Porträt: Sven-Christian Kindler

Die Welt verbessern

Die Zeit ist reif für eine grüne Finanzpolitik, findet Sven-Christian Kindler. Im Haushaltsausschuss sitzt er am Drücker.

"Als Schüler habe ich Eckenrechnen geliebt", sagt Sven-Christan Kindler und grinst. Eckenrechnen? Die Kinder stehen in den Ecken des Klassenzimmers, die Lehrerin stellt eine Kopfrechenaufgabe und wer zuerst die Lösung weiß, darf eine Ecke weiter. Meist war Sven-Christian der Schnellste. Schnell ist er immer noch und auch die Begeisterung für Zahlen ist geblieben: Mit 24 Jahren zog der Hannoveraner als jüngster Abgeordneter der Opposition in den Bundestag ein und sitzt seither im Haushaltsausschuss.

"Haushaltsausschuss klingt dröge, ist aber hoch spannend", sagt Kindler. "Das ist in Zahlen gegossene Politik. Hier entscheidet sich, ob wir Rüstungsgüter finanzieren, neue Autobahnen bauen oder Hartz-IV-Leistungen erhöhen. Diese Zahlen bestimmen unser Leben." Mit großen Summen hatte der studierte Betriebswirt auch schon als Controller bei Bosch Rexroth zu tun, im Haushaltsausschuss ging es plötzlich um Milliardenbürgschaften und Rettungsschirme. "Geschreckt hat mich das nicht, aber mir ist die enorme Verantwortung bewusst."

Den Menschen in seinem niedersächsischen Wahlkreis sind Finanz- und Haushaltsthemen eher zu groß, zu weit weg von ihrem Alltag. Das will der 28-Jährige ändern. Er möchte zur "ökonomischen Alphabetisierung" beitragen, die Zusammenhänge aufzeigen. Dass zum Beispiel die Finanzkrise auch etwas mit der ökologischen Krise zu tun hat. Während er erklärt, sprechen Mund und Hände gleichzeitig, dabei ist er hoch konzentriert. Auch von einer amerikanischen Reisegruppe, die gerade das Café stürmt, lässt er sich nicht ablenken. "Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht", sagt Kindler. Wer ihm zuhört, spürt, dass das keine Floskel ist.

"Bei der Atompolitik, die die Grünen unter anderem groß gemacht hat, wussten die Leute anfangs ja auch wenig über die Materie", zieht Kindler die Parallele. "Jetzt können wir mit grüner Finanzpolitik unser Profil schärfen." Ein entscheidender Baustein, um die öffentlichen Haushalte zu sanieren und Spielräume für Bildung oder soziale Aufgaben zu schaffen, ist für ihn die Vermögensabgabe. Damit wollen die Grünen im Bundestag Millionäre stärker in die Pflicht nehmen, auch um die immensen Krisenschulden zu tilgen. "Dass die obersten zehn Prozent mehr als die Hälfte des Vermögens besitzen, ist ökonomisch nicht klug und einfach ungerecht", ist der Haushaltsexperte überzeugt.

Ungerechtigkeit - das war der Anstoß für Sven-Christian Kindler, sich politisch zu engagieren. Als Jugendlicher leitete er bei den Pfadfindern eine Kindergruppe und erlebte, wie ungleich die Chancen in unserer Gesellschaft verteilt sind. "Während die einen im Überfluss leben, reicht das Geld in anderen Familien nicht einmal für ein warmes Mittagessen." "Krass!", fand der 18-Jährige, trat der Grünen Jugend bei und wurde - seinem Talent folgend - Landesschatzmeister. Sein Ziel? "Die Welt verbessern!"

Als Bundestagsabgeordneter versucht Kindler trotz vieler Detailarbeit die großen Zusammenhänge im Blick zu behalten. Da kann Rat von höherer Stelle nicht schaden. Einmal im Monat trifft er sich mit Freunden zum philosophischen Lesekreis, nach Hobbes und Montesquieu sind gerade Horkheimer und Adorno an der Reihe. "Denken kann sehr entspannend sein", sagt Kindler lachend. Dabei ist er alles andere als ein Theoretiker, er sucht das Leben und den Austausch: ob auf Demos, wo er schon mal seine Eltern antrifft, oder in seiner WG, im Gespräch mit Flüchtlingen und Arbeiterfamilien. In Betrieben schaut er sich ebenso um wie in Electro-Clubs oder auf Fußballplätzen. Und im Sommer wird er für ein paar Tage das Jackett wieder gegen die Pfadfinderkluft tauschen, Lagerfeuer und Lieder singen inklusive.

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