FachgesprächWer hat Angst vor Geschlechterforschung?

Fachgespräch Geschlechterforschung
In einem öffentlichen Fachgespräch am 17. Februar 2017 beriet sich die grünen Bundestagsfraktion mit Fachleuten darüber wie die Geschlechterforschung gestärkt werden kann.

Geschlechterforschung stärken, aber wie? – darüber beriet sich die grüne Bundestagsfraktion am 17. Februar 2017 mit Fachleuten in einem öffentlichen Fachgespräch. Das Thema traf den Nerv der Community: 150 Interessierte, darunter viele GeschlechterforscherInnen und Gleichstellungsbeauftragte aus ganz Deutschland, diskutierten mit uns über das Thema „Wer hat Angst vor Geschlechterforschung? Strategien für ein Forschungsfeld unter Druck“.

Forschung ohne Geschlechterforschung ist nicht denkbar

Bis heute ist hierzulande die Fördersituation von Geschlechterforschung prekär. Es gibt keine systematische und kontinuierliche Forschungsförderung. Zudem wird Geschlechterforschung seit einiger Zeit massiv angefeindet: Die „Neue Rechte“ hat die Geschlechterforschung als Feindbild ausgemacht. Sie diffamiert sie als ideologisch und fordert ihre Abschaffung. Für Kai Gehring, Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung, stehen diese massiven Angriffe in Zusammenhang mit aufkeimender Wissenschaftsfeindlichkeit. Sie gefährdet die Wissenschaftsfreiheit insgesamt. Forschung ohne Geschlechterforschung sei nicht vorstellbar. Schließlich berge Geschlechterforschung großes Erkenntnis- und Innovationspotenzial, auch und gerade bei der Bewältigung drängender aktueller Herausforderungen.

Gender Trouble ist schon überall!

In ihrer Keynote hob Prof. Dr. Paula-Irene Villa von der LMU München hervor, dass mit den pauschalen Anfeindungen und Unterstellungen gegenüber der Geschlechterforschung eine Kritik an Wissenschaft im Allgemeinen einhergehe. Der Geschlechterforschung werde vorgeworfen, postfaktisch, politisch, elitär und gefährlich zu sein. Dieser mit Ressentiments geladene Backlash richte sich gegen Wissenschaft als Reflexionsraum. Das selbstreflexive Fragen nach Wissenschaft und Herrschaft sei das Wesen moderner Wissenschaften wie der Gender Studies. Diese Reflexionsräume müssten gewahrt und gefestigt werden.

Die GegnerInnen hätten durchaus verstanden, dass der Begriff Gender für „Geschlecht“ in Anführungszeichen stehe, also für Geschlechterdifferenz als „irgendwie gemachte, erzeugte, verunklarte, nicht mehr verbindlich einfach vorauszusetzende durch Natur gegebene, so seiende Tatsache jenseits von unserer Praxis, Geschichte, Kultur“ (Villa). Er stünde für eine soziale Ordnung, die mit Gender Trouble umgehen müsse. Wenn beispielsweise Schwiegertöchter nicht selbstverständlich für ältere Angehörige oder Kinder sorgten oder wenn Männer dazu genötigt würden, über sich als Mann nachzudenken, sei dies Gender Trouble. Viele derer, die sich über Geschlechterforschung aufregten, verstünden das intuitiv und stemmten sich dagegen, reagierten mit Angst oder Abwehr.

Villa rief alle, die sich mit Gender befassten, dazu auf, vor allem in den digitalen Medien eine Kampagne für die Geschlechterforschung zu starten. Denn „Gender ist schon lange, auch bei dir, bei euch, bei Ihnen“ und sei längst Teil unserer sozialen Wirklichkeit.

Forum I: „Offene Gesellschaft verteidigen und Geschlechterforschung stärken“

Ulle Schauws, Sprecherin für Frauen- und Kulturpolitik, fragte im ersten Diskussionsforum danach, wie sich die mediale und gesellschaftliche Debatte zu Geschlechterforschung gestaltet und wer die Kommunikation komplexer wissenschaftlicher Inhalte in die Gesellschaft hinein tragen sollte.

Die Wissenschaftsjournalistin Dr. Anja Kühne vom Tagesspiegel verglich das Schreiben über Genderthemen mit einem mühsamen Häuserkampf. Auf einen guten Artikel folgten zehn krude. Kühne wünschte sich von den GeschlechterforscherInnen ein aktives Zugehen, denn Journalismus sei darauf angewiesen, dass sich WissenschaftlerInnen an sie wenden.

Prof. Dr. Beate Binder von der Humboldt-Universität Berlin wünschte sich mehr Strukturen an den Hochschulen, die bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen. Es brauche Übersetzungsarbeit für die Geschlechterforschung. Aufgabe der Wissenschaft sei es zudem, KommentatorIn von Gesellschaft zu sein.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg griff das Thema Solidarität auf: Die momentanen Angriffe der AfD und Co. zielten auf eine antimuslimisch, rassistische Argumentation und nutzten Geschlecht und Sexualität als Scharnier, um in traditionelle und konservative Kreise zu kommen. Sich bei Angriffen solidarisch zu erklären, sei wichtig, dann könne Mobbing nicht funktionieren. Seiner Ansicht nach funktioniere das im wissenschaftlichen Feld bereits ganz gut, weniger aber, wenn es um bedrohte politische AktivistInnen ginge.

Forum II: „Wissenschaftsfreiheit fördern und Geschlechterforschung unterstützen“

Im zweiten Diskussionsforum berichtete Prof. Dr. Heike Kahlert von der Ruhr-Universität Bochum über ein Forschungsprojekt, das unter ihrer Leitung die Bedeutung der Genderforschung in der neuen Governance der Wissenschaft untersuchte. Explizit ausgewiesene Förderung von Geschlechterforschung habe es zwischen 2006 und 2015 bundesseitig nur über den Förderbereich des Bundesforschungsministeriums „Strategien zur Durchsetzung von Chancengleichheit für Frauen in Bildung und Forschung“ gegeben.

Die Förderschwerpunkte lagen entsprechend auf Gleichstellungsforschung und Gleichstellungspraxis; sind eher handlungsorientiert ausgerichtet. Ein Befund, den auch Dr. Beate Kortendiek vom Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW bekräftigte. Laut Kortendiek fehle es an systematischer Forschungsförderung für das Wissensgebiet Geschlechterforschung. Wie in anderen Wissensgebieten müsse es möglich sein, Grundlagenforschung betreiben zu können.

Prof. Dr. Julika Griem schließlich versicherte für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), dass die zu beobachtenden Allianzen zwischen „Populismus, Szientismus und Utilitarismus“ intensiv und besorgt diskutiert würden. Auf der Ebene der Steuerungsmaßnahmen habe die DFG seit 2008 durch die Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards viel erreicht. Nach ihrem Eindruck werde viel mehr gute Geschlechterforschung gemacht, ohne dass sie immer so benannt würde. Eine systematisch anspruchsvolle Frage wäre, Förderformate zu finden, die diese Qualität herauskitzeln.

Die anschließenden Diskussionen drehten sich um Fragen wie jene nach neuen Förderimpulsen durch die DFG, dem Selbstverständnis der Geschlechter- und Genderforschung als Wissensgebiet, dem Verhältnis von Gleichstellung und Geschlechterforschung und Vorschlägen für eine verbesserte Förderung von Genderforschung durch den Bund.

Viele Anregungen aus dem Fachgespräch greift die grüne Bundestagsfraktion in einer parlamentarischen Initiative auf.

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1 Kommentar
"for" ?
Kevin Kunze 06.03.2017

Bestimmt eine sehr tolle Veranstaltung. Aber checkt die Überschrift doch nochmal ;)

Den Kommentar könnt ihr gerne entfernen/nicht freischalten. Kommentieren war aber der schnellste Weg, darauf hinzuweisen.

LG

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