Uwe Kekeritz

Ein realistischer Optimist

In Uwe Kekeritz’ Büro hängt eine Weltkarte. Andere Entwicklungspolitiker würden vielleicht auf die Krisenherde zeigen. Nicht so Kekeritz. Er erläutert, wo sich etwas getan hat. Der Abgeordnete aus dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung weiß, es gibt viel zu tun, aber er sieht das Glas halb voll. Der Volkswirt ist Optimist, doch ein realistischer.

Das wird deutlich, wenn der Mann aus Mittelfranken über Fair Trade spricht. Viele Deutsche finden das prinzipiell gut, de facto geben sie gerade mal fünf Euro pro Jahr und Nase für fair gehandelte Produkte aus. Sein Schluss: „Wir haben noch jede Menge Luft nach oben.“ Viel Potenzial sieht er bei der öffentlichen Beschaffung. Darum tourt er seit drei Jahren durch ganz Bayern – mit Erfolg: Viele Kommunen haben erste Beschlüsse gefasst und wollen künftig fairer einkaufen.

Entwicklungspolitik braucht Geduld und die hat der 59-Jährige. Vor dreißig Jahren legte er die Karriere auf Eis, um sich als Hausmann seinen beiden Kindern zu widmen. „Dabei habe ich fürs Leben gelernt, ich könnte heute noch problemlos Windeln wechseln“, gibt er fröhlich zum Besten. Seine Frau sorgte für das Familieneinkommen. Politisch aktiv war er immer. Aber erst als die Kinder groß waren, nahm er so richtig Anlauf. 2009 zog er in den Bundestag ein und übernahm direkt den Vorsitz eines Unterausschusses. Sein Arbeitsfeld: globale Gesundheit, zum Beispiel der Kampf gegen HIV/Aids.

Eines von Kekeritz’ Herzensthemen ist Unternehmensverantwortung. Hier könne man sehen, dass Entwicklungspolitik bei uns anfängt. Kekeritz spricht mit vielen Firmen, die in Schwellenländern produzieren und versucht, dort bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. Zuletzt alarmierte ihn ein Bericht über unhaltbare Zustände in einem Adidas-Werk in El Salvador. Kekeritz wandte sich an die Geschäftsleitung. Als von dort nur lapidare „alles in Ordnung“-Briefe kamen, besorgte er sich eine Aktie und sprach auf der Aktionärsversammlung. Dann machte er sich vor Ort ein Bild. „Der öffentliche Druck hatte Folgen“, berichtet er, „die Löhne im Werk sind nach wie vor miserabel, aber die Arbeitszeiten sind inzwischen humaner geworden.“

Seit fast vier Jahrzehnten befasst sich Kekeritz mit Entwicklungspolitik. Zwei Jahre war er als Lehrer in Kamerun, lernte dort auch die Systemfehler kennen: Statt die Ausbildung junger Menschen zu fördern, gab man viel Geld aus für Helfer aus dem Ausland. Falsche Schwerpunkte führten dazu, dass die „geförderten“ Länder zunehmend ihre Fähigkeit zur Selbstversorgung verloren. „Faire internationale Beziehungen hätten mehr gebracht. Wenn wir die Hilfen aber jetzt kappen, würde das riesige Löcher reißen, in die die Ärmsten der Armen fallen.“ Kekeritz plädiert dafür, die Entwicklungspolitik aufrechtzuerhalten, aber umzugestalten. Zentral ist für ihn, die dramatische soziale Spaltung weltweit zu überwinden. „Reiche werden reicher, Arme ärmer“, kritisiert Kekeritz. Gerechte Verteilung des Wohlstands sieht er als Schlüssel für Entwicklung.

Dies gilt auch in der Eurokrise. „Den Schulden der Staaten steht enormer Reichtum gegenüber“, so Kekeritz. „Nur wenn wir beides gleichzeitig abbauen, können wir die Krise überwinden und staatliche Aufgaben weiter finanzieren. Ob nun Sozialpolitik in Deutschland oder Entwicklungspolitik weltweit.“ Letztere hat keinen leichten Stand dieser Tage, aber Kekeritz lässt sich nicht entmutigen. Die nötige Ausdauer trainiert er auch beim Radfahren. „Dabei kriegt man Klarheit in den Kopf“, sagt er und fügt hinzu: „Wir Grüne haben nicht das Recht zu resignieren. Unsere Aufgabe ist, diese Welt so zu gestalten, dass hier auch zukünftige Generationen leben können. Die Entwicklungspolitik bietet hunderttausend Möglichkeiten.“

in: profil:Grün, Ausgabe September 2012

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