Porträt

Erfahrung macht Grün

Auf einem Plakat in Elisabeth Scharfenbergs Büro streckt eine alte Frau die Zunge heraus, "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit" ist darunter zu lesen. Ein lakonischer Kommentar, nah an der Wirklichkeit. Scharfenberg arbeitete viele Jahre als Sozialarbeiterin und Berufsbetreuerin. Die Erfahrungen, die sie dort machte, prägen ihren politischen Gestaltungswillen: "Wir brauchen ein Pflegesystem, das den Menschen in den Mittelpunkt rückt und seine Würde achtet. Was jemand individuell braucht, kann ja ganz unterschiedlich sein: Pflege zu Hause, betreutes Wohnen oder ein Lebensabend in einem Mehrgenerationenhaus. Doch wir werden dieses Angebot nur mit Hilfe neuer Strukturen und einer finanziellen Aufstockung in der Pflegeversicherung hinkriegen", stellt sie gleich zu Beginn unseres Gespräches klar.

Ihre Kritik an der jüngsten Reform der Pflegeversicherung fällt heftig aus. "Lächerlich" nennt sie das "Reförmchen" der großen Koalition. "Ein Tropfen auf den heißen Stein" sei die Beitragserhöhung um 0,25 Prozent, die das Volumen der Pflegeversicherung auf 20 Milliarden Euro erhöhen soll, empört sich die pflegepolitische Sprecherin der Fraktion. Nur mit mutigen, tiefgreifenden Strukturreformen, so Scharfenberg, könne man hier etwas bewegen. Nach grünem Willen muss deshalb eine solidarische Bürgerversicherung her. Sie soll eine solide finanzielle Basis auch für die Menschen schaffen, die nicht mehr selbstständig leben können. "Mit der Spaltung in privat und gesetzlich Versicherte muss Schluss sein", fordert die 45-Jährige. Stattdessen sollten alle Bürgerinnen und Bürger – ihrem Einkommen entsprechend – gemeinsame Kasse machen. Aus dem großen gemeinsamen Topf könnten die wichtigen Pfeiler im Pflegesystem finanziert werden: "Case Management", was nichts anderes bedeutet als die individuelle, unabhängige Beratung und Begleitung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen – am besten in wohnortnahen, dezentralen "Pflegestützpunkten". 4.000 solcher Anlaufstellen waren zu Beginn der Reform noch geplant, 1.200 sind davon übrig ge-blieben. "Wohnortnah ist etwas anderes", stichelt Scharfenberg. Außerdem fürchtet sie: "Es könnte zu einem löchrigen Flickenteppich solcher  Stützpunkte kommen." Denn ob und wie viele  es davon überhaupt geben wird, entscheiden die einzelnen Länder. Entgegen den grünen Forderungen nach einer unabhängigen Beratung sind zudem die neu eingeführten "PflegeberaterInnen" bei den Pflegekassen angegliedert. "Das heißt, den Bock zum Gärtner zu machen", beklagt Elisabeth Scharfenberg das Ende einer guten Idee.

Vor allem die Situation der strukturschwachen ländlichen Regionen kennt sie aus eigener Erfahrung. Sie berichtet von dem alten Mann, der in mittelalterlichen Verhältnissen ohne Strom und Wasser auf seinem Hof zurückgeblieben war. "Er war sehr erleichtert, als ich ihm eine passende Pflegeeinrichtung vermitteln konnte", erinnert sich Scharfenberg. Seit 17 Jahren lebt die gebürtige Hessin schon in ihrer Wahlheimat Oberfranken. Ein 100 Jahre altes Bauernhaus, das sie mit ihrem Mann und der jüngsten von vier Töchtern bewohnt, ist ihr Zuhause. Umgeben von einem großen Garten, in einer Landschaft, die ihr Ruhe und Kraft vermittelt. "Ich bin ein bekennendes Landei" lacht Elisabeth Scharfenberg. Schon auf dem Bauernhof ihrer Großmutter "ging sie in die Lehre" und erwarb unter anderem ihre beeindruckenden Kenntnisse über Hühnerrassen, mit denen sie nun in den örtlichen Geflügelzuchtvereinen brillieren kann. "Es ist nämlich das New-Hampshire-Zwerghuhn, das die meisten Eier legt. Klein und fleißig – es ist halt im Hühnerhof wie in der Politik: Nicht immer sind die Großen auch die Produktivsten."

 

 

aus: profil:GRÜN, Dezember 2008

 

 

 

4395910