Sommerinterview

Das kannst du laut sagen!

Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter im Sommerinterview 2014

Seite 3: Wollt ihr das mit oder gegen die Wirtschaft machen?

Hofreiter: Entschuldigung, aber das ist eine saublöde Frage. Denn wer die Frage so stellt, als ob wir FÜR oder GEGEN die sogenannte Wirtschaft stehen müssten, der hat noch nicht gemerkt: „Die Wirtschaft“, die gibt es gar nicht! Es gibt Tausende ganz unterschiedliche Unternehmen und die haben ganz unterschiedliche Interessen! Sehr viele machen ökologisch sinnvolle Sachen, selbstverständlich brauchen wir die! Es gibt natürlich auch Unternehmen und bestimmte Wirtschaftsverbände, die sich wehren gegen ökologische Reformpolitik, gegen Umweltstandards und Auflagen. Und es gibt das Problem, dass gerade die sehr großen Konzerne enorme Macht haben, Regeln und Gesetze ihren Vorstellungen gemäß zu gestalten. Das haben wir bei den EEG-Ausnahmen einmal mehr erlebt – mit Sigmar Gabriel in der Rolle des Genossen der Bosse. So eine Politik gibt es mit uns Grünen nicht. Wir wollen Unternehmen weder in den Bankrott treiben noch ins Ausland. Aber alle müssen sich darauf einstellen, dass es planetarische Grenzen des Umweltverbrauches gibt. Dafür muss die Politik sorgen. Ich will nur mal ein Beispiel nennen: Viele Unternehmen produzieren so, dass die Produkte in absehbarer Zeit kaputtgehen. Man nennt das „geplante Obsoleszenz“. Auf Deutsch: „Übermorgen Schrott!“ Dadurch werden Unmengen von Ressourcen und Energie verschwendet, so kann das nicht weitergehen. Sonst heißt es irgendwann: Planet kaputt! Neuer nicht lieferbar!

Göring-Eckardt: Der Punkt ist, es muss sich mehr und schneller was ändern. Aber es ist doch klar, dass es nur im Dialog mit der Wirtschaft geht. Wie kann man den Umbau in der Chemieindustrie hinbekommen, was kann der Maschinenbau beitragen, wo stehen wir beim Elektroauto? Müssen wir den Maßnahmenkatalog, den wir Grüne bisher entwickelt haben, überdenken? Wo gibt es Konflikte, die sich nicht ausräumen lassen? Wir treten mit einem sehr ehrgeizigen Anspruch an. Unsere Ideen müssen umsetzbar sein: Sie müssen antreiben, sie müssen aber auch funktionieren. Was wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz geschafft haben, das müssen wir auch für andere Wirtschaftszweige erreichen. So, dass wir in 20 oder 30 Jahren eine wirklich nachhaltige Chemie haben, einen wirklich nachhaltigen Verkehr. Natürlich gibt es viele Unternehmer, verantwortungsvolle Banker, viele Leute im Mittelstand und im Handwerk, die das alles genauso sehen wie wir. Auf die müssen wir zugehen, die müssen wir gewinnen.

Aber die Energiewende ist auf dem Weg, die alten Kämpfe um die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie sind vorbei. Haben die Grünen sich nicht zu Tode gesiegt?

Hofreiter: Schmarrn. Natürlich haben wir viel erreicht. Und ja, so mancher Schützengraben ist mittlerweile verlassen. Aber wenn wir es ernst damit meinen, nachhaltig zu leben, dann haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns. In Deutschland mag die Luft reiner, das Wasser sauberer und der Wald gesünder sein. Doch wir rasen mit hohem Tempo auf die planetarischen Grenzen zu. Nehmen wir mal die Landwirtschaft. Da liegt verdammt viel im Argen. Nur knapp über sechs Prozent unserer Flächen werden ökologisch bewirtschaftet. Die Massentierhaltung ist ein ökologischer und ein moralischer Skandal, die heizt den Klimawandel gewaltig an. Der Antibiotika-Missbrauch in den Großställen bedroht die menschliche Gesundheit massiv. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt schon vor einer neuen Ära tödlicher Infektionen wegen resistenter Keime. Und wir verfüttern Soja-Futter, für das anderswo Regenwälder gerodet und riesige Flächen verbraucht werden. Massenweise Billigfleisch, das ist auf Dauer nicht mehr machbar.

Auweia, die nächste Veggie-Day-Debatte. Wollt ihr schon wieder Ärger?

Göring-Eckardt: Ich bin Thüringerin. Ich mag Bratwurst, aber aus anständigem Fleisch. Und ich will Wahlfreiheit. Immer mehr Leute haben genug von der Art und Weise, wie unsere Nahrungsmittel produziert werden. Immer mehr Menschen werden krank, vertragen bestimmte Zusatzstoffe nicht oder leiden unter Allergien. Gesunde Ernährung, humane Tierhaltung, vorsorgliche Bewirtschaftung unserer Böden, Klimaschutz, Landschaftsschutz, das sind die Themen, um die es geht. Niemand außer uns kümmert sich darum. Die Argumente sind auf unserer Seite. Und immer mehr Bäuerinnen und Bauern, Medizinerinnen und Mediziner, Eltern, Köchinnen und Köche auch.

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