Ulle Schauws im Portrait

Eine Frage der Leidenschaft

Ulle Schauws
Ulle Schauws

Bauernhof, Big Brother, Bundestag - das sind die Stationen der Krefelderin Ulle Schauws. In Berlin setzt sie sich für Frauen- und Kulturpolitik ein.

Von Susanne Sporrer, veröffentlicht in profil:Grün, 3/2017

Sie mag Actionfilme, Katzen, Kunstausstellungen und Öl an den Händen vom Fahrradreparieren. Vor allem aber mag Ulle Schauws Menschen. "Deshalb mache ich Politik, damit es für viele besser und gerechter wird", sagt sie. "Besonders für Frauen, Mädchen, Lesben", fügt sie lachend hinzu. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt die 50-Jährige in ihrem Abgeordnetenbüro "Unter den Linden", der rote Anstecker am Revers fordert "stop rape in war".

Soeben ist die Sprecherin für Frauen- und Kulturpolitik der Fraktion von einer Reise nach Schweden und Dänemark zurück. "Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist dort selbstverständlicher", erzählt sie beeindruckt. "Aber es weht uns jetzt ein antifeministischer Wind entgegen. Die AfD hier und Rechtspopulisten überall wollen frauenpolitische Errungenschaften zurückdrehen", konstatiert Ulle Schauws. Obwohl es sie wütend macht, ist sie überzeugt: "Das lassen sich Frauen nicht gefallen. Im Gegenteil, wie die Women's Marches jüngst zeigen."

Gleichberechtigung ist schon früh ihr Lebensthema. Als Mädchen auf dem Hof der Familie in Krefeld - zwischen Tiere versorgen und Trecker reparieren - stellt sie kritische Fragen: Warum dürfen Jungs in kurzen Hosen in die Schule, Mädchen nicht? Warum hat meist der Bauer das Sagen und nicht die Bäuerin? Warum verweigert mir die Kirche, der Pfarrer, Messdienerin zu werden? Sie kommt zu dem Schluss: Ungerecht, unerklärbar - also änderbar! "Spätestens mit 17 war mir klar, dass die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern an vielen Punkten gewollt ist." Ulle Schauws geht noch zur Schule, als sie anfängt, sich beim Notruf für vergewaltigte Frauen in Krefeld einzusetzen. Der politische Gegenwind schärft ihre feministische Haltung eher. Mit ihrem Vater, einem CDU-Ratsherrn, führt sie stundenlang und leidenschaftlich politische Diskussionen. "Immer wohlwollend, aber je älter ich wurde, desto kontroverser wurden unsere Gespräche in der Sache", erinnert sie sich. Mit 15 demonstriert sie für Frieden und Abrüstung und freundet sich mit Menschen aus der alternativen Szene an, die die Grünen in Krefeld mitgründeten. Ulle Schauws selbst will nicht in die Politik, sie will Filme produzieren - Filme, in denen ihre Vision einer geschlechtergerechten Gesellschaft bereits Realität ist.

Nach einer langen Reise allein durch Neuseeland beginnt sie ihr Studium der Film- und Fernsehwissenschaften, Politik, Geschichte, Frauen- und Geschlechterforschung. Sie stürzt sich in die Dreharbeiten von Filmen und Serien, kreiert als Dramaturgin feministische Actionheldinnen und leitet "schreckliche neun Monate lang" die Internetredaktion von Big Brother. 80-Stunden-Wochen, kurzfristige Verträge, leben mit unsteter Beschäftigung, typisch für den Kreativbereich. Nach fünf Jahren hat sie diesen Zustand satt.

"Ich suchte etwas, wofür ich unabhängig vom Job Leidenschaft entwickeln konnte", sagt Ulle Schauws. Das war die Politik. 2002 wird sie Mitglied bei den Grünen. Begeistert sich fürs Frauen-Mentoring-Programm der Heinrich-Böll- Stiftung NRW - bis heute! Und mit vollem Engagement in der Lokal- und Landespolitik gelingt ihr 2013 der Sprung in den Bundestag. Bestimmt und souverän steht Ulle Schauws am Rednerpult des Plenarsaals, selbst wenn sie sich empört, bewahrt sie ihre Ruhe. "Ich will, dass Frauen selbstverständlich selbstbestimmt leben können", formuliert sie ihr Ziel im Leben wie in der Politik. Mit ganzem Herzen streitet sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die Abschaffung des Ehegattensplittings, die Ehe für alle und nicht nur eine Quote für Regisseurinnen oder im Kulturbereich, sondern Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen. Ebenso für gleiche Rechte von LSBTIQ. Dass Frauenhäuser immer noch Frauen abweisen müssen, weil es nicht genügend Plätze gibt, findet sie skandalös.

Erholung findet Ulle Schauws in ihrem mit Efeu bewachsenen Altbau im belgischen Viertel mitten in Krefeld, um den drei Katzen schleichen. Dort lebt sie mit ihrer Frau, die sie vor 35 Jahren bei den Pfadfinderinnen kennenlernte. Zum Turnen und Schwimmen, was sie jahrelang als Leistungssport betrieben hat, findet sie keine Zeit mehr. Aber wenn es irgendwie passt, setzt sie sich aufs Rad, ob am Niederrhein oder in Berlin. Eine Panne ist kein Problem - im Gegenteil, die hält Ulle Schauws nicht auf. Reparieren - weiter geht's!

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