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Freiheitskongress

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Seite 10: Forum 9: Die Burn-Out-Gesellschaft. Freiheit vom Optimierungszwang

Der Zeitforscher und Arbeitsrechtler Prof. Dr. Ulrich Mückenberger sprach sich für das Recht auf eigene Zeit aus. Zeit sei – genau wie Geld – erforderlich, um frei zu sein. Und Zeit lässt sich nicht beliebig mit Geld kaufen. Für ihn gibt es neben einem finanziellen auch ein zeitliches Existenzminimum. Und er wies auf die unterschiedliche Zeitverteilung in der Gesellschaft hin, zwischen Männern und Frauen, Erwerbslosen oder Rentnerinnen. Mückenberger forderte, dass gemeinsame Zeiten bleiben müssen, am Wochenende, an Feiertagen, um gemeinsame Aktivitäten von Familien und Freundinnen zu ermöglichen

Die Psychologin Isabelle Müller stellte die Generation Y vor, wobei "Y" zunächst als Buchstabe im Alphabet nach dem X (der Generation X) folgt. Daneben gibt es noch die Bedeutung why („warum“, nach der englischen Aussprache von Y). In dieser Generation der in den 1990er Jahren geborenen wird vieles hinterfragt. Ihre Mitglieder wollen bestimmen, wann, wo und wieviel sie arbeiten. Sie wollen einen Sinn sehen, in dem was sie tun, sind projektorientiert. Und sie haben erlebt, dass die Eltern kaum Zeit für sie hatten. Müller brachte den Begriff der work-life-integration in die Debatte, im Gegensatz zur viel genannten work-life-balance. Es gehe darum, Arbeit und Leben zusammen zu bringen, nicht gegeneinander stehen zu lassen. Der demografische Wandel wird dieser Generation helfen, ihre Wünsche besser auch gegen Arbeitgeberinnen durchsetzen zu können. Selbstkritisch merkte Müller an, dass ein starker Optimierungszwang bestehe. Alle wollen ihre Zeit so sinnvoll wie möglich einsetzen, und diese Vielfalt an Möglichkeiten kann auch überfordern. An die Politik gab es den klaren Wunsch nach guten Rahmenbedingungen (Arbeitszeitregelungen lockern, Kinderbetreuung ausbauen, mehr Flexibilität in Ausbildung/Studium).

Sinnvoll wäre es, die Menschen zu befähigen, mit ihrer Zeit gut umzugehen. Hier gab es Widerspruch, ob dieser Ansatz nicht zu sehr auf das Individuum abziele und die Strukturen, innerhalb derer wir uns alle bewegen, nicht zu sehr außer Acht lasse. Da die Macht ungleich verteilt ist, braucht es das Recht, um überhaupt Handlungsoptionen zu haben.

Prof. Mückenberger skizzierte ein Care-Zeitkonto, mit dem flexibel Zeit für bestimmte Lebensphasen eingeplant werden könne. Der bisherige Dreischritt: erst Ausbildung, dann Erwerbsarbeit und dann Rente passe nicht mehr. In der Debatte fanden sich neben den Zeitkonten noch verschiedenste andere Vorschläge, eine Verpflichtung für Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen, über die Arbeitszeit im Betrieb zu verhandeln. Ein zeitliches Existenzminimum zu definieren – in das ähnlich dem statistischen Warenkorb die Bedürfnisse eingepreist werden. Eine Entkoppelung von Einkommen und Erwerbsarbeit oder eine Verdoppelung der Urlaubszeit waren weitere Vorschläge, die in der Runde durchaus kontrovers diskutiert wurden.

Eine breite Debatte um die Zeitpolitik mit dem Ziel, mehr Zeitsouveränität zu ermöglichen, steht an. Die Bundestagsfraktion wird sich mit der Ausgestaltung und Anwendbarkeit konkreter Maßnahmen wie umfassender Zeitkonzepte beschäftigen.

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