Gewerkschafts- und Sozialbeirat

#7: Gleichstellung - Frauen in der Arbeitswelt stärken

Eine Frau geht durch eine Drehtür
Noch immer werden Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Damit sich dies endlich ändert, muss an vielen unterschiedlichen Stellschrauben gedreht werden. picture-alliance/dpa
16.02.2021

Nicht erst seit der Corona-Pandemie erfahren Frauen Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt. Schon lange sind der Gender-Pay-Gap und geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten in der Familien- oder Steuerpolitik bekannt. Die Krise hat diese Ungerechtigkeiten deutlicher sichtbar gemacht: Frauen arbeiten häufiger als Männer in systemrelevanten, aber schlechter bezahlten Berufen. Zusätzlich schultern Sie noch die meiste Sorgearbeit Zuhause. Diesen Missstand diskutierte der Gewerkschafts- und Sozialbeirat in seiner ersten Sitzung des neuen Jahres.

Antje Asmus vom Deutschen Frauenrat warb in ihrem Impulsvortrag unter anderem für eine geschlechtergerechte Finanz- und Krisenpolitik und ein Konjunkturprogramm, welches insbesondere Branchen unterstützt, die stark von der Krise betroffen sind – wie etwa der Care- und Medizinsektor, sowie Erziehung und Kultur. Beate Müller-Gemmeke, die Sprecherin für ArbeitnehmerInnenrechte und aktive Arbeitsmarktpolitik der grünen Bundestagsfraktion, wies darauf hin, dass das Erwerbseinkommen von Frauen über die gesamte Erwerbsbiografie insgesamt 46 Prozent niedriger ist und dementsprechend auch die Renten ausfallen. Es müsse eine gerechtere Entlohnung geben und Arbeitszeiten müssten – je nach Lebensphase – veränderbar sein, damit Arbeit besser ins Leben passt. 

In der anschließenden Debatte wurde deutlich, dass an vielen unterschiedlichen Stellschrauben gedreht werden muss, um der Benachteiligung von Frauen entgegenzutreten. Bei der Digitalisierung bestehe die Gefahr, dass Daten häufig aus männlicher Sicht erhoben würden, was in der Anwendung Diskriminierungseffekte zur Folge haben kann. Um Frauen Chancengleichheit und bessere Karrieremöglichkeiten zu ermöglichen, müssten bessere Weiterbildungs- und andere arbeitsmarktpolitische Förderangebote geschaffen, aber auch Kinderbetreuungszeiten ausgeweitet werden. Es wurde darauf hingewiesen, dass es für Frauen mit Behinderung ebenfalls an beruflichen Chancen mangelt. Das Ehegattensplitting wurde häufig als Ursache für Benachteiligungen genannt: Es erschwere eine egalitäre Aufteilung von Sorgearbeit, verfestige in Partnerschaften eine ungleiche Rollenaufteilung bei der Erwerbs- und Sorgearbeit und führe zu einer unzureichenden eigenständigen Absicherung von Frauen. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Anja Hajduk wies auf den Reformvorschlag der grünen Bundestagsfraktion hin, der eine umfassende Änderung des Ehegattensplittings für neu geschlossene Ehen vorsehe. Ein weiterer Debattenpunkt war die Ungleichverteilung bei der Sorgearbeit. Sie führe bei Frauen zu einschneidenden Verlusten bei Lohn und Rente, darum müssten hier rentenrechtliche aber auch gesellschaftliche Veränderungen angestrebt werden. Zwei konkrete Instrumente wurden aus dem Beirat vorgeschlagen: die öffentliche Finanzierung von haushaltsnahen Dienstleistungen – wie sie in Belgien existiert – und die Idee eines steuerfinanzierten Vaterschaftsurlaubs von zwei Wochen über den Zeitpunkt der Geburt.                            

Die Arbeitsgruppe von Sven Lehmann, Sprecher für Queerpolitik und Sozialpolitik, beschäftigte sich mit einer wirksamen Absicherung und Unterstützung von Alleinerziehenden in und nach der Corona-Krise. Charlotte Schneidewind-Hartnagel, Sprecherin für Zeitpolitik, und Ekin Deligöz, Sprecherin für Kinder- und Familienpolitik, stellten den Fraktionsbeschluss "Alle Familien im Blick" vor und skizzierten, was getan werden muss, um das hohe Armutsrisiko von Alleinerziehenden zu senken und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. In der Runde waren sich alle einig, dass von Maßnahmen, die Alleinerziehende in der Vereinbarkeitsfrage unterstützen, ebenso Partnerschaften profitieren, die Sorgearbeit gleichberechtigt aufteilen beziehungsweise aufteilen wollen. Es gehe in der Debatte nicht um die Entrechtung klassischer Familien, sondern darum, durch Pluralität in den Familienformen mehr Handlungsmöglichkeiten für alle zu schaffen. Hingewiesen wurde auch auf den Personalmangel in der Kinderbetreuung und dass gute und qualitativ hochwertige Infrastruktur oftmals als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt wird. Bei beidem bestehe offensichtlicher Verbesserungsbedarf. Hier müsse die Frage der öffentlichen Refinanzierung mitgedacht werden, wenn wir vorankommen wollen. Auch sollten Bedingungen geschaffen werden, die Arbeitszeit und Qualifizierung zusammendenken und mehr Angebote für eine berufsbegleitende Qualifizierung bei Teilzeittätigkeiten zu schaffen.

Die zweite Arbeitsgruppe beschäftigte sich unter der Leitung von Beate Müller-Gemmeke mit der Frage, wie es mit Minijobs weitergehen könne. In der Corona-Krise haben die Beschäftigten in Minijobs als erste ihren Job verloren. Diese Krise hat noch einmal deutlich ins Bewusstsein gerückt, wie prekär Minijobs sind, weil sie sozial nicht abgesichert sind. In der Diskussion herrschte grundsätzlich Einigkeit darüber, dass Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführt werden sollten. Gleichzeitig ist eine tatsächliche Umsetzung aber alles andere als trivial. Neben einer Reform der Minijobs sollten zudem Reformen im Niedriglohnsektor, der Abschaffung des Ehegattensplittings und der Einführung einer Bürgerversicherung angepackt werden.