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Spielbericht

Saison 2018: Grüne Tulpe - SV Solidarität

Der Platz in der Geschichte

Irgendwann ist es für jedes legendäre Stadion soweit: Das Flutlicht erlischt ein letztes Mal und der heilige Rasen findet für immer seine letzte Ruhe. Wembley, Wankdorf, Maracana und nun auch das Poststadion... Na gut, das ist etwas überdramatisiert. Die legendären Stadien werden meist nur umgebaut; dem Poststadion geht es unverändert gut, aber die Tulpe hat dort vielleicht vorerst das letzte Mal gespielt. Und dementsprechend war die Stimmung an diesem Abend dramatisch-schwer mit einem Hauch vorweggenommener Nostalgie.

Die Grüne Tulpe wollte sich von ihrem heiligen Rasen auf 'Tenne 1' mit Anstand verabschieden. 22 Anmeldungen erwiesen dem künstlichen Grün - und fast alle kamen, was schon zeigt, wie ungewöhnlich der Anlass für die Tulpen war. Angemessener Gegner war die SG Solidarität, deren Schlachtruf 'So, so, so! Solidarität!' vor dem Anpfiff durch das weite Rund hallte. Ein Gegner mit Maß und Format. Und Systemfußball, der Julian Nagelsmann alle Ehre gemacht hätte.

Zu Anfang noch mit vielen steilen Pässen in die Tiefe, die durchaus für sehenswerte Aktionen, aber angesichts der Souveränität der Grünen Innenverteidigung aus Philmon und Rasmus wenig Torgefahr sorgte. Doch insgesamt war die Reife der Spielanlage, die Ordnung im Positionsspiel und der systematische Spielaufbau gut zu erkennen. Dementsprechend schwer taten sich die Tulpen gegen ihren überdies noch laufstarken Gegner.

So blieb das Spiel lange Zeit intensiv, aber arm an Höhepunkten. Bis dann ein sehenswerter Angriff der Solidarität über rechts gerade noch abgefangen werden konnte, der Nachschuss von Philmon geblockt wurde, der Abpraller aber glücklich dem Linksaußen der Solidarischen auf den Schlappen fiel, der aus 7 Metern humorlos ins Tor abzog.

Nach dem 1:0 beruhigte sich das Spiel etwas, verflachte, die Pässe kamen hüben wie drüben mehr in den Fuß als in den Lauf, bis auch die Tulpe mit einem feinen Zuspiel auf Matthias D. zu einer ersten aussichtsreichen Chance kam. Der Heber aus dem Lauf suchte aber vergeblich das Tor. So sah das Spiel angesichts der klaren Feldüberlegenheit der polnischen Gewerkschaft fast schon nach einem Resultat aus, das hätte höher ausfallen müssen, die Tulpe sich aber erfolgreich ihrer Haut erwehrte.

Da kam noch eine Ecke auf Kniehöhe durch den 5-Meterraum der Tulpe gesegelt, und irgendein Arbeiterführer am zweiten Pfosten verbeugte sich wie vor dem Papst und nickte so zum 2:0 ein. In der zweiten Hälfte wechselte die Tulpe dann fast komplett. Das Spiel hatte noch gar nicht richtig wieder angefangen, als ein langer Ball der Solidarität per Kopf abgefangen wurde und genau Toffi in den Lauf fiel, der - ganz in die Jahre gekommener Torjäger - kläglich vergibt.

Aber die zweite Hälfte geht so geordnet weiter, wie die erste Hälfte nicht geendet hatte. Die hängende Spitze der Arbeiterbewegung wurde in Manndeckung genommen und systematisch mit schier endloser Geduld spielte nun vor allem die Tulpe. Ordnung im Spielaufbau, wenig Ballverluste und in der Defensive einfach keine Lücken. Daraus ergab sich kaum etwas Zählbares, aber Rehagel wurde so mit Griechenland Europameister. Und tatsächlich ein langer Ball auf Toffi, der hebt den Ball frei vor dem Torwart ins lange Eck: 2:1 Anschlusstreffer.

Kurz darauf stolpert der Innenverteidiger in der eigenen Hälfte im Spielaufbau und überlässt solidarisch den Ball Markus K. durchaus elegant per Hacke. Der lässt sich nicht lange bitten und schiebt den Ball einige Meter weiter nach vorne zu Toffi. Der kurvt noch am herausgelaufenen Torwart vorbei und schiebt zum 2:2 ein.

Und danach ändert sich an der Ordnung wenig. Einmal kommt die Solidarität zu einem sagenhaften Schuss von der Strafraumgrenze, ein Strahl in den Winkel. Das Netz scheint sich schon in freudiger Erwartung der Empfängnis auszubeulen, da macht sich Jochen S. lang und länger und lenkt das Leder mit den Fingerspitzen noch auf die Querlatte. Hier wäre ein guter Moment, Spiel und Spielbericht enden zu lassen. Aber noch sind 20 Minuten zu spielen.

Es passiert wenig, so wenig, dass der brave Läufer der Solidarität nach abgewehrter Ecke aus 25 Meter flach Richtung Tor abdrückt. Nicht so platziert wie der wunderschöne Strahl. Ein Windei legt er, das mittig genau auf Jochen, den strahlenden Helden von gerade eben, zuflattert. Und der legt sich selbiges diesmal selbst ins Nest. 3:2. Und dann, wenn die Messe eigentlich schon gelesen und die Revolution gewonnen ist, kommt da wieder so eine Ecke, die am zweiten Pfosten dem gedeckten Solidarität-Linksaußen auf den Fuß fällt und von dort ins nahgelegene Tor.

So endet das Spiel 4:2, nachdem ein 0:2 schon egalisiert war, in einem legendären Stadion, das später abgerissen wurde. Geschichte wiederholt sich eben... Und das macht Lust auf mehr. Die besten Jahre kamen dann erst noch - nach Wembley 1966, und so wird die Tulpe auch wieder Plätze finden und neue Legenden schaffen und ihren Platz in der Geschichte einnehmen. Bis demnächst auf diesem Sendeplatz. Oder um es mit einem Helden unserer Kindheit zu sagen: "Heute ist nicht aller Tage. Wir kommen wieder, keine Frage!"