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Feuilleton

Tulpen in Kienbaum

Alles neu macht der Mai

Trainingslager im Mai, dem Wonnemonat. Endlich wieder, nach einem Jahr Pause. Die Hitze flirrt über dem perfekten Rasenplatz. Der Anspruch der Übungen an die technischen Fähigkeiten der Spieler konvergiert mit den körperlichen Möglichkeiten der Spieler, ihre technischen Fähigkeiten trotz der brennenden Sonne abzurufen. Das war auch schon mal anders bei der Grünen Tulpe.

Das Bundessportleistungszentrum Kienbaum, die alte DDR-Kaderschmiede im Brandenburger Forst, wirkt in diesem Jahr fast wie aus einer Erzählung von Kurt Tucholsky in den schwedischen Schären. Zur Belohnung für die Strapazen auf dem Platz lockt die Abkühlung im See.

Auch sonst ist einiges neu – Fabian Hambüchen sitzt nicht mehr in der Mensa am Nebentisch. Er hat seine Karriere beendet. Bei der Tulpe sind hingegen einige Alte und viele Junge dabei – ‚eine gute Mischung‘ würde Otto Rehagel sagen. Auf jeden Fall sind es genügend Alte und Neue, dass am ersten Abend eine Runde gemacht wird, in der jeder erzählt, wie und wann er zur Tulpe gekommen ist. Dabei stellt sich heraus, dass die Jüngsten noch lange nicht geboren waren, als Wolfgang und Markus ihre ersten Spiele für die Tulpe bestritten. Ein willkommener Anlass also, alte Geschichten aus der Grünen Tulpe zu erzählen. Wie Marek in der Kabine Dietrich eingesperrt hat und die Tulpe deshalb zu zehnt spielen musste - das aber erst in der Halbzeit bemerkte, als Dietrich sich endlich befreien konnte. Die legendären Spiele gegen den FC Toompea in Brüssel und Tallinn, die Reisen der Tulpe, die beiden Tulpen-Babys in Grüne Tulpe-Stramplern, deren Mütter (ja, wir gestehen es, es waren nur Mütter beim PEKIP) so herausfanden, dass sich ihre Partner kannten. Das Spiel, als Markus fünfmal traf, die über 360 Tore von Toffi und die fast 300 Tore von Markus. Das Panini-Album der Tulpe. Rati. Und wir haben natürlich noch mal in Toffis großartigem Dokumentationsfilm „Hau wech dat Plenum“ hineingeschaut.

Das ist das Schöne an der Tulpe: wir werden alt und erneuern uns doch immer wieder. Es gibt die Rituale – die Skatrunde, die Doppelkopfrunde und Stadt-Land-Fluss mit Fußball-Spielern-Legenden-Stadien – und die Jungen, die uns besser machen, innovativer. Nur eines bleibt immer gleich: der Fußball bringt uns zusammen – inzwischen schon über mehrere Generationen hinweg.

Aber im Fußball selbst gibt es auch Innovationen. Und die bereitet Toffi uns jedes Jahr mit Lehrvideos auf, die er ab und zu anhält, um uns zu erklären, worauf wir achten müssen.

Nach den inzwischen 17 Trainingslagern ist die Tulpe demütiger geworden: Spielzüge erörtern wir theoretisch im Tagungsraum anhand der gefilmten Spielzüge einer Fußballschule für Jugendliche. Wir selbst üben dann am nächsten Morgen flache Pässe und flache Torabschlüsse – bis Theorie und praktische Möglichkeiten der Tulpe wieder in einen natürlichen Konflikt miteinander geraten. Und dann ist Mittag. 1,5 km zur Mensa schlappen – die Uwe Reinders Gedenkbadelatsche ist neben den Fußballschuhen die mindestens ebenso wichtige Trainingslager-Fußbekleidung – und danach wieder 1,5 km zurück. Dreimal am Tag. Mit Begeisterung.

Dieses Jahr hat auch die UEFA ihre Spielansetzung des Champions League-Finales dankenswerter Weise frühzeitig mit unserer Trainingslagerplanung abgestimmt und auf unseren zweiten Abend gelegt. Die Sympathien sind eindeutig verteilt, die Tipps ebenso. Klopp hat ja auch schon am Vortag angekündigt, dass Salah fit sei und ihm auch ein Fallrückzieher recht wäre. Si tacuisses, philosophus manisses* (Übersetzung s.u.). Dazu noch zwei Patzer, die jedem englischen Torwart alle Ehre gemacht hätten, aber dieses Mal einem deutschen unterlaufen. Danach ist der Abend irgendwie gelaufen.

Und der Morgen geht auch anders als erwartet los: Der Gegner für das Abschlussspiel besteht auf Kleinfeld und hat kaum genug Spieler. Aber was haben die Grüne Tulpe und die Les Humphries Singers gemeinsam? Niemand weiß genau, wie viele es eigentlich sind, aber es scheinen einfach unzählige zu sein. Damit nicht die Hälfte der Tulpen nur zuschauen können, vereinbaren wir kurzer Hand ein Kleinfeldturnier.

Die Tulpen fahren mit "Mannschaftsbus" vor. Stephan hatte dieser Tage seinen alten Bus (Baujahr in den 70ern) einfach ins Trainingslager mitgebracht. Der ist zwar riesig, aber wie viele da herauskommen, macht den Gegner doch stutzig. Wie im Glutofen von Monterrey messen sich nun der SC Lankwitz mit zwei Grünen Tulpen (einmal Gold und einmal Platin).

Zwei flache Dreierreihen aus Lankwitz stellen sich einer gestaffelten 3-1-2 Formation der Grünen Tulpe Gold mit beweglichen Flügeln entgegen. Die Hitze erdrückt schnell ein schnelles Kombinationsspiel, das gelingt der Tulpe aber dennoch stellenweise recht ansehnlich zu inszenieren. Die größte Chance spitzelt Markus, nach feinem Zuspiel von Frank am überragenden Lankwitzer Libero, am Torwart und leider auch am Tor vorbei. Till setzt noch einen trockenen Hammer an den Pfosten und eine weitere feine Kombination schließt er präzise in den Winkel ab, aus dem der Lankwitzer Keeper, genannt die Katze, den Ball mit einem unglaublichen Reflex doch noch herausfischt. Auf der Gegenseite ist der blitzschnelle Stürmer allein auf weiter Flur und ebenso allein gelassen von seinen Mitspielern. So bleibt es beim leistungsgerechten 0:0.

Weil die Lankwitzer auf die Köstlichkeiten aus der Kienbaumer Küche verzichten und scheinbar lieber wieder schnell in den Berliner Süden wollen, geht es nach kurzer Pause mit taktischen Anweisungen weiter. Die Tulpe Platin weiß nun schon, wie der Gegner steht und spielt. So stört Philipp schon früh den gegnerischen Aufbau und Matze stellt mögliche Anspielräume zu. Und nach vorne laufen durchaus gefällige grüne Kombinationen über die Flügel. Dennoch steht die flache 3-3 Formation der Lankwitzer. Da verstehen sie keinen Spaß. Und dann geht es doch ganz einfach: ein langer Ball über links auf Toffi, eine Hereingabe auf Matthias. Der schirmt den Ball ab und zieht ihn elegant mit links rückwärts zum Tor um seinen Gegenspieler herum und hat nun einen Augenblick für einen überlegten Abschluss flach links unten. Wie aus einem Lehrvideo. Und dabei bleibt es: 1:0.

Die Lankwitzer suchen die Kühle der Kabine und es folgt ein offener Schlagabtausch zwischen den Grünen Tulpen Gold und Platin. Tore fallen aber nur noch für Platin mit einem sehenswerten Pikeschuss von Wolfgang ins lange Eck. Und einem ganz langen Ball, der vermutlich von Gareth Bale persönlich kam und von Loris Karius sicher ins Netz geleitet wurde.

Und dann ist Schluss. Aber, während normalerweise am Ende eines Trainingslagers Erleichterung vorherrscht, dass endlich verschwitzte Trikots und feuchte Handtücher in Taschen, leere Flasche und Getränkekisten und benutzte Bettwäsche auf den Flur wandern, ist bei der Tulpe immer auch ein wenig Wehmut dabei. Alle verabschieden sich voneinander und verabreden sich für nächstes Jahr. Es war halt schon schön. Nächstes Jahr machen wir das wieder, genauso und eben doch neu, mit den Alten und den Neuen, so wie es immer klappt, aber dann doch auch innovativ. Ebenso wie (Grüne) Politik ist und wie Rati es sich von der Tulpe zum Abschied gewünscht hat: „Bleibt menschlich!“

*Für diejenigen Leser, die weniger Asterix-bewandert sind, hier noch die Höflichkeitsübersetzung des Fussball-Latein: "Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben."

sw