Britta Haßelmann

Die Einmischerin

"Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben" – da hält es Britta Haßelmann mit Heinrich Böll. Um als Bundespolitikerin auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben, tourt sie gerne durch die Provinz. Ihr Wohnort Bielefeld ist daher mehr als nur Rückzugsort am Wochenende. In mancher Hinsicht geht die Arbeit hier erst richtig los.

In den Städten und dem ländlichen Raum spiegeln sich die Themen, die sie auch im Bundestag beschäftigen, ganz unmittelbar: der demografische Wandel und seine Folgen, die reformbedürftigen sozialen Sicherungssysteme. Britta Haßelmann will Politik machen, die für Jung und Alt etwas anzubieten hat. "Unsere Gesellschaft schrumpft und wird älter, das bedeutet Veränderung. Gleichzeitig wächst unsere persönliche Lebenszeit. Die klassische Normalerwerbsbiografie aus früheren Jahren wird es dagegen so nicht mehr geben. Ich möchte diese Veränderungen gestalten, Anpassungsstrategien und Perspektiven entwickeln", besteht sie auf einer positiven Sicht der Dinge. Auf einer Demografie-Tour durch die Republik hat sie funktionierende Beispiele gefunden (siehe Broschüre Demografie 16/140), in denen die Zukunft schon angekommen ist: in altersgemischten Wohnprojekten etwa oder mobilen Kulturangeboten auf dem Land. Unübersehbar zeichnen sich allerdings auch die Herausforderungen für Städte und Gemeinden ab.

Ein besonderes Anliegen ist der kommunalpolitischen Sprecherin deshalb die finanzielle Stärkung der Kommunen. "Ich will ihre Probleme in Berlin hörbar machen", betont sie. Denn trotz höheren Steueraufkommens steigt die Gesamtverschuldung von Städten und Gemeinden weiter, bürden Bund und Länder ihnen immer noch Kosten auf. In der laufenden Föderalismusdebatte müsse konkret über eine Altschuldenhilfe für die Kommunen verhandelt werden. Grüner Vorschlag: Gelder aus dem Solidarpakt II sollen aus der Schuldenfalle helfen. Außerdem will Haßelmann die Rechte der Kommunen stärken: etwa mit einem Anhörungsrecht für kommunale Spitzenverbände. "Wer Leistung verlangt, muss auch dafür sorgen, dass sie bezahlt wird. Ganz klar brauchen wir z. B. den Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung ab dem ersten Lebensjahr", die Mutter eines 16-jährigen Sohnes weiß, wovon sie spricht. "Der muss dann aber durchfinanziert werden – etwa durch die Änderung der bisherigen Familien- und Eheförderung, u. a. durch die Abschmelzung des Ehegattensplittings."

Politisch stets auf der Suche nach neuen Lösungen, fühlt sich die gebürtige Niederrheinerin privat seit langem in Bielefeld zu Hause. Mit Mann und Sohn lebt sie im Westen der Stadt, einer grünen Hochburg. Noch während ihres Studiums in den 80er Jahren lernte die angehende Sozialarbeiterin dort die Bielefelder Selbsthilfe kennen. Der Verein kümmerte sich um Menschen, die sonst keine Chance hatten, bot ihnen Arbeit in eigenen Betrieben und Wohnmöglichkeiten. Begeistert zog die junge Studentin damals in das besetzte Vereinshaus und arbeitete fortan mit. Gemeinsam mit anderen Initiativen engagierte man sich, die geplante Vernichtung von Wohnraum im großen Stil zu verhindern, mit Erfolg. Sich einmischen und etwas bewirken – dieser Verbindung ist sie bis heute treu geblieben. Und in dem ehemals besetzten Haus wohnt sie noch immer.

aus: profil:GRÜN September 2008

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