Gastbeitrag

Eine Alternative, die Zukunft stiftet

Porträt von Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter.

Gastbeitrag von Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter erschienen in der Frankfurter Rundschau am 20.11.2014

Deutschland hat verlernt, politisch über verschiedene Ideen für unsere Zukunft zu streiten. Wir verlieren den Anspruch, Zukunft zu gestalten. Die große Koalition fährt selbst da auf Sicht, wo der Horizont weit ist. Kein Wunder, dass viele Menschen trotz unserer wirtschaftlich komfortablen Situation nach Alternativen suchen. Auch bei denen, die "Alternative" im Namen tragen, aber nur Angst vor der Zukunft und Reaktionäres im Angebot haben. Die Bundeskanzlerin hat es versäumt, die Wirtschaftskrise vor fünf Jahren zum Umsteuern zu nutzen, und jetzt vergeuden Union und SPD die gute Konjunktur, statt vorzusorgen. Rentengeschenke an Stammwähler, Strompreis-Geschenke an die Industrie, Fremden-Maut für die Fans im Bierzelt: Es wird verteilt, ohne zu investieren. Die große Koalition macht unser Land kleiner, als es ist.

Wir müssen wieder anfangen, über unser Land, inmitten von Europa, nachzudenken und für Visionen zu kämpfen. Doch heute werden wir regiert vom falschen Pragmatismus der Alternativlosigkeit. Niemand steht dafür mehr als Angela Merkel: Für sie ergibt sich Zukunft im Abarbeiten von Einzelproblemen. Ohne eine Idee, wie wir leben wollen, fehlt jeder Einzelentscheidung Seele und Sinn. Auf die jetzige Wahlperiode, mit einer Verwaltung ohne Ziel, muss eine demokratische Alternative folgen, die Zukunft stiftet.

Demokratien haben immer wieder bewiesen, dass sie die Kraft für Neues haben. Die USA haben gegen die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre den New Deal erfunden. Westdeutschland wurde erst zu einer wirklich demokratischen Gesellschaft, als sich eine neue Generation in den 60er Jahren Deutschlands furchtbarer NS-Verantwortung gestellt hat. In Ostdeutschland haben sich Millionen Menschen vor 25 Jahren von einer Diktatur befreit. Und weltweit haben Menschen in Demokratien das Ethos der Nachhaltigkeit vorangetrieben. All das hätte es nicht gegeben ohne den Mut, den Blick nach vorne zu richten Und grundsätzlich zu werden.

Unsere Vision: Deutschland im Jahre 2040 wird ein besseres Land sein. Die Lebensläufe der Menschen werden vielfältiger. Die Kinder der Flüchtlinge, die heute zu uns kommen, werden deutsche Buchpreise gewinnen, an unseren Schulen unterrichten und in deutschen Nationalmannschaften spielen. Die Menschen können mit Wind-, Sonnen- und Muskelenergie unterwegs sein- und nicht mehr mit Kohlestrom, Atom und Benzin. Auf dem Land leben vielleicht nicht mehr so viele wie heute, aber sie tun es gerne. Zum Beispiel weil die tierquälerischen Großställe verschwunden sind und Landwirte Kulturlandschaften pflegen, die nicht länger düngerverseucht sind. Immer mehr Wertschöpfung besteht aus Dienstleistungen, die unsere Lebensqualität steigern. Es gibt keinen Müll mehr, der nicht zugleich Rohstofffür weitere Nutzung ist.

Die Menschen teilen sich Familienarbeit, Bildungszeit und Arbeitszeit frei auf. Flexibilität ist weiter gefragt, aber privat ist wieder privat. Gradmesser für unser Wohlergehen ist nicht mehr das BIP, sondern unsere. Lebensqualität. Dennoch brummt auch die Industrie: Die weiße Biotechnologie, Medizintechnik, Web-Entertainment und E-Mobilität boomen. Ökologen begrüßen das Wachstum, denn es verursacht kaum Umweltschäden. Die Phase der digitalen Ermüdung zu Anfang des Jahrhunderts ist vorbei, denn man hat hart gegen Datenschnüffelei durchgegriffen. Das "Old Web" ist tot, man spricht von der zweiten Vernetzung. Internationale Konflikte gibt es kaum mehr um Rohstoffe, denn dreckige Energien aus Kohle, Gas und Öl werden durch den weltweiten Siegeszug der Öko-Energien nicht mehr nachgefragt. Seit einigen Jahren wächst die Mittelschicht wieder, krasse Armut und soziale Ausgrenzung sind stark zurückgegangen. Der Finanzsektor ist geschrumpft, Europa hat sich durch strikte Bankenregulierung und ein umfangreiches grünes Investitionsprogramm in den frühen 20er

Jahren endlich von Finanzkrise und nationalistischen Rückfällen- erholt. Der 10. Jahrestag der Vereinigten Staaten von Europa steht kurz bevor.

Keine Chance? Wir meinen: Doch! Aber klar: Es kann auch anders kommen. Digitale Überwachung, die Wirtschaft und Menschen ihre Freiheit nimmt, zunehmende Konkurrenz um Böden und Rohstoffe, Klimakatastrophe. Oder es kommt, wie Ukip, AfD und Front National sich das wünschen: nationale Abschottung, altbackene Geschlechterrollen, Herrschaft der nationalen Wirtschaftskapitäne.

Um in einer besseren Zukunft zu landen, muss man heute einiges tun. Es braucht neue politische Konzepte, damit Wir Menschen wieder Souverän unserer Zeit werden. Neue Technologien brauchen Förderung. Im Haushalt wollen wir Subventionen streichen, damit Spielräume für Investitionen entstehen, in Bildung, E-Highways, Stromspeicher, Breitband. Die Wirtschaft muss auf Energie- und Ressourcensparsamkeit verpflichtet werden. Umweltverbrauch und Vermögen sollten mehr, Arbeit und kleine Einkommen weniger Steuern tragen. Die globale Wirtschaft braucht einen klaren Ordnungsrahmen statt Privilegien für Großkonzerne.

Nicht für jedes sinnvolle Projekt kann man schon heute Nachmittag Umfragemehrheiten erwarten. Doch wer eine stimmige Vision formuliert und an weit verbreitete Werte dieser Gesellschaft anknüpft, der wird Phasen des Gegenwindes überstehen. Die Ermattung der großen Koalition wird zunehmen. Doch zu stellen ist sie nicht durch technokratisches Klein-Klein, ebenso wenig durch polemische Angriffe. Wir glauben, dass Deutschland eine Zukunftsalternative zum kleinen Konsens der großen Koalition braucht. Das ist unsere Aufgabe und unsere Chance.

Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter sind Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion.

Quelle: Gastbeitrag von Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter erschienen in der Frankfurter Rundschau am 20.11.2014

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