Chancengerechtigkeit in der WissenschaftMehr Verbindlichkeit vonnöten

Mittelständischer Forschungsbetrieb
Die Gleichberechtigung in der Wissenschaft kommt nicht richtig in Schwung.

Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung befasste sich am 19.10.2016 erneut – wie schon in den vergangenen zwei Wahlperioden – in einem Fachgespräch mit dem Thema „Chancengerechtigkeit im Wissenschaftssystem“.

Aus gutem Grund wurde das Thema im Bundestag erneut aufgegriffen: Schließlich sind die Fortschritte in Sachen Gleichstellung der Geschlechter an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen nach wie vor viel zu gering.

Gleiche Karrierechancen in der Wissenschaft? Auch 2016 Fehlanzeige!

Von echter Chancengerechtigkeit für Frauen kann noch immer keine Rede sein. Zwar habe die Geschlechterpolitik durchaus „Spuren im System“ hinterlassen, so Anneliese Niehoff von der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen (BuKoF). Es gäbe aber eine Schieflage zwischen „Aufwand und Ertrag“. Dr. Jutta Dalhoff vom Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) bemängelte, dass Gleichstellungsziele und -maßnahmen allzu oft zu unverbindlich, nur befristet finanziell unterstützt und nicht aufeinander abgestimmt seien. Dadurch könne Gleichstellungspolitik nicht nachhaltig sein.

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Professor Peter Strohschneider ging auf die Faktoren ein, die Frauenkarrieren behindern: So sei das deutsche Wissenschaftssystem ein zutiefst patriarchalisches, mit einem heroischen Ideal von Forschenden. Es würde idealtypisch erwartet, dass man (und eben auch Frau) 24 Stunden am Tag für die Wissenschaft zur Verfügung stehe – ein Bild, das sich schlecht mit einer Familie vereinbaren ließe. Entsprechend würden Anreizstrukturen, die in der Wissenschaft eher Quantität statt Qualität belohnen, insbesondere Frauen benachteiligen. In Berufungs- oder Bewilligungsverfahren beispielsweise, richte sich der Blick oft lediglich auf die schiere Anzahl der Veröffentlichungen. Hier hätten etwa Frauen mit Kindern qua Lebenssituation automatisch das Nachsehen.

Professorin Ulrike Beisiegel, Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, regte an, in der sensiblen Post doc-Phase, in der momentan viele Frauen der Wissenschaft den Rücken kehren, anzusetzen: So sei es denkbar, nach Webart des Professorinnenprogramms ein Programm für Nachwuchswissenschaftlerinnen aufzulegen.

Nur Geschlechtervielfalt bringt Exzellenz hervor

Konsens zwischen allen Fraktionen und Sachverständigen bestand darüber, dass nur die Vielfalt der Geschlechter zu exzellenter Forschung führe. Die Einigkeit in diesem Punkt sei nicht selbstverständlich, hob Kai Gehring, forschungspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, positiv hervor.

Viele der Anwesenden sahen im Professorinnenprogramm, das Bund und Länder seit 2008 finanzieren, ein wichtiges Instrument, um Wissenschaftlerinnen zusätzliche Karriereperspektiven zu bieten. Anneliese Niehoff warb dafür, dass seine Fortsetzung noch in dieser Wahlperiode beschlossen werden möge und forderte, die Mittel deutlich aufzustocken. Auch wir sehen das bisherige Fördervolumen als nicht ausreichend an, und fordern, das stark nachgefragte Programm aufzustocken.

Spielraum für mehr Verbindlichkeit

Jutta Dalhoff brachte ins Gespräch, das Professorinnenprogramm künftig verbindlicher zu gestalten, und zwar vor allem in Hinblick auf die vom Programm finanzierten Gleichstellungskonzepte. So könnten Bund und Länder jene Hochschulen verpflichten, die vom Programm profitieren, die durch das Programm geförderten Gleichstellungsstrukturen auch nach Auslaufen der Förderung weiter zu finanzieren.

Jutta Dalhoff nannte zudem eine weitere mögliche Stellschraube für mehr Verbindlichkeit: Der Bund als Mittelgeber beim Pakt für Forschung und Innovation könnte bei der Mittelvergabe Konsequenzen ziehen, wenn außeruniversitäre Forschungseinrichtungen bei der Gleichstellung hinter den Erwartungen zurück blieben.

Anneliese Niehoff schlug vor, dass sich die Akteurinnen in der Wissenschaft in Anlehnung an die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) auf sogenannte Allgemeine Gleichstellungsstandards verständigen. Sie sollen als Qualitätsstandards für beispielweise Gesetze oder Förderprogramme wirken.

Angemahnt wurde zudem eine Nachfolge für das in diesem Jahr auslaufende „Frauen an die Spitze“ Programm. Durch das Programm war in der Vergangenheit unter anderem Maßnahmen- und Wirkungsforschung rund um Gleichstellung gefördert worden. Auf die Expertise, die durch ein solches Programm gefördert werden kann, wird das Wissenschaftssystem auch in Zukunft angewiesen sein.

Hier kommen Sie zu der Dokumentation des Fachgesprächs auf den Seiten des Bundestags

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