarktete dies als Verdienst der Bundesregierung.

  • "Ich möchte das, was Sie alle wissen, an den Beginn stellen: Wir sind in Deutschland im Vergleich zu anderen eigentlich recht gut aus der schweren internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise herausgekommen. […] Nur durch sehr klug designte Konjunkturprogramme […] können wir heute sagen, dass wir die Krise recht gut überwunden haben." Bundeskanzlerin Angela Merkel, beim Kongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion 15.04.2013
  • "Wir sind rascher und stärker aus der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise herausgekommen als andere. […] Es ist das bleibende Verdienst der damaligen Koalition von CDU, CSU und SPD, Deutschland 2009 gemeinsam mit den Sozialpartnern so rasch, so erfolgreich durch diese Krise geführt zu haben." Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Deutschen Bundestag am 29.01.2014:
  • "Wahr ist, wir haben gemeinsam eine Krise gut überwunden. Wahr ist, dass wir kontinuierlich die damals notwendige, aber dauerhaft zu hohe Verschuldung zurückgeführt haben. Wahr ist, dass wir diesen Weg konsequent fortsetzen." Finanzminister Wolfgang Schäuble, 23.11.2012 im Deutschen Bundestag

Doch auch, wenn in Deutschland der direkte wirtschaftliche Einbruch relativ schnell überwunden wurde, so verschweigt die Bundesregierung  zwei zentrale Tatsachen: die Kosten der Krise sind in Deutschland hoch und die relativ schnelle Erholung nach der Krise ist nicht der Erfolg der Politik der Bundesregierung.

Denn, Fakt ist:

Die Bankenrettung war teurer als in vielen anderen Ländern

Weil sich in vielen Ländern die Aufsichtsbehörden frühzeitig auf eine Ausweitung der Krise vorbereitet hatten, kamen dort die Steuerzahler –anders als in Deutschland - aus der Bankenrettung am Ende sogar mit einem Gewinn heraus. In den USA etwa gingen die Aufsichtsbehörden entschieden vor, zwangen die Banken sich zu rekapitalisieren und faule Kredite abzuschreiben. Am Ende konnte die Bankenrettung mit einem Plus von 25 Milliarden US- $ abgeschlossen werden, schrieb dasHandelsblatt (Online) am 30.08.2018 zum Thema Bankenrettung mit Gewinn. Auch die Rettung der schweizerischen UBS-Bank konnte mit einem Gewinn abgeschlossen werden. Anders in Deutschland: Die Bundesregierung handelte zögerlich und die Aufsichtsbehörden waren unvorbereitet. Nach aktuellem Stand hat die Bankenrettung ein großes Loch in die Staatskasse gerissen.

Dass Deutschland aus Sicht des Steuerzahlers überhaupt nicht gut durch die Krise gekommen ist, belegt auch eine Studie von Wissenschaftlern der spanischen Zentralbank. In absoluten Zahlen schnitten nur Irland und Spanien schlechter ab als Deutschland. Aber auch relativ zur Wirtschaftsleistung war die Bankenrettung in Deutschland kein Erfolg. Die Kosten der Rettungsmaßnahmen in Deutschland liegen hier im oberen Mittelfeld aller EU-Länder, so dieBanco de Espaniaauf ihrer Webseite in einem Artikel vom 6.4. 2017.

Deutschland hatte Glück

Auch wenn Bundeskanzlerin Merkel sich nach der Krise selbst auf die Schulter klopfte, so war die relativ schnelle Erholung in Deutschland nicht ihrer Politik, sondern vor allem glücklichen äußeren Umständen zu verdanken: Eine international anziehende Exportnachfrage sowie niedrigen Zinsen und ein niedriger Eurowechselkurs (gerade auch wegen der Finanz – und Eurokrise) begünstigten den Aufschwung der exportorientierten deutschen Wirtschaft nach der Krise.

Dabei war Deutschland gerade aufgrund seiner Fokussierung auf Investitions- und langlebige Konsumgüter (wie zum Beispiel Autos) und seines exportabhängigen Wachstumsmodell zuvor besonders stark von der Krise getroffen worden. Diese Schwachstelle der deutschen Wirtschaft erwies sich nach der Krise als Vorteil. Denn die unerwartet schnelle Erholung der aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien sowie Süd- und Mittelamerika, welche von der Krise nur indirekt betroffen waren, ließ die Nachfrage nach deutschen Exportgütern schnell wieder ansteigen und die Konjunktur in Deutschland zog wieder an.

Gleichzeitig profitierte die deutsche Wirtschaft von den extrem niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB), die diese als Reaktion auf die Finanz- und Eurokrise massiv gesenkt hatte. Dazu kam noch, dass viele Anleger im Vertrauen auf die starke deutsche Wirtschaft ihr Geld in Deutschland anlegten, was die ohnehin schon niedrigen Zinsen weiter senkte. Normalerweise würde die starke Exportorientierung der deutschen Wirtschaft in Kombination mit niedrigen Zinsen automatisch zu einer Aufwertung der nationalen Währung führen und so das Wirtschaftswachstum wieder beinträchtigen. Doch im Euroraum gibt es keine nationalen Währungen mehr und Deutschland profitiert so bis heute von der Schwäche der Eurozone, da die üblichen Marktmechanismen nicht mehr greifen können.

Berliner Sparfetisch verlängerte die Finanzkrise in Europa

Anders als in Europa, hatte die US-Regierung die Geldpolitik mit fiskalischen Maßnahmen (wie zum Beispiel massiven öffentlichen Investitionen) unterstützt, so dass dort  bereits 2016 eine Normalisierung der Geldpolitik eingeleitet werden konnte und die Zinsen wieder anstiegen. In Europa aber muss die EZB heute noch voll auf dem geldpolitischen Gaspedal stehen und die Zinsen weiter niedrig halten, weil Wachstum und Inflation in der Eurozone nach wie vor fragil sind. 

Insbesondere das deutsche Spardiktat der Regierungen Merkel hat die Krise der EU unnötig verlängert. Während andere Länder Konjunkturpakete vorbereiteten, weigerte sich Angela Merkel lange, Maßnahmen von relevanter Größenordnung in Deutschland überhaupt in Erwägung zu ziehen. Ziel war stattdessen die Erreichung der unsinnigen und kontraproduktiven sogenannten schwarzen Null im Bundeshaushalt, soSpiegel online in einem Artikel vom 20.10. 2008. Doch die Bundesregierung hat nicht nur national auf das falsche Pferd gesetzt. Mit Schuldenbremse, Fiskalpakt und Austeritätsprogrammen wurde auch den gebeutelten europäischen Krisenländern die Möglichkeit genommen, mit Investitionen aus der Krise zu kommen. Die Bundesregierung ignoriert nach wie vor, dass durch Sparen zur Unzeit die Krise verschlimmert wird. Für eine Rückkehr auf einen nachhaltigen Wachstumspfad sind Investitionen nötig. Dies sieht man auch daran, dass jene Krisenländer bei denen am heftigsten gespart wurde, die Krise am längsten andauerte. Die Erholung in Spanien und Portugal nahm erst Fahrt auf, als die Regierung die fiskalischen Zügel etwas lockerer ließ und wieder Investitionen getätigt wurden.

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