Friedrich Ostendorff

Ackern im Bundestag

Friedrich Ostendorff auf einem Trecker

von Anne Tischer

Friedrich Ostendorffs Handy ist kaputt oder verloren gegangen. So genau weiß das sein Büroleiter auch nicht. Kontaktaufnahme ist jedenfalls nicht möglich und so machen wir uns umgehend auf den Weg ins Paul-Löbe-Haus. Dort hat gerade der Agrarausschuss getagt, da müsste Ostendorff zu finden sein. Wir haben Glück. Vor einem der kreisrunden Sitzungssäle in der ersten Etage steht er, groß, kräftig, unübersehbar. Er strahlt Heiterkeit und Tatendrang aus.

Zur Begrüßung ein kurzer starker Händedruck. Und wieder geht's los. Ostendorff gibt den flotten Schritt vor, in dem wir Treppen hinuntereilen, lange Gänge passieren, Treppen wieder hinaufsteigen. In den Bundestagsgebäuden verzichtet er grundsätzlich auf Fahrstuhl und Rollbänder, erklärt er mir unterwegs. Wer ihn begleiten will, verzichtet mit. "Die ständige Sitzerei hier ist für einen Landmenschen wie mich schon eine Umstellung, da nutze ich jede Möglichkeit, mich zwischendrin mal zu bewegen."

Im Café im Reichstagsgebäude haben wir unser Ziel erreicht. Danach gefragt, was denn nun einen gelernten Landwirt, Ökobauern und Hofbesitzer in die Berliner Bundespolitik treibt, kommt der gebürtige Westfale sofort ins Erzählen. Der Beruf des Bauern sei interessant und vielseitig – das möchte er hier vermitteln. "Schluss mit dem Pessimismus, dem Gerede, dass die Landwirtschaft sowieso kaputt geht und Brasilien alles besser kann", legt Ostendorff nach, "das Land bietet eine echte Perspektive. Der Dümmste macht den Hof, hieß es früher immer, aber das ist kalter Kaffee." Er arbeitet dafür, dass die Bedingungen attraktiver werden, will gerade junge Leute dazu ermutigen, einen Bauernhof zu übernehmen. Während der Internationalen Grünen Woche, Europas größter Ernährungs- und Landwirtschaftsmesse, wird er mit zwei Kollegen aus der Bundestagsfraktion ein Seminar für Existenzgründer anbieten.Damit sollen speziell junge Leute aus der Stadt angesprochen werden, die Landwirtschaft lernen und einen eigenen Hof führen wollen.

Die Begeisterung fürs Bäuerliche ist ihm nicht in die Wiege gelegt. Er wächst zwar auf dem Hof seiner Eltern im westfälischen Kreis Unna auf. Doch zunächst liegen seine Interessen ganz woanders. "Geschichte und Politik habe ich in der Schule mit Leidenschaft gemacht."

Widerstrebend beginnt Ostendorff 1968 dann doch die Lehre zum Landwirt. Als einziger Sohn fühlt er sich Hof und Familie verpflichtet. Während der Ausbildung aber ändert sich seine Einstellung komplett. Denn er entdeckt, "was das für ein toller Beruf ist, Bauer zu sein, draußen in der Natur selbstbestimmt arbeiten zu können". In der Landjugend, der Jugendorganisation des Bauernverbandes, begegnet er Menschen, die ihn ermutigen, selbst politisch aktiv zu werden. So z. B. die evangelische Landjugendpastorin Antje Vollmer, mit der ihn noch heute eine Freundschaft verbindet.

"Hier bei uns auf dem Dorf, da bist du konservativ, in der Kirche und im Bauernverband." Doch vorgeschriebene Wege lehnte Ostendorff schon als junger Mensch ab. "Meine Sache war immer der Protest gegen das Etablierte", so sieht er es. Dieser Eigensinn verband ihn auf gewisse Weise mit dem Vater, wenn politisch die beiden auch Welten trennten. Sein Vater war überzeugter Nationalsozialist. Auch nach dem Krieg hielt er an seinen Ansichten fest, hatte nur Spott für die allzu rasch "Gewendeten". Die Auseinandersetzung mit dem starrsinnigen Vater prägte den 1953 geborenen Ostendorff. Am Thema Faschismus und Krieg kam man in seinem Elterhaus nicht vorbei: Für Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sorgten auch Geschwister der Mutter aus Pommern, ein Onkel, General im Russland-Feldzug, und eine Tante, die einen Kommunisten heiratete und später in der DDR lebte. Friedrich Ostendorff hatte einiges zu verarbeiten, um eigene Antworten zu finden.

1980 ist er bei der Gründung des grünen Kreisverbands Unna mit dabei. Auf Konfrontationskurs mit dem Bauernverband lehnt er schon damals landwirtschaftliche Massenproduktion ab, setzt stattdessen auf Bestandsobergrenzen und artgerechte Tierhaltung. Er engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, 13 Jahre lang ist er Landesvorsitzender in NRW. Aus Überzeugung arbeitet er Ende der 80er Jahre gemeinsam mit Tierschutzbund und BUND an der Entwicklung des NEULAND-Programms. "Der ökologische Landbau hatte damals nur Pflanzen und Boden im Sinn, nicht aber die Tiere. Das hat mir nicht gepasst. Also mussten wir selbst verbindliche Richtlinien für artgerechte Tierhaltung aufstellen."

Ostendorff gehört zu denen, für die das Private das Politische ist. Ganz selbstverständlich. Und dann gibt es da auch noch die Lust an der Veränderung. "Was Neues zu versuchen, das hat mich ja immer gereizt." Vom Kreistag Unna über den Regionalrat des Bezirks Arnsberg führt ihn seine parlamentarische Karriere 2002 in den Bundestag. "Das war keine einfache Entscheidung", muss Ostendorff zugeben. Bekräftigt darin hat ihn seine Frau Ulrike. Sie schmeißt heute den Hof. Das sind 72 Hektar Land, 70 Rinder, 50 Mastschweine, 120 Hühner, ein gut gehender Hofladen.

Manchmal kann er die Sache mit Berlin selbst noch nicht ganz fassen. Vielleicht ist es dem Landwirt deshalb so wichtig zu betonen, woher er kommt und wer er ist. Und sich so oft es geht in den Zug nach Haus in den Wahlkreis zu setzen. Dort kennt ihn jeder und die Arbeit auf dem Hof – das Ausmisten der Ställe, Füttern der Schweine und Herumwerkeln an den Maschinen – hilft abzuschalten. "Nach einer Stunde daheim – da ist Berlin ganz weit weg."

in: profil: GRÜN, 02/2005

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