Was wurde diskutiert?

Freiheitskongress

Seite 13: Forum 12: Forschung und Freiheit: Wege in eine freie Wissensgesellschaft

Ist die Freiheit der Forschung eine existenzielle Grundvoraussetzung für eine kreative und innovative Wissenschaft? Wird die Forschungsfreiheit durch ein verengtes Verständnis von Wissenschaftlichkeit, Einflussnahme von starken wirtschaftlichen Interessen oder „old boys‘ networks“ eingeschränkt? Wird die Freiheit der aktiv Forschenden durch beschränkten Zugang zu Forschungsgeldern und –ergebnissen beschnitten?

Dr. Simone Schwanitz, Amtschefin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg, erläuterte zunächst, warum die Forschungsfreiheit im Grundgesetz so „stark“ verankert ist. Nur eine wirklich freie Forschung könne die Ansprüche einer modernen Wissenschaftsgesellschaft einlösen. Und Forschung müsse sich auch die „Freiheit nehmen“ können, ähnlich wie die Kunst, vermeintliche „Gewissheiten“ der Gesellschaft immer wieder neu zu hinterfragen und damit gesellschaftliche Entwicklungen voran zu treiben.

Damit Forschungsfreiheit vom Begriff zur Realität werden kann, müssen Bund und Länder auch durch die Bereitstellung entsprechender Ressourcen dafür Sorge tragen, dass die Forschenden frei von direkten materiellen Zwängen neue Ansätze verfolgen können. Deutschland und speziell Baden-Württemberg zählen international zu den Top-Adressen im Bereich der Forschungsförderung.

Christine von Weizsäcker beschrieb an Beispielen aus der Gentechnik-Forschung, wie trotz grundgesetzlich verankerter Forschungsfreiheit die reale Freiheit der Forschenden dadurch eingeschränkt werden kann, dass starke wirtschaftliche Interessen und mit ihnen eng verflochtene Netzwerke („old boys‘ networks“) innerhalb der Scientific Community zum Beispiel den Zugang zu Forschungsmaterial (über Patente), Forschungsmitteln (über einseitig ausgerichtete Ausschreibungen und Vergabe-Kommissionen) oder sogar der Publikationsmöglichkeiten (über einseitig besetzte Gutachter im peer-review-Verfahren) be- oder verhindern. Um diese Strukturen sichtbar zu machen und aufzubrechen, bedürfe es neuer Ansätze für eine stärkere gesellschaftliche Partizipation in der Forschungswelt, wie sie zum Beispiel durch das Büro für Technikfolgenabschätzung des Bundestages (TAB) oder im aktuellen Projekt „Forschungswende“ geleistet werde.

In der Publikumsdiskussion wurde noch ein weiterer Aspekt hinzugefügt: gerade Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen sehen sich heute oft mit der Problematik konfrontiert, dass sie ihre Forschungsinteressen gezielt nach den angebotenen Drittmittel-Programmen ausrichten müssen. Zitat eines Teilnehmers: „Ich kann nur zu den Themen forschen, für die es Fördergelder gibt.“ Auch Einschränkungen beim Zugang zu Forschungsergebnissen als Voraussetzung für die wissenschaftliche Arbeit wurde problematisiert – gerade kleinere Forschungseinrichtungen können sich Abonnements der oft sehr hochpreisigen internationalen Top-Fachzeitschriften nur bedingt leisten.

Simone Schwanitz fasste die intensive Diskussion in ihrem Resümee zusammen: Die Forschungsfreiheit sei und bleibe ein hohes Gut, welches immer wieder gegen Einschränkungs- und Vereinnahmungstendenzen verteidigt werden müsse. Um der Gefahr einer Verengung der Forschungsansätze zu begegnen, müsse intensiver darüber nachgedacht werden, wie die Pluralität der Forschung dauerhaft gewährleistet werden könne. Dazu bedürfe es auch einer besseren Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure in die Formulierung von Forschungsfragen. Auch dafür gebe es aber keine Patentrezepte, vielmehr sei dies (noch) ein eigenes Forschungsfeld. Schwanitz hob hervor, dass die Forschungsfreiheit als wichtiges Prinzip freier Gesellschaften von den Diskutierenden offenbar nicht infrage gestellt werde. Kritisch reflektiert würden jedoch ihre Voraussetzungen im Alltag der Forschenden und der Forschungseinrichtungen. Hier habe sich gezeigt, dass einerseits weitere Debatten über Verfahren notwendig sind (zum Beispiel Verbesserungen beim Peer-Review oder Entwicklung von Verfahren zur Bewertung interdisziplinärer Forschungsansätze). Andererseits müsse auch die Diskussion über „freiheitsfördernde“ Strukturen im Forschungsbereich fortgeführt werden (zum Beispiel Stärkung der Grundfinanzierung der Hochschulen für mehr Unabhängigkeit von einseitig ausgerichteten Drittmittelprogrammen).

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