Chancengleichheit im WissenschaftssystemMagere Bilanz

Studierende im Hörsaal einer Universität
Frauen sind im deutschen Wissenschaftssystem weiterhin unterrepräsentiert.

Der Anteil habilitierter Wissenschaftlerinnen steigt. Darauf machte jetzt das Statistische Bundesamt aufmerksam. Mittlerweile liegt er bei 28,4 Prozent (2015). Demgegenüber waren es 2005 nur 23 Prozent.

Mäßige Aufholdynamik

Dass der Erfolg allerdings nur in Trippelschritten vorangeht, zeigen die Zahlen auch: Fiel der Anteil der Habilitationen von Frauen 2006 sogar auf 22,2 Prozent zurück und rappelte sich in den Folgejahren wieder auf 24,9 Prozent (2010), gab es von 2012 bis 2014 leichte Steigerungen von 27 auf schließlich 27,8 Prozent.

Dieser Ausschnitt macht ebenso klar: Frauen sind im deutschen Wissenschaftssystem weiterhin unterrepräsentiert. Von einer gleichberechtigten Teilhabe kann keine Rede sein. Trotz Zuwächsen in den letzten Jahren rangiert Deutschland im EU-Vergleich im hinteren Drittel.

Dass die Aufholdynamik hierzulande unzureichend ist, konstatieren eine Reihe von Berichten. Dazu gehören der jüngste GWK-Datenreport zur Chancengleichheit, der Monitoring-Bericht zum Pakt für Forschung und auch der Imboden-Bericht.

Der nötige Schub bleibt aus

Die Große Koalition bekräftigte zu Beginn der Legislaturperiode in ihrem Koalitionsvertrag, dass sie verstärkt die Einhaltung von Gleichstellungsstandards und die Festlegung konkreter Ziele für mehr Frauen in Führungspositionen verankern werde. Bis dato ist aus diesen Ankündigungen nicht viel gefolgt.

Wie die Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion im März 2016 zeigen, hat die Bundesregierung so gut wie keine neuen Ideen und Konzepte, um Chancengerechtigkeit im Wissenschaftssystem zu einem kräftigen Schub zu verhelfen.

Als genuin neue Maßnahme wird einzig auf die Förderung „Erfolg mit MINT – Neue Chancen für Frauen“ verwiesen. Ansonsten erschöpfen sich die Aktivitäten der Bundesregierung in der Fortsetzung altbekannter Maßnahmen.

Wirksamkeitsstudien? Fehlanzeige!

Die Bundesregierung verzichtet sogar weitgehend darauf, die Auswirkung gleichstellungspolitischer Instrumente und Fördermaßnahmen systematisch zu evaluieren. Die einzige großformatige Evaluation, über die sie zu berichten weiß, läuft traditionell zum Professorinnen-Programm. In den Jahren 2013 und 2014 gab das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) nach eigenen Angaben keinen Cent für Wirksamkeitsstudien aus.

Ohne Wissen keine Strategie!

Ohne den nötigen Wissenstransfer über die Wirksamkeit von gleichstellungspolitischen Ansätzen wird es der Bundesregierung aber nicht gelingen, die besten Strategien zu etablieren, die zu nachhaltigen Veränderungen der Strukturen führen. Für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung und Verankerung effektiver Gleichstellungsmaßnahmen bedarf es einer Evaluation und eines konsequenten Berichtswesens. Beim Berichtswesen wurde in der Vergangenheit einiges systematisiert. Nun ist es Zeit, endlich auch systematischer zu evaluieren.

Dass das bislang wenig geschehen ist, ist auch deshalb so dramatisch, weil in dieser Legislaturperiode mit der Fortsetzung der großen Wissenschaftspakte (Pakt für Forschung und Innovation, Hochschulpakt und Exzellenz-Strategie) und der Aufsetzung neuer Programme wie dem zum wissenschaftlichen Nachwuchs und der Innovativen Hochschule Chancen bestanden hätten, die Programme stärker mit gleichstellungspolitischen Zielen zu verknüpfen.

Bundesregierung kann Umfang der Genderforschungs-Förderung nicht beziffern

Aber noch an anderer Stelle zeigt die Kleine Anfrage eklatante Wissensdefizite der Bundesregierung auf: Wieviel Gelder in den letzten zehn Jahren seitens der Bundesregierung in die Genderforschung geflossen sind, lasse sich nicht darstellen. Ob die Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien „Gender Mainstreaming in Forschungsvorhaben“ tatsächlich zu ihrem Ziel beiträgt, Genderforschung in der Ressortforschung systematisch zu verankern, darüber liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor. Und: Die Hightech-Strategie hält keine gesonderten Programme oder Fördermaßnahmen für die Genderforschung vor. Hierzu wird festgestellt: Die „Integration von Genderaspekten ist jedoch ein wichtiges Anliegen und erfolgt in einer Reihe von Projekten“. Nur trägt das Anliegen der Bundesregierung aber leider nicht einmal bis in den neuen Bundesforschungsbericht. Dort nämlich gibt es nicht einmal eine kurze gebündelte Darstellung der Förderaktivitäten zur Genderforschung.

Angesichts dieser Zurückhaltung stellt sich die Frage, ob hier ein „Querschnittsbereich“ trotz aller rhetorisch bekundeten Wertschätzung faktisch als ganz unterste Schublade behandelt wird, was Ressourcen und verbindliche Implementierung anbelangt.

Verbindlichkeit? Kein Bedarf!

Die Frage fehlender Verbindlichkeit stellt sich noch an anderer Stelle: Die teils unbefriedigende Performance der außeruniversitären Forschungsorganisationen bei der Steigerung ihrer Frauenanteile veranlasst die Bundesregierung nicht dazu, über Instrumente für mehr Verbindlichkeit nachzudenken. Gleichstellungsstandards, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sie für ihre Förderung eingeführt hat, möchte der Bund nicht in eigene Förderkriterien übernehmen. Und bei der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes hat die Bundesregierung deshalb darauf verzichtet, die familienpolitische Komponente im Sinne eines Rechtsanspruches auf Vertragsverlängerung für Eltern mit Kind auszugestalten, weil dies statt des „angestrebten Ausgleichs eine Überkompensation bewirken“ würde.

Bei einer Reihe von Stellschrauben also, wo die Bundesregierung für mehr gleichstellungspolitische Verbindlichkeit hätte sorgen können, entscheidet sie sich aktiv dagegen. Bleibt das so, kann es nicht wundern, wenn die Chancengleichheit im Wissenschaftssystem auch in Zukunft nur im zähen Schneckentempo voran gehen wird.

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