Ute Koczy

Die leise Gipfelstürmerin

Die Zeit drängt – es ist bereits fünf vor zwölf. Die entwicklungspolitische Sprecherin der Grünen muss nicht auf die Uhr sehen, um daran erinnert zu werden. Denn auf ihrem Arbeitsplan stehen die ganz großen, die weltumspannenden Themen: die heraufziehende Klimakatastrophe, die ungerechte Verteilung der Rohstoffressourcen oder Aids in Afrika. Ute Koczy hat es fast immer eilig. Auch in diesen Tagen ist sie als Bundestagsabgeordnete mit ihren Themen unterwegs – bei Podiumsdiskussionen, Jugendforen, in ihrem Wahlkreis Ostwestfalen-Lippe oder bei Veranstaltungen wie dem "McPlanet"-Kongress kürzlich in Berlin. Noch rastloser als sonst, denn der Countdown für den G8-Gipfel in Heiligendamm läuft.

"Ganz wichtig ist hier für mich die Ressourcenfrage", sagt die Frau mit dem burschikosen Rotschopf energisch, "kommen Sie, ich zeig Ihnen was." Auf einer der großen Landkarten an ihrer Bürowand fährt sie mit dem Zeigefinger den Amazonas entlang bis Ecuador. Koczy, gelernte Kulturwissenschaftlerin und Geografin, verbindet mit diesem Land besondere Erinnerungen. Denn als Entwicklungspolitikerin im nordrhein-westfälischen Landtag bekämpfte sie den Bau einer von der WestLB finanzierten Öl-Pipeline, die von den Anden bis zum Pazifik große ökologische Schäden anrichtete und den Lebensraum vieler Menschen beeinträchtigte . Dass die Bank auf Koczys Druck immerhin eine Abteilung für Nachhaltigkeit einrichtete, verbucht sie als politischen Erfolg. Die schlanke Frau wirkt zurückhaltend, während sie erzählt. Auftrumpfen ist nicht ihre Sache – ihre Ziele verfolgt sie leise, aber hartnäckig. Auch ohne Getöse lassen sich dicke Bretter bohren.

Der G8-Gipfel bietet dazu Gelegenheit. Hier haben die Grünen bereits im Vorfeld gründliche Arbeit geleistet. So wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Aids-Bekämpfung in Afrika ein Gipfel-Thema sein. Ebenso die Forderung, 0,7 Prozent aus dem Bruttosozialprodukt der reichen Länder in die Entwicklungshilfe zu leiten. "Das wäre eine Traumquote, ich gehe nicht davon aus, dass meine Anträge eins zu eins umgesetzt werden", sagt sie augenzwinkernd. Dennoch: Das "G8-Paket", das Koczy zusammen mit KollegInnen für den Gipfel geschnürt hat, wird seine Wirkung nicht verfehlen, davon ist sie überzeugt. Zur Gesundheitsvorsorge in Afrika fordern die Grünen mehr Mittel für Prävention und Medikamente. Jetzt widmet auch die Bundesregierung diesem Thema mehr Aufmerksamkeit. Koczy fühlt sich bestärkt, aber sie will eigentlich mehr.

"Mir ist es wichtig, die Schöpfung zu bewahren." Sachlich und selbstbewusst sagt sie das. Aus ihrem Mund klingt es ganz selbstverständlich und gar nicht fromm. Obwohl die heute 45-jährige Politikerin streng katholisch aufgewachsen ist. Es geht ihr – ganz konfessionsunabhängig – um Gerechtigkeit. "Warum das bei mir so tief verwurzelt ist?", fragt sie sich. "Vielleicht, weil es auch in meiner Familie zu viele Mitläufer gab, die während der Nazi-Zeit wegschauten, angeblich 'nichts gewusst' haben." Als Politikerin will sie deshalb "genau hinsehen", um die Dinge zum Besseren zu wenden. Dafür verlässt Ute Koczy gern ihren Schreibtisch und informiert sich vor Ort. Kürzlich reiste sie ins Niger-Delta, wo der Shell-Konzern Öl fördert. Seit Jahrzehnten brennt dort bei Umuechem ein Bohrloch, die Bevölkerung muss mit den Folgen leben: Luftverschmutzung, Krankheiten und unbrauchbare Böden. Doch aus dem Profit mit dem Öl sei kein Geld an die Menschen zurückgeflossen, berichtet Koczy und wird dabei sichtlich wütend. Deshalb unterstützt sie Initiativen wie die EITI (Extractive Industry Transparency Initiative). Die 2001 unter Tony Blair gegründete Initiative mit Sitz in Oslo will transparenter machen, wohin die Gewinne aus Erdölgeschäften eigentlich fließen – sowohl bei den Unternehmen, als auch in den Förderländern selbst.

Als Entwicklungspolitikerin hat sie besonders die Ärmsten der Welt im Blick. Damit sind wir wieder beim G8-Treffen angelangt. Denn auch die drohende Klimakatastrophe trifft diejenigen am stärksten, die sich am wenigsten schützen können. In den Vorbereitungen zum Gipfel will sich Ute Koczy dafür stark machen, dass die reichen Länder Verantwortung für ihre verschwenderische Lebensweise übernehmen. Mit ihrem hohen Energieverbrauch sind sie die Hauptverursacher des Klimawandels. Es wäre also nur gerecht, wenn sie die geschädigten Länder unterstützten. "Ich gehe da sicher nicht unrealistisch heran, aber ich möchte Ergebnisse sehen", ihre Augen blitzen kampflustig. "Ohne den G8-Gipfel in Gleneagles vor zwei Jahren wären konkrete Zusagen zur Erhöhung der Mittel, die die reichen Länder in die Entwicklungshilfe leiten, nicht so nach vorne gerückt. Auch in Heiligendamm müssen das Erreichen des 0,7- Prozent-Ziels und mehr Investitionen in erneuerbare Energien eine Rolle spielen." Spricht's und schaut auf die Uhr. Der nächste Termin – sie muss los.

in: profil:GRÜN, 06/2007

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