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FachgesprächMehr Frauenpower in der Digitaliserung

Egal ob IT-Sicherheit, Software-Entwicklung oder künstliche Intelligenz – die Digitalisierung braucht in allen Bereichen deutlich mehr Frauen in den Hörsälen, Forschungszentren und IT-Unternehmen. Denn eine wie derzeit in Deutschland männlich dominierte IT-Branche wird weder den Anforderungen zeitgemäßer wirtschaftlicher Entwicklungen noch einer Zukunftsbranche gerecht. Um das zu ändern, hat die grüne Bundestagsfraktion zum Fachgespräch „Besser mit Frauen. Wir gestalten Digitalisierung“ eingeladen.

Frauenanteil stagniert

Seit 2008 hat sich der Anteil von Frauen in der Digitalbranche kaum verändert. Weniger als ein Drittel weibliche Angestellte und ein Frauenanteil von nur rund elf Prozent bei Gründungen und Selbstständigen sind viel zu wenig.

Dabei war die IT zu Beginn alles andere als eine Männerdomäne, wie die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt in ihrer Begrüßung klarstellt. Das beweisen Frauen wir die Mathematikerin Ada Lovelace, die Mitte des 19. Jahrhunderts das erste Computerprogramm schrieb und Stephanie Shirley, die 1962 eines der ersten Softwareunternehmen gegründet hat und die obendrein zu Beginn auch fast nur Frauen beschäftigte.

Heute sieht das leider ganz anders aus. Der seit Jahren viel zu geringe Frauenanteil im IT-Bereich an Schulen, in der Ausbildung, an Universitäten und am Arbeitsmarkt ist ein riesiges Problem. Die Branche sucht auch deshalb händeringend nach Fachkräften, weil die Potenziale der Frauen nicht genutzt werden. Gleichzeitig wird die Gesellschaft bei der Entwicklung und Gestaltung der digitalen Zukunft um den wichtigen Input der Frauen gebracht.

Strukturelle Hindernisse

Welche Probleme dadurch entstehen können, konnte man gerade bei Amazon beobachten. Dort hatte man eine Software entwickelt, die mittels Künstlicher Intelligenz ein Ranking der eingegangenen Bewerbungen erstellen sollte. Jetzt kam jedoch heraus, dass der Algorithmus Frauen systematisch benachteiligte, weil das System mit den Daten der bisherigen Personalentscheidungen trainiert wurde. Da das Unternehmen bisher fast nur Männer einstellte, übernahm das Programm dieses diskriminierende Auswahlkriterium.

Für Katrin Göring-Eckardt zeigt dieses Beispiel, wie wichtig eine diverse Digitalbranche ist, in der die Programme nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen erdacht und entwickelt werden.
Damit eine weiblichere IT-Branche so schnell wie möglich Wirklichkeit wird, ist es zentral, Mädchen früh für digitale Technik zu begeistern.

Genau das versucht Verena Pausder, Gründerin von Fox & Sheep, mit den HABA Digitalwerkstätten zu leisten. Dort sei ganz klar zu beobachten, dass mit sechs oder sieben Jahren das Interesse von Mädchen genauso groß ist wie das von gleichaltrigen Jungs. Als Teenager interessierten sie sich dann leider kaum noch für Technik. Deshalb sei die frühe Ansprache der Mädchen so wichtig, da sie noch nicht von den Erwachsenen den Stereotyp „gelernt“ haben, dass digitale Technik eigentlich was fürs Jungs sei. Zusätzlich müssten mehr weibliche Vorbilder her, IT-Studiengänge anders vermarktet und Mentoring-Programme für Schülerinnen und Studentinnen geschaffen werden.

Entwicklung geschieht nicht einfach

Ulle Schauws, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion, ergänzte diesen Gedanken und betonte, dass die Technologienentwicklung nichts sei, was uns einfach geschieht - vielmehr sei sie von Menschen gemacht und entsprechend veränderbar. Die Technologie müsse in ihrer Entwicklung von Anfang an divers sein, die Vielfältigkeit und Perspektiven und Bedürfnisse dieser Welt widerspiegeln, denn sie entscheide über die Zukunft, in der wir leben wollen. Als Gestalterinnen seien Frauen hier entscheidend - als Informatikerinnen, als Impulsgeberinnen, als Programmiererinnen, als Vordenkerinnen und als Anwenderinnen etc., und zwar von Anfang an.

Strukturen schaffen

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachgesprächs waren sich einig: Ob Berufsausbildung oder Studium – am besten gewinnt man Mädchen dafür, wenn man sie schon in jungen Jahren anspricht. Dafür gehört Informatik schon früh auf die Lehrpläne der Schulen. Außerdem müssen Strukturen geschaffen werden, die weibliche Vorbilder für junge Mädchen und Frauen noch sichtbarer machen.

Auch ein Kernanliegen für Christine Regitz, Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik. Sie spricht sich beispielsweise für mehr Mentoring Programme zwischen Schülerinnen und berufstätigen Frauen aus der Branche aus, um zu zeigen, was mit einem IT-Studium alles gemacht werden kann. Eine wichtige Vorbildfunktion könnten auch die Lehrerinnen und Professorinnen übernehmen, von denen es leider in der Informatik viel zu wenige gäbe.Eine weitere Aufgabe für Politik und Hochschulen, das zu ändern.

Hürden abbauen

Auch Studiengänge nur für Frauen wurden als sinnvolles Instrument diskutiert, um mehr Informatik-Studentinnen in die Hörsäle zu bekommen. Die HTW Berlin zeigt bereits erfolgreich wie das geht. Für Prof. Dr. Juliane Siegeris ein Erfolgsmodell, das man ausweiten sollte. Bei dem Bachelor-Studiengang für Frauen „Informatik und Wirtschaft“ sei schon der Name selbst eine Maßnahme, um gezielt mehr Frauen zu gewinnen. Denn sobald man Informatik mit etwas anderem kombiniert, steige das Interesse bei Frauen.

Gleiches erreiche die HTW Berlin mit der Aussage, dass der Studiengang bei Null anfängt und keine Vorkenntnisse erforderlich sind. Die Hälfte der Studentinnen sage, dass sie sich unter normalen Umständen nicht für das Fach Informatik entschieden hätte, sondern die Tatsache, dass sie hier nur mit anderen Frauen studieren, den Ausschlag gegeben habe. Nach dem Frauen-Bachelor entschieden sich viele Absolventinnen im gemischten Master weiterzumachen und bewiesen so, dass das Konzept funktioniert.

Verlorenes Terrain wiedererobern

Ähnliche Anstrengungen müsse es auch in der Berufsausbildung geben, denn dort habe man es nie geschafft, Frauen für den IT-Bereich zu begeistern. Prof. Barbara Schwarze von der Hochschule Osnabrück plädierte auch hier dafür, bei den Namen der Berufsbezeichnungen anzusetzen, um junge Frauen für eine Ausbildung zu gewinnen.

Außerdem müsse auch der Weiterbildungsbereich viel stärker in den Blick genommen werden. Denn auch viele Frauenberufe könnten durch die Automatisierung wegfallen. Deshalb müsse es mehr Angebote an Universitäten und Fachhochschulen für Frauen geben, um sich auch berufsbegleitend für den wachsenden Bereich der Zukunftsjobs in der Digitalbranche zu qualifizieren.

Netzwerke und Sichtbarkeit

Frauennetzwerke in der IT-Branche seien ein weiterer wichtiger Punkt für mehr Frauen und vor allem mehr erfolgreiche Frauenkarrieren ohne abrupten Stopp an der gläsernen Decke. Für Maren Heltsche, 2. Vorsitzende der Digital Media Women, sind diese Netzwerke nicht nur wichtig, um Frauen in der Branche zu vernetzen, sondern vor allem um Frauen sichtbar zu machen, auf Podien der IT-Konferenzen zu bekommen und ihre Anliegen auf die Agenda von Unternehmen, Gesellschaft und Politik zu setzen.

Für Anna Christmann, Sprecherin für Innovations- und Technologiepolitik, ist klar: Die Bundesregierung unterschätzt das Problem von zu wenigen Frauen im IT-Bereich derzeit massiv und tut zu wenig, um Frauen für den IT-Bereich zu begeistern. Deshalb machen wir als grüne Bundestagsfraktion das Thema zu einem Schwerpunkt und werden mit dem Input aus dem Fachgespräch weitere verbindliche Maßnahmen einfordern.

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