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FinanztransaktionssteuerTempolimit für den Hochfrequenzhandel

Eine Aktienkurve mit sehr vielen Ausschlägen.
5o bis 70 Prozent aller Transaktionen werden von Algorithmen automatisch ausgeführt. Mit einer Finanztransaktionssteuer und geeigneten marktregulierenden Maßnahmen wäre der Irrsinn zumindest verlangsamt.

Beim Hochfrequenzhandel kauft und verkauft eine hochgezüchtete Computerinfrastruktur ohne menschliche Eingriffe im Millisekundentakt an den Finanzmärkten Wertpapiere. Die Computer nutzen geringste Kursunterschiede an den verschiedenen Börsen der Welt um Gewinne zu erzielen. Diese Form des Wertpapierhandels hat zu stärkeren Marktverwerfungen geführt, macht Gewinne auf Kosten anderer Marktteilnehmer und führt zu gesamtwirtschaftlich vollkommen ineffizienten Investitionen.

Hochfrequenzhandelsgesetz wirkt nicht

Das 2013 von CDU/CSU und FDP erlassene Hochfrequenzhandelsgesetz erwies sich als zahnloser Papiertiger: Das Volumen des Hochfrequenzhandels ist nicht zurückgegangen, die Aufsicht hat keinen Überblick über die MarktteilnehmerInnen und die negativen Auswirkungen des Hochfrequenzhandels auf die Märkte bestehen weiter.

Hochfrequenzhandel hat absurde Züge

Algorithmen beobachten die Märkte und treffen selbstständig Handelsentscheidungen. Aufträge werden im Millisekundentakt an die Börsen gesendet und genauso schnell wieder gelöscht um selbst aus kleinsten Kursunterschieden Profite zu schlagen. Die Wertpapiere werden oftmals nur für wenige Sekunden gehalten. Bei diesem Spiel gewinnen nur die Schnellsten. Dafür werden sogar Serverräume möglichst nah an den Börsen angemietet, neue Kabel ohne Umwege verlegt und immer die neueste technische Ausstattung vorgehalten.

Computerwettrüsten und extra neue Transatlantikkabel

2012 wurde eigens für Finanz- und Börsendaten ein neues Transatlantikkabel verlegt. Damit lässt sich die Handelsgeschwindigkeit um 6 Millisekunden steigern. Zum Vergleich – ein menschlicher Wimpernschlag dauert ca. 35 Millisekunden. Kostenpunkt: 300 Millionen US-Dollar. Der Mehrwert dieser Investition liegt gesamtwirtschaftlich bei null; berücksichtigt man die Verschwendung wichtiger Rohstoffe sogar im negativen Bereich.

Gefährliche Algorithmenkämpfe

Doch diese neue Form des Handels ist nicht nur volkswirtschaftliche ineffizient, sondern wirkt sich auch negativ auf andere Marktteilnehmer aus und kann zu Marktverwerfungen führen. An manchen Börsen kam es zu sogenannten Flashcrashs: Sich gegenseitig befeuernde Algorithmen haben die Kurse einbrechen oder explodieren lassen.

Teilweise haben die Hochfrequenzhändler durch betrügerische Praktiken ihre Gewinne auf Kosten von langsameren Marktteilnehmern gemacht, wie zum Beispiel auf Kosten von Pensions- und Investmentfonds oder Lebensversicherungen. Damit trifft es alle, die in Aktien oder Anleihen, direkt oder indirekt anlegen, sei es  fürs Alter oder für den Traum vom Eigenheim.

Leere Versprechen von Wolfgang Schäuble und Sigmar Gabriel

Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte in einem Interview mit dem Handelsblatt im Juni 2012: „Und wir wollen auch den Hochfrequenzhandel durch Regulierung in seinen Übertreibungen in die Schranken weisen.“

Auch Sigmar Gabriel, späterer Vizekanzler, versprach in einem Gastbeitrag im Handelsblatt 2012 die Staatshaftung für Investmentbanken zu beenden, wozu für ihn das „Verbot bestimmter ‚Produkte‘ und Praktiken wie dem Hochfrequenzhandel [gehörte]“.

Und auch der damalige FDP-Finanzexperte Volker Wissing versprach 2012 weitreichende Kompetenzen der Aufsicht beim Hochfrequenzhandel: „Die Börsenaufsicht muss jederzeit in der Lage sein, den Handel auf null abzubremsen, wenn Risiken erkannt werden“.

Das Hochfrequenzhandelsgesetz – ein zahnloser Tiger

Das am 7. Mai 2013 verabschiedete Hochfrequenzhandelsgesetz hielt nicht, was versprochen wurde. Auch wenn die Anfang 2018 in Deutschland geltenden europäische MiFID II-Regeln, auch dank grünem Drucks im Europäischen Parlament, etwas weiter gehen als das deutsche Gesetz: Die wesentlichen Probleme des Hochfrequenzhandels werden nicht beseitigt.

Wie hoch der Anteil von Hochfrequenzhändlern am deutschen Börsenvolumen tatsächlich ist, kann oder will niemand so genau sagen. Unsere entsprechende Anfrage an die Bundesregierung hat ergeben, dass weder die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin noch die Bundesregierung etwas über den Umfang des Hochfrequenzhandels an deutschen Börsen wissen.

50% - 70% aller Transaktionen sind Hochfrequenzhandel

Doch schaut man sich die wenigen Daten an, die von Wissenschaftlern für Deutschland zusammengetragen wurden, so weicht der Anteil des Hochfrequenzhandels in Deutschland nicht wesentlich von dem an anderen europäischen Handelsplätzen ab. Der Anteil von Hochfrequenzhändlern an den gesamten Aufträgen lag an den gewählten Stichtagen zwischen 50 und 70 Prozent aller Aufträge, ähnlich wie im Rest der EU.

Durch das Gesetz ist der Hochfrequenzhandel auch nicht weniger gefährlich oder schädlich für andere Marktteilnehmer geworden. Eine Bundesbankstudie kommt zu dem Schluss, dass HochfrequenzhändlerInnen weiterhin Marktverwerfungen und Flash-Crashs in Deutschland begünstigen. Laut WissenschaftlerInnen der Europäischen Zentralbank ziehen sich immer mehr normale HändlerInnen und AnlegerInnen von regulären Handelsplätzen zurück und tätigen ihre Geschäfte auf spezielle Handelsplattformen außerhalb von Börsen, in sogenannte Dark Pools. Der Grund: die hohe Präsenz von Hochfrequenzhändlern an den Aktienmärkten. Schlussendlich hat das Gesetz auch nicht das volkswirtschaftlich absolut ineffiziente technologische Wettrüsten bei den Computersystemen eingedämmt.

Finanztransaktionssteuer würde effektiv und schnell helfen

Wir Grünen im Bundestag wollen den Hochfrequenzhandel nicht abschaffen. Stattdessen wollen wir die Einführung einer Finanztransaktionssteuer - einer winzigen Steuer auf jeden Kauf- oder Verkauf von Finanztiteln im Bereich von 0,01 Prozent. Damit werden langfristige Anleger praktisch nicht belastet, aber für Spekulanten, die mehrmals innerhalb von Sekunden große Beträge hin- und herschieben, wird es unattraktiv, auf Preisänderungen im Cent-Bereich zu wetten. Auch Elke König, damals Finanzaufsichtschefin, schlug eine solche Steuer als Tempolimit für den Hochfrequenzhandel vor. Eine solche Finanztransaktionssteuer sollte übrigens schon längst eingeführt sein. Ein weiteres gebrochenes Versprechen.

Marktregeln wie Frequent-Batch Auctions

Zudem könnten die schlimmsten Auswüchse des Hochfrequenzhandels relativ einfach eingedämmt werden. So könnte etwa eine minimale Zeitverzögerung für die Ausführungszeit von Handelsaufträgen eingeführt werden. Auch die Einführung sogenannter Frequent Batch Auctions, eine bestimmten Form zur Abwicklung des Handels, würde automatisch zu einer zeitlichen Verzögerung führen und so schnell Abhilfe schaffen. Beide Maßnahmen würden dazu führen, dass sich die Reaktionsfähigkeit der Marktteilnehmer lediglich um Sekundenbruchteile verlängern würde. Dieses aber würde schon ausreichen um Investitionen in ein 300 Millionen Dollar Kabel überflüssig zu machen, welches nur den Zweck verfolgen sekundenbruchteile schneller zu sein als die Konkurrenz.

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