Was wurde diskutiert?

Freiheitskongress

Seite 5: Forum 4: Bürgergesellschaft als Elitenprojekt?

Zwischen Individuum und Staat steht eine aktive Bürgergesellschaft. Eine lebendige und verantwortungsbewusste Zivilgesellschaft ist eine zentrale Säule unserer Demokratie. Ob die Bürgergesellschaft aber eigentlich ein Elitenprojekt ist, in dem sich nur die artikulationsstarken, bessergebildeten Mittelschichten selbst verwirklichen, oder ob sie ein Freiheitsprojekt im Sinne von weniger Staat und mehr Selbstorganisation ist – darüber entspannte sich die Diskussion.

Nach Sebastian Bödeker vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hängen Engagement und Beteiligung stark vom sozialen Status ab. Zentrale Stellschrauben sind Bildung und die materielle Lage, wobei die soziale Spaltung bei jüngeren Generationen noch deutlich ausgeprägter ist. Vor allem die individuelle Sozialisation und Prägung durch soziale Netzwerke sorgt für Zugang oder Ausschluss vom Engagement: Frühe Wirksamkeitserfahrungen führen an Engagement heran und motivieren wiederum andere Menschen im Bekanntenkreis. Um der Tendenz der sozialen Spaltung im Engagement entgegen zu wirken, plädiert Bödeker für dialogorientierte Beteiligungsverfahren auf allen Ebenen der Entscheidung.

Hannes Wezel, Referent der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg, unterstreicht, wie wichtig es ist, mit sozial Benachteiligten Aufgabenfelder gemeinsam zu erarbeiten. Häufig existierten Ideen und Kompetenzen, die durch aktive Ansprache einfach nur geweckt werden müssten. Denn, das bestätigt auch Bödeker, sozial Schwächere, die sich engagieren, machen das häufig ganz selbstverständlich, ohne ein Bewusstsein dafür zu haben, dass sie in dem Moment einen Beitrag zur Bürgergesellschaft leisten.

Community Organizing, Soziale Stadt und Quartiersmanagement werden von Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Bürgerschaftliches Engagement der grünen Bundestagsfraktion, als möglicherweise geeignete Formate ins Spiel gebracht, um zu Veränderungen im Engagement und zu mehr politischer Beteiligung zu kommen.

Joachim Georg und Sigrid Wölfing brachten zwei spannende Beispiele in die Diskussion ein. Die Berliner Bürgerplattformen suchen und entwickeln Projekte, mit denen sie Verbesserungen im Stadtteil erreichen wollen. Dabei ist es ihr besonderes Anliegen, Menschen mitzunehmen, die noch wenige Berührungspunkte zum Engagement haben und diese handlungsfähig zu machen. Sigrid Wölfing hat am Aufbau einer Pflegegenossenschaft in der Uckermark mitgewirkt. Diese setzt auf einen Mix aus freiwilligem und honoriertem Engagement, die professionelle Angebote ergänzt. Dieses durchaus aus der demografischen Not – Wegzug von Familienangehörigen, wenig stationäre Einrichtungen, fehlendes professionelles Personal für ambulante Versorgung auf dem Land –entstandene Projekt soll helfen, dass Hochbetagte oder Pflegebedürftige so lange wie möglich in den eigenen Wänden leben können und gleichzeitig aktive und mobile Ältere gewinnen, sich zu engagieren.

In diesem Forum wurde deutlich, wie wichtig Empowerment für eine gleichberechtige Bürgerinnengesellschaft ist, in der alle zu Wort kommen. Damit die Idee der Freiheit in der selbstorganisierten Zivilgesellschaft sich nicht im „schöpferischen Chaos“ (Dahrendorf) verliert, in dem sich die Starken durchsetzen, muss es Ziel sein, Menschen zum Engagement und zur Partizipation zu befähigen.

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