Grüne Tulpe - Theater des Westens

Magie und Theater

Es gab schon mal einen Stürmer im grünen Dress, der auf seine alten Tage immer noch Tore am Fließband schoss, sogar erstmals Deutscher Meister wurde und mit über 40 noch zwei Pokalfinals spielte. Es war ein Stürmerfuchs der alten Schule, der viele Jungspunde, die seine Söhne hätten sein können, oft richtig alt aussehen ließ: Manni Burgsmüller

Als Manni in Diensten von Werder Bremen am 11. September 1987 beim Spiel gegen Borussia Dortmund mit zwei schnellen Toren seine Mannschaft auf die Siegerstraße schoss (Endergebnis 4:0), machte in Bonn ein junger Stürmer bei der Grünen Tulpe erstmals auf sich aufmerksam, der nur wenig später schon als grüne Torkanone Gegner wie das Bundeskriminialamt oder das Bundesinnenministerium das Fürchten lehrte: Markus Kurdziel 

Markus konnte damals noch nicht ahnen, dass dieser erste Moment im grünen Trikot der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere sein würde. Eine, die auch nach 25 Jahren noch kein Ende kennt und von der selbst einer wie Manni nur träumen kann.

Genau ein Vierteljahrhundert und weit über 500 Tulpespiele später steht der grüne Sturmtank ehrfurchtsvoll im Berliner Poststadion und blickt vor dem Anpfiff in Gedanken nochmal zurück. Auf sein allererstes Spiel, seine ersten Tore, die großartigen Spiele, aber auch die bitteren Niederlagen, die zu Anfang seiner Tulpe-Karriere noch eher die Regel waren. 

Er hat wirklich viel erlebt mit dieser Mannschaft. Ob ein Joschka Fischer, der seine Mitspieler zusammenbrüllte, wenn mal wieder kein ordentlicher Pass auf ihn kam, oder die alltägliche Herausforderung im grünen Chaos den Spielbetrieb in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken oder auch die Schwierigkeit des Neuaufbaus der Mannschaft nach dem Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin Anno 1999.

Markus hat viele Tulpen kommen und gehen sehen. Als es vor ein paar Jahren dann aber sein langjähriger Tulpe-Weggefährte, Ehrenspielführer und Ex-Teamchef Wolfgang Helm nach Brüssel zum EP zog, war er plötzlich der letzte seiner Art. Sowas wie der letzte Mohikaner bei der Tulpe. 

An diesem schwülwarmen Septemberabend 2012 stand Markus also wieder am Mittelkreis bereit zum Anstoss. Wie oft hat er in den letzten 25 Jahren wohl diesen obligatorischen Anstoß vollzogen? Mehrere tausend Male sicher, aber heute gegen die Mannschaft des Theater des Westens war es mehr als die übliche vorwärts gerichtete Ballbewegung, die einst der Berliner Lehrer Konrad Koch 1874 im ersten deutschen Fußball-Regelwerk festlegte.  

Markus konnte noch nicht ahnen, dass ausgerechnet sein heutiges Jubiläumsspiel eines der verrücktesten, magischsten Spiele seiner langen Karriere werden würde. Eines, das am Ende so skurril verlaufen wird, dass es eigentlich sofort in das Buch mit aufgenommen gehört, welches er kurz zuvor von Toffi als Geschenk zusammen mit einem personalisierten Tulpe-Trikot überreicht bekommen hatte: Die "99 skurrilsten Momente des Fussballs" und das Glücks-Trikot mit der Nummer 13. Die Nummer trug natürlich auch Manni bei Werder in der Saison 1987/88.  

Die Grüne Tulpe will ihrem Jubilar und Präsidenten den Ehrentag natürlich mit einem Sieg versüßen. Am Besten zusammen mit einer tollen Vorlage für mindestens ein weiteres Kurdziel-Tor. Doch wie das meist so ist, wenn man sich zu viel vornimmt, wirkte das grüne Spiel erstmal sehr verkrampft, viel zu hecktisch. Das gewohnte Aufbauspiel der letzten Wochen wollte zunächst nicht so richtig gelingen und Markus bekam in der ersten Viertelstunde fast keinen brauchbaren Ball von seiner Mannschaft.

Das Theater des Westens, das man im April noch mit 9:0 vom Platz gefegt hatte, spielte überraschend guten Fussball und verstand es an diesem Abend, der Tulpe das Leben und das Spiel schwer zu machen. Jedenfalls war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass es heute kein grünes Torfestival geben und die Torvorlage für Markus eine echte Herausforderung werden würde.

Die Theaterleute kamen ab Mitte der ersten Halbzeit sogar zu richtig guten Torchancen, insbesondere weil im grünen Mittelfeld ein ungewohnt großes Loch klaffte. Die Partie drohte ab der 20. Minute zu kippen und im Tulpe-Spiel musste jetzt was passieren. 

Toffi, der Florian Kern zunächst die Ehre zuteil werden liss, neben Markus stürmen zu dürfen, wechselte nun Jan Luley, Lennart Krause und last but not least sich selbst ein. Und da war es wieder: das gefährlichste grüne Sturmduo aller Zeiten stand wieder auf dem Platz. Weit über 500 Tore hat das Duo Kurdziel/Born für die Grüne Tulpe insgesamt geschossen. Die Theatertruppe zuckte gleich sichtlich und ehrfurchtsvoll zusammen und jetzt kamen die Grünen Tulpen wieder besser ins Spiel. Es folgte gar eine richtige grüne Schuss-Serie, allerdings fehlte noch die Präzision beim Abschluss, denn die Einschüsse gingen stets ein paar Meter am Theaterkasten vorbei. Doch die Einstellung stimmte jetzt endlich und der Wille zum Sieg war erstmals spürbar. 

Viel lief über die linke grüne Seite und Asgar Ergin. Auch Asgar ist einer derjenigen Tulpen im Kader, die seit über 10 Jahren an der Seite von Markus kicken. Einer von dem "Goldenen Kader" der Anfang 2000er Jahre, als die Mannschaft, wie schon erwähnt, erst wieder mühsam von Markus neu aufgebaut werden musste. Aus dieser Zeit sind neben Asgar und Toffi nur noch Ralf Südhoff, Marek Dutschke und Jürgen Stark übrig geblieben. Letztgenannter kickte bereits noch in Bonn an der Seite des Kurdziel-Bombers mit. Jürgen, der heute auch sehr gerne mit von der Partie gewesen wäre, den aber leider momentan eine schwere Bandscheibenverletzung am Spielen hindert, hatte vor dem Spiel seine Glückwünsche bereits an Markus übermittelt. 

Asgar hatte sich vorgenommen, seine Glückwünsche in Form einer butterweichen Flanke auf Markus zu schlagen, doch zu seinem Frust wollte ihm das bis dato einfach nicht gelingen. Auch Toffi konnte zu dem Zeitpunkt noch keinen seiner Pässe beim Präsidenten unterbringen und irgendwie schien das Jubiläumsspiel die Tulpen in ihrem Spielwitz zu hemmen.

Etwas ratlos ging es so mit einem dürftigen 0:0 in die Pause.Toffi stellte nun nochmal um und brachte mit Frauke Prüser, Florian Kern und Jan Landmann wieder frische Kräfte ins Spiel. Bei 30 Grad Außentemperatur war das auch dringend notwendig. Die grünen Trikots mit ihren langen Ärmeln waren jedenfalls alle dunkelgrün. Markus hatte ja jetzt noch ein Zusatztrikot in peto, doch als wertkonservativer grüner Kicker kam ein frisches Trikot zur Pause selbstverständlich nicht in Frage. 

 

"Ich dachte immer, wir spielen auf Rasen". (Manfred Burgsmüller zu Bundestrainer Helmut Schön, der ihn ermahnte, er möge auf dem Teppich bleiben.)

 

So ging es mit dem hart erarbeiteten Dunkelgrün, welches schon fast die Farbe der alten Werder-Portas-Trikots ähnelte, in den zweiten Akt gegen das Theaterteam. Die Schaulustigen der Bühnenspieler, die das Spiel mit Kamera am Spielfeldrand mitfilmten, waren zur Pause schon stolz darauf, dass hinten weiter die Null stand. Ganz im Gegensatz zu den Grünen, die von der Null hinten und vorne enttäuscht waren. 

Auch wenn Toffi zur Pause seiner Mannschaft mehr Ruhe am Ball predigte, holte die Tulpe nun die Brechstange raus und spielte noch hecktischer als zu Beginn der Partie. Mit der Folge, dass der Gegner die Unruhe im grünen Spiel clever ausnutzte. Der grüne Schlussmann Jochen Schieborn konnte sich jedenfalls über Arbeit nicht beklagen und hielt die Tulpe mit seinen Paraden im Spiel. Er war nicht nur die einzige Tulpe in Bestform, sondern auch unüberhörbar die engagierteste Tulpe zu diesem Zeitpunkt.

In der 64. Minute wäre aber auch Jochen machtlos gewesen. Ein Gewaltschuss des Theaterliberos aus 40 Metern flog wie an der Schnur über Schieborn gezogen aufs grüne Tor. Der Hammer knallte mit einem lauten Wums an den Innenpfosten und glücklicherweise für die Tulpe von dort zurück ins Spiel. Es war ein Schuss, wie einst in der Saison 1990 - Burgsmüller hatte gerade seine Fussballkarriere beendet- als Uli Borowka beim Spiel gegen Bayern München in der zweiten Hälfte mit einem ähnlichen Schuß das 1:0-Siegtor schoss. Es gilt bis heute als eines der schönsten Tore in 50 Jahren Bundesliga. 

Eigentlich hätte dieser Pfostenknaller ein Weckruf für die Grüne Tulpe sein können, gar müssen, doch sie spielte erst recht weiter Larifari. Dazu kam, dass kurz darauf Asgar und Toffi zwei hunderprozentige Torchancen nicht zur Führung nutzen konnten. 

So kam es, wie es kommen musste. Die Tulpe -noch den beiden Torchancen hinterhertrauernd -verlor wieder unnötig einen Ball im Mittelfeld und über die linke Seite gelang dem Theater des Westens ihr schönster Angriff des Tages. Eine gezielte Flanke über die schlecht postierte grüne 4er-Kette hinweg, landete direkt im Fuss des hochgewachsenen Bühnenstürmers, der mutterseelenallein mit einem gekonnten Lupfer über Jochen die verdiente 1:0 Führung besorgte.

Wie jetzt? Das kann doch nicht sein, dass die Grüne Tulpe das Jubiläumsspiel von Markus in den Sand setzt, werden sich jetzt viele interessierte Tulpen-Spielberichtsleser fragen. Keine Sorge liebe Leser, es passiert hier noch was. Es bleiben ja glücklicherweise noch 20. Minuten Spielzeit übrig. Und die haben es wirklich in sich.

Denn kurz nach dem 0:1 zog es Markus Kurdziel überraschend zur Seitenlinie. Er forderte Toffi auf, für ihn sofort ins Spiel zu kommen. Der hatte sich kurz vor dem Gegentreffer für Asgar auswechseln lassen und tat seinem Präsidenten nun den Gefallen. Aber nur, weil er es war. 

Nur drei Minuten wieder auf dem Platz, schießt der zwangseingewechselte Toffi eher aus Verzweiflung einfach mal vorm gegnerischen 16er mit der Picke und das Leder fliegt geradlinig ins linke untere Eck zum 1:1-Ausgleich. Da der Schuss für den guten Gäste-Torhüter etwas verdeckt geschossen war, konnte dieser wohl nicht mehr rechtzeitig reagieren.

Markus der alte Stratege hatte also mal wieder den richtigen Riecher gehabt und mit Toffi den erhofften Ausgleich eingewechselt. Jetzt war aber Toffi am Zug, bzw. Gegenzug. Der Sieg war ja noch möglich und die Grüne Tulpe versuchte jetzt alles dafür zu mobilisieren. 

Sieben Minuten vor Schluss erkämpfte sich die Fraktionsmannschaft dann nochmal eine Ecke. Das ist ja stets eine Sache für den grünen Trainer, der oft seine Ecken auf den langen Pfosten zielt. Toffi sah nun den perfekten Moment gekommen, seinerseits Markus wieder ins Spiel zu bringen. Jan Landmann wechselte mit dem Jubilar und gab ihm dabei mit, dass er jetzt auch sein Tor machen werde. Und Toffi rief- während er sich noch den Ball zurechtlegte- seinem in den Strafraum heraneilenden Sturmkollegen lautstark zu, dass dieser schon wisse, wo er jetzt hin müsse.

Die Spannung war auf dem Höhepunkt. Die Zeit schien für diesen einen Moment tatsächlich fast still zu stehen. Matrix-gleich segelte das Runde im hohen Bogen in den Theaterstrafraum, immer weiter auf den langen Pfosten zu. Dort stand, wie von Geisterhand geführt -nein, nicht Neo -sondern natürlich Markus. Aus etwa zwei Metern köpfte er halb mit Stirn, halb mit Brille das Bällchen tatsächlich in die Maschen. Wahnsinn! Magie!

Der grüne Jubel kannte keine Grenzen und das Poststadion bebte. Doch nicht zu früh freuen, noch war nicht Schluß, rief Toffi seiner Mannschaft am Mittelkreis zu. Das Theater wollte sich so einfach nicht geschlagen geben und in den letzten verbleibenden fünf Minuten warfen sie nochmal alles nach vorne. Die Grüne Tulpe und die knappe Führung wackelte gehörig. Dann lief die 90. Minute und plötzlich stand zum Entsetzen aller Tulpen ein Theatermann sträflich allein und einschussbereit vor dem grünen Torhüter. Es folgte ein scharfer Schuß Richtung linkes Toreck und Jochen streckte seine ganzen 190 cm, lag quer in der Luft und konnte diesen letzten Spiel-Ball sensationell noch mit den Fingerspitzen parieren. Der Abpfiff folgte und der Sieg war perfekt. 

Welch Dramaturgie, es war schon fast unheimlich. Lange sah es nach einem öden 0:0-Kick aus, doch dann passierte das Magische, wofür Markus und Co den Fussball lieben. Nicht nur, dass eine drohende Niederlage durch eine ungeheure Energieleistung noch in einen glücklichen Sieg verwandelt wurde, sondern vor allem, wie es passiert war. Markus und Toffi, die mit ihren beiden Treffern mal wieder ein Tulpe-Spiel gedreht hatten, schienen an diesem Abend sogar telepatisch miteinander auf dem Platz verbunden gewesen zu sein. Sie wurden dementsprechend vom Fussballgott auch dafür belohnt. Den es aber laut Assauer ja gar nicht mehr gibt. Übrigens auch ein ehemaliger Bremer. Assauer natürlich.

 

PS: Der Autor dieses Spielberichts ist übrigens kein Werder-Fan!

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