Kerstin Andreae

3 K’s im grünen Kleid

Porträtfoto von Kerstin Andreae

"Klar, ich mache Wahlkampf mit Baby!" – Kerstin Andreae strahlt. In ihrem grünen Sommerkleid neben dem knallroten Kinderwagen ist sie in dem Freiburger Café nicht zu übersehen. Nicht zu überhören ist ihre Tochter Emma, gerade fünf Monate alt. Die 40-jährige Politikerin ist zum zweiten Mal Mutter geworden, ihr Wahlkampfmotto kommt also nicht von ungefähr. "Kinder, Klima, Konjunktur" – mit diesem Programm tritt Kerstin Andreae zur Bundestagswahl an, als Direktkandidatin für Freiburg und als Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Grünen.

"Gerade in Zeiten der weltweiten Krise muss die Wirtschaft sich neu erfinden", kommt Andreae direkt zur Sache, "deshalb gilt es jetzt, Klima- und Wirtschaftskrise zusammenzudenken." Für die wirtschaftspolitische Sprecherin der Fraktion bedeutet das zunächst einen kompromisslosen Abschied von den Saurier-Technologien: Jeder alte Atommeiler, der noch läuft, blockiert den Weg zu einer zukunftsfähigen Energieversorgung. Das gilt auch für neue Kohlekraftwerke, wie die große Koalition sie plant. Andreae will stattdessen mit einer "Großoffensive" für erneuerbare
Energien den CO2-Ausstoß in den Griff bekommen und neue Arbeitsplätze schaffen. In der Verbesserung von Speicher- und Netztechnologien zum Beispiel liegen große Potenziale, die Forschung dafür müsse stärker gefördert werden. Sie hat in Freiburg die Solarstrom-Projekte direkt vor der Haustür. Dass jetzt Großunternehmen Solarstrom aus der Wüste fördern wollen, begrüßt sie. "Aber nur, wenn die Wüstenländer selbst nicht leer ausgehen."

Die Branchen grüner Zukunftstechnologien sitzen sogar in der Krise "auf einem grünen Zweig". Mit dem Bau schadstoffarmer Autos könnte das auch der Autoindustrie gelingen, meint Kerstin Andreae und kritisiert im gleichen Atemzug: "Im Vergleich zu dem, was die ökologisch und ökonomisch unsinnige Abwrackprämie gekostet hat, steckt die Bundesregierung derzeit nur einen Bruchteil in alternative Antriebstechnologien." Die gleiche Ziellosigkeit lasse auch die Konjunkturpakete wirkungslos verpuffen: "80 Milliarden Euro Steuergelder wurden da hineingebuttert und wir sind kein bisschen weiter", ärgert sich die Diplomvolkswirtin. "Grundsätzlich war es richtig, die Banken zu stützen, aber der staatliche Rettungsschirm ist an vielen Stellen fehlerhaft. Vor allem für die Kreditvergabe fehlen verbindliche Regelungen. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen benötigen jetzt zinsgünstige Kredite, denn hier stecken innovative Ideen, die wir dringend brauchen", betont sie.

Die Ressourcen richtig und gerecht einzusetzen – das ist die Kunst, die aber den politischen Willen dazu voraussetzt. Während sie über Verteilungsgerechtigkeit redet, behält sie ihre kleine Tochter im Auge. "Jedes Kind verdient die besten Chancen, egal, ob die Eltern arm oder reich sind." Einen Kinderbonus will sie nur für die, die ihn wirklich nötig haben. Ein freier, also kostenloser Zugang zu Bildung sollte allen offenstehen, von der Kita bis zur Uni. "Politik für Kinder bedeutet aber mehr: Man muss den kommenden Generationen Spielräume lassen." Gerade hat ihr die freundliche Bedienung die kleine Emma zum Wickeln abgenommen. Andreae jongliert nicht gerade mit den leichten Themen, trotzdem geht eine gewisse Leichtigkeit des Seins von der Politikerin aus. "Manchmal habe ich vielleicht ein bisschen viele Bälle in der Luft", lacht sie, "aber ich mag es eben, wenn was los ist."

aus: profil:GRÜN, Ausgabe September 2009

302006